Der Patriarch

Er kann sich nicht erinnern, jemals nicht Piano gespielt zu haben: Chucho Valdés ist einer der bekanntesten kubanischen Jazzmusiker. Am Samstag eröffnet der 75-Jährige das 42. Jazzfestival Bern.

Meister aus Kuba: Pianist Chucho Valdés (75).

Meister aus Kuba: Pianist Chucho Valdés (75).

(Bild: zvg)

Als Fidel Castro nach langen Kämpfen am 8. Januar 1959 triumphierend in Havanna einzog, waren nicht alle begeistert. Chucho Valdés war damals 17 Jahre alt und bereits aktiv in der Musikszene der kubanischen Metropole.

Der heute 75-Jährige erinnert sich: «Mein Vater konnte nicht akzeptieren, dass nach der Diktatur der Rechten statt der erhofften Demokratie wiederum eine Diktatur, diesmal von links, Einzug hielt.» Vater Bebo zog ins Exil, zuerst nach Mexiko, dann nach Europa, Sohn Chucho aber blieb. «Ich wollte die Arbeit mit meinem Pianotrio weiter­führen. Wir waren erfolgreich mit amerikanischem Jazz à la Bill Evans und Oscar Peterson.»

Künstlerische Identität

Als Sohn eines Pianisten und einer Pianistin begann Chucho als Dreijähriger mit dem Klavierspiel. «Ich kann mich nicht erinnern, jemals nicht Piano gespielt zu haben», sagt er. Die Entscheidung, in Kuba zu bleiben, sollte sich als glücklich erweisen.

Zwar war sie kurzfristig ungünstig im Hinblick auf eine rasche, internationale Anerkennung, dafür half sie Chucho auf dem Weg zur eigenen künstlerischen Identität. Im Völkergemisch von Havanna, in dem la­teinische Rhythmen, karibische Traditionen und unter katholischem Mäntelchen sogar afrikanische Götter sich begegnen und zum heissen Gebräu vereinen, fand er jene Kraft, die sein Spiel und seine Kompositionen, die er als musikalische Storys gestaltet, von nun an prägten.

Technische Versiertheit

Sein Entscheid war besser als jener des Vaters. Während Bebo im schwedischen Exil zwar eine Gattin, aber kaum musikalische Beachtung fand, gings mit Sohnemann Chucho in Havanna steil aufwärts. Mit technischer Versiertheit, die an den berühmten Pakt mit dem Teufel erinnert, und künstlerischer Versessenheit führte er die von ihm mitgegründete Band Irakere zu internationalem Erfolg.

Es war alles andere als leicht, denn der kommunistischen Kulturpolizei war Chuchos Wirken suspekt. «Sie betrachteten den Jazz als Musik der Imperialisten. Ich entgegnete: ‹Es waren die gleichen Afrikaner, die als Sklaven nach New Orleans und nach Kuba verfrachtet wurden, also darf es zwischen diesen Kulturen keine Mauer geben.›»

Intime Form

Chucho, der in seiner Karriere sechs Grammys gewann, war nie Anhänger des totalitären Systems, aber er ist, im Gegensatz zu Landsleuten wie Paquito D’Rivera und Arturo Sandoval, geblieben und hat es nie bereut. Nur in Kuba konnte er sich zu dem entwickeln, was er heute ist: der Pa­triarch des kubanischen Jazz.

An der Eröffnungsgala des Jazzfestivals Bern im Kursaal spielen die Starpianisten Chucho, Joey Alexander und Robi ­Botos am kommenden Samstag jeweils mit ihren Trios. Diese intime Form ist für jeden Pianisten eine Herausforderung, bietet aber viel Raum. Freiheit sorgt für Spannung. Was wird Chucho Valdés dem Berner Publikum servieren?

Ein kubanisches «Bacalao con pan», das berühmte Fischsandwich, das schon Hemingway mochte und das in musikalischer Zubereitung einst ein grosser ­Irakere-Hit war, oder die tragische Geschichte «Afro-Comanche» über die von den Spaniern nach Kuba verschleppten Indianer? Oder erweckt er mit «Yemayá» die westafrikanischen ­Yoruba-Geister, die in der afro­kubanischen Kultur bis heute weiterleben?

Chucho sagt: «Meine Vorfahren waren Sklaven aus Westafrika und hatten afrikanische Namen. Sie gehörten einem Gutsbesitzer namens Valdés. Darum nennt man mich Valdés. Wie ich richtig heisse, weiss ich nicht. Aber ich kenne meine Wurzeln. Sie sind afrikanisch.»

Jazzfestival Bern

Nach Jazz zur Eröffnung des Jazzfestivals im Kursaal folgen im Marians drei Wochen Blues. Toronzo Cannon macht den Anfang. Seine Karriere begann in Chicago. Auch Charlie Mussel­white, zwar mit Elvis Presley in Memphis aufgewachsen, hat seine Sporen in der Windy City abverdient. Der dritte Blueser, Selwyn Birchwood aus Florida, verkörpert südliche Spielarten.

Topmusiker unterschiedlichster Couleur aus den wichtigsten Stilbereichen afroamerikanischer Musik folgen anschliessend in wöchentlichem Wechsel. Am 20. Mai findet in und ums Hotel Innere Enge die Abschlussparty statt. Die Konzerte mit Nachwuchstalenten aus der Schweiz und den USA im Festivalzelt sind gratis.

Daten:11. März bis 20. Mai. Eröffnungsgala:Sa, 11. März, 20 Uhr, Kursaal, Bern. Detaillierte Infos:www.jazzfestivalbern.ch.

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