Der Junge mit den Kaleidoskop-Liedern

Jahrelang tüftelte Balduin in der Abgeschiedenheit seines Studios am perfekten Song. Jetzt brachte der Berner Musiker seinen luziden Sixties-Pop auf die Bühne der Rössli-Bar.

Wuschelköpfiges, bebrilltes Berner Wunderkind: Balduin bei seinem Konzert in der Rössli-Bar.

Wuschelköpfiges, bebrilltes Berner Wunderkind: Balduin bei seinem Konzert in der Rössli-Bar. Bild: Beat Mathys

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1967? Lange her! Das Jahr von «Sgt. Pepper» und des Summer of Love. Die Zeit der Flower-Power und der Pop-Explosion. Der Höhepunkt von LSD und «2000 Light Years from Home».

Die Berner Reitschule hingegen war damals nur noch ein in die Jahre gekommener Pferdestall mit Lagerräumen. Sie wartete auf ihre subkulturelle Erweckung, die exakt 20 Jahre später stattfand, angetrieben von einer bewegten und unzufriedenen Jugend. Irgendwann dazwischen wurde Claudio Gianfreda geboren, der später den Künstlernamen Balduin übernahm. Ein wuschelköpfiges, bebrilltes Berner Wunderkind, von klein auf mit der DNA des Pop vertraut.

Zeitlose Bijous

Letzten Donnerstag versöhnte Balduin den erleuchteten Geist von 1967 mit dem knalligen Sturm und Drang von 1987. Nach Jahren des Eremitendaseins im selbst betriebenen Creative Cookery Studio zog es ihn für ein seltenes Konzert auf die Bühne der Rössli-Bar in der Reitschule. Mit dabei hatte er eine Handvoll Vinylplatten, die auch wegen ihrer von den Berner Graphic-Designern Büro Destruct gestalteten Verpackungen zeitlose Bijous sind.

Balduin ist das Gegenteil eines Lokalmatadors. Jedes Mal, wenn er auf dem englischen Liebhaberlabel Sunstone Records neue Musik veröffentlicht, übertreffen sich seine weltweiten Fans in Lobpreisungen. Man hat den Berner Musiker im Internet schon mit dem Beach-Boys-Genie Brian Wilson, Pink-Floyd-Gründer Syd Barrett und mit Paul McCartney verglichen. Doch im Bern von 2018 kennt Balduin kaum jemand.

Drachen und Vampire

In den Kopf gestiegen ist Balduin weder die Verehrung seiner Fangemeinde noch sein eigener bewusstseinserweiternder Psychedelic Pop. Jeden der Songs, die er im Rössli spielte, führte er kurz ein, die Texte las er ab Blatt. Da geht es etwa um die Flughöhe von Drachen, verliebte Vampire oder regenbogenfarbene Augen. Farben faszinieren den verspielten Songwriter ohnehin, und so funktioniert seine luzide Musik wie ein Kaleidoskop. Alles fliesst ineinander, sanft und ohne Zwang.

Während Balduin für seine Platten sämtliche Instrumente im Alleingang einspielt, konzentrierte er sich im Rössli auf seine Gitarre und vertraute ansonsten auf eine vierköpfige Band. Die bewältigte ihre alles andere als einfache Aufgabe souverän und kam auch in den vertrackteren Passagen selten ins Schliddern. Dass zwei der Musiker sonst mit der Band Dead Bunny kompromisslosen Alternative Rock spielen, brachte einen willkommenen Schuss 2018 in die von Mellotron und melodiösen Bassläufen umgarnten Livearrangements und holte diese nach Ausflügen auf dem Zauberteppich wieder auf den Boden der Realität.

Sitarklänge

Der zurückhaltende Balduin mag kein geborener Entertainer sein, doch das ist bei einem Sound, der so reichhaltig und verspielt ist, auch nicht unbedingt gefragt – und könnte gar ein Störfaktor sein. Seiner kleinen, aber verschworenen Fangemeinde blieb er dennoch nichts schuldig. Am Schluss des Konzerts setzte sich Balduin im Schneidersitz auf die Bühne und beugte sich über eine indische Sitar, der er fremde, obertonreiche Klänge entlockte wie einst George Harrison auf seiner spirituellen Suche. Die Zeit stand still.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 09.11.2018, 08:58 Uhr

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