Der ist immer so

Stadt Bern

Urs Gehri alias Mani Porno legt mit seiner neuen Band Melker sein zweites Album vor. Live hats noch Luft nach oben.

Wirkte anfangs etwas nervös: Urs Gehri, der sich neuerdings Gaviões nennt, Frontmann von Melker.

Wirkte anfangs etwas nervös: Urs Gehri, der sich neuerdings Gaviões nennt, Frontmann von Melker.

(Bild: Manuel Zingg)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Urs Gehri, oder Gaviões, wie er sich neuerdings nennt, tritt auf die Bühne, nimmt einen Schluck Rum, singt zwei Strophen, und der fast zwei Meter grosse Mann links vor der Bühne fragt seine Freundin im breitesten Zürcher Dialekt: «Ist der immer so?» Sie nickt lächelnd. Er sagt: «Ah. Okay. Gut!»

Ja, der ist immer so.

2013 versorgte Breitenrain-Lokalheld und Trash-Rabauke Urs Gehri sein Mani-Porno-Projekt in der Abstellkammer. Vor zwei Jahren kehrte er mit seiner neuen Band Melker zurück. Jetzt hat die neue Formation bereits das zweite Album veröffentlicht. Am Freitagabend wurde es im ISC getauft.

Ein guter Schuss Arroganz

«Roc» heisst es, und es ist noch besser als das Debüt «2-10». Der leicht trashige, kuriose Synthie-Pop kommt noch geschliffener, kompakter, ja cooler daher, abgerundet, mit einem guten Schuss Arroganz. Im besten Fall erinnern die Lieder an Depeche Mode, an The Smiths auch – oder an Falco. Immer mal wieder zerkratzen harte Gitarrenriffs die glänzende Oberfläche dieser schrillen Popklangwelten. Es scheint ein Album zu sein, das gerade auch die Jungen begeistert, weil der Sound so modern selbstgefällig, abgedreht, schrill daherkommt und dabei elegant bleibt.

Melker hat offenbar auch schon in Zürich das eine oder andere WG-Zimmer zum Beben gebracht, wie das ein anderer, studentisch wirkender junger Mann am Freitag erklärte. Melker sei wohl das Beste, was Bern gerade so zu bieten habe. Was die neue Platte angeht, kann das durchaus der Fall sein. Live ist das leider noch ein bisschen anders.

Es gibt Männer, die noch im elegantesten Anzug schmuddelig aussehen. In dieser Analogie war die Band musikalisch der äusserst eleganter Dreiteiler, mit dem geschulten Fred Bürki am Schlagzeug, Philipp Schlotter an den Keyboards und dem erfahrenen Marco Loso an den Saiteninstrumenten. Sie spielten so gekonnt wie virtuos, unverschämt selbstsicher. Nur dem Sänger wollte das Ganze irgendwie nicht so richtig stehen.

Diese Diskrepanz kann im besten Fall ein interessantes Spannungsfeld öffnen, im schlechteren aber auch schlichtweg unharmonisch, chaotisch, unvollkommen wirken. Klar, Gaviões hat seine Fans, und er hat seine Rolle zu spielen. Und dafür wird er auch geliebt. Aber gerade bei einem solch professionell und dicht daherkommenden Sound stand dem Trash-Prinzen das Zurückfallen in manipornohaftes Getue eher weniger.

Unkitschig romantisch

Anders auf der Scheibe, dort sitzt der Anzug perfekt. Dort wird die hohe, etwas spöttische, nasale Stimme Gaviões getragen, ist sauber in die Musik eingebettet und kann ihre ganz eigene Wirkung entfalten. Und dort kommen auch diese herrlich skurrilen, amüsanten, klugen und unkitschig romantischen Texte viel besser rüber.

Im ISC war der Frontmann anfangs ein bisschen nervös. Und natürlich bot er eine Show, zum Teil eine Ego-Show, liess die Band auch mal ratlos zurück. Er erzählte seine Geschichten, fragte sich, ob «Black Friday» nicht rassistisch sei, und schlug stattdessen «bunter Friday» vor. Er sprach auch schon vom nächsten Album und dass er es dann ein wenig gediegener taufen wolle, so à la Musikfestspiele Melker. Dazwischen warf er Popcorn in die Menge, tanzte, kniete, seufzte, stöhnte ins Mikrofon.

Der Abend war dann auch ein guter Mix aus etwa einem halben Dutzend neuer Songs, wobei «Jeanshose» mit der Zeile «die cha mir niemer abe zieh» ein Höhepunkt war. Ganz im Element schien Gaviões dann bei «Number One» zu sein. Es war eines der letzten Stücke. Anschliessend gabs noch ein paar Zugaben, das grossartige «Robin Hood» der ersten Melker-Platte, ein «Ihr seid alle so hässlich»-Ausruf und ein geglückter Stagedive in die Menge.

Ja, der ist immer so.

Melker: «Roc», Warner Brothers Recordings. Nächstes Konzert:Fr, 7. 12., Barbière, Bern.

Berner Zeitung

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