Zum Hauptinhalt springen

Der bekiffte Prediger

Knackeboul tourt mit seinem «Pottcast». Wie so oft blödelt er – und möchte trotzdem ein linker Intellektueller sein.

Tim Wirth
Lukas Gantenbein und David Kohler produzieren gemeinsam den «Pottcast». Bild: Reto Oeschger.
Lukas Gantenbein und David Kohler produzieren gemeinsam den «Pottcast». Bild: Reto Oeschger.

David Kohler hat zwei Identitäten. Der seichte Knackeboul erzählt gerne davon, wie er sich alle fünf Minuten die Ohren putzt. Für «Watson» produziert er Videos, in denen er zehn Typen von Partygängern nachäfft.

Der ernste Knackeboul hingegen hält Monologe über Flüchtlinge auf der Insel Samos. Er moderiert im Zürcher Schauspielhaus mit der Autorin Sibylle Berg einen Talk. Und er rappt über antisemitische Narrative.

In seinem «Pottcast» vereint David Kohler beide Ichs. Bis zu 10000 Personen hören auf Spotify zu, wenn er und der Rapper Lukas Gantenbein (Luuk) high über Essen und die Welt philosophieren. Am Donnerstag haben sie das Format zum ersten Mal live auf die Bühne gebracht.

Tiefes Niveau ist Programm

Ein wichtiges Stilmittel des «Pottcasts» sind verdrehte Wörter: «Jickel Mackson», «Rank Fribery», «Papa Gauland». Der 37-jährige David Kohler erinnert sich auf seinem Sessel im ausverkauften Luzerner Treibhaus, wie er früher Hundeguetsli «knüsperlet het». Später erkürt er «Knackarschbul» zu seinem Porno-Namen.

Als «Podcast mit tiefem Niveau» ist die Show angekündigt. Und doch sagt Knackeboul: «Ich will gesellschaftlich relevant sein.» Wenn er mit dem knapp zehn Jahre jüngeren Luuk diskutiere, käme er rasch in den Predigermodus. Über die AfD ereifert er sich dann, über das WEF und über Blocher.

Auch auf Social Media sendet Knackeboul stetig: linke Positionen in Kleinbuchstaben, meist empört. Obwohl er für vier Tage offline sein will – Bergferien – twittert er ein Video: Eine Asiatin hustet im Zug. Ihre Sitznachbarn halten sich aus Angst vor dem Coronavirus die Jacke über den Mund. «So sind die Menschen», schreibt Knackeboul dazu.

Beim Rap-Event «Cypher» schrie er kürzlich am Schluss seines Freestyles: «I bi Antifa.» Im «Pottcast» gibt er manchmal Abstimmungsempfehlungen. «Meine Meinung ist nicht links», sagt Knackeboul, «sondern lösungsorientiert und vernünftig.»

Online hat er sich mal über «die verdammten Hurensöhne von der Jungen SVP» aufregt, die «rassistische Kackscheisse verbreiten». Daraufhin nannte ihn die «Weltwoche» auf der Titelseite «Hassprediger». Sibylle Berg, seine Co-Moderatorin im Zürcher Schauspielhaus, empfindet das Gegenteil. Knackeboul habe eine freundliche Weltbetrachtung. Sie sei süchtig danach.

Am Cypher schloss Knackeboul mit: «I bi Antifa». (Video: SRF)

Oft angegriffen

Wenn sich Knackeboul in der Zürcher Kronenhalle bekifft Butter in die Augen schmiert und er danach darüber in seinem «Pottcast» erzählt, empört sich niemand. Angegriffen wird viel eher der ernste David Kohler, der Prediger.

Im Talk «Late Life» kritisierte er 2018 den Journalisten Daniel Ryser. Sein Buch über Roger Köppel gebe dem SVP-Nationalrat eine riesige Plattform. Ryser fragte zurück: «Hast du das Buch denn gelesen?». Knackeboul verneinte – und wurde von Ryser vorgeführt. Er sei ein Typ, der sich auf jede Bühne stelle und eine grosse Klappe habe, sagte der Journalist.

Knackeboul kristisierte im Talk «Late Life» Daniel Rysers Buch, obwohl er es nicht gelesen hat. (Video: Late Life)

Beim «Pottcast» hat Knackeboul dieses Thema wieder eingeholt. Ein Hörer meldete sich und sagte, dass er gefährliches Halbwissen verbreite. «Es ist keine Wissenssendung», sagt David Kohler. Die Hörerinnen sollten sich fühlen, als ob sie mit Freunden am Tisch sässen. Da recherchiere man ja auch nicht alle Aussagen.

In Luzern rollen manche «Pottcast»-Zuhörer in der Pause einen Joint. Einer erzählt, dass er am Morgen auf der Fahrt zur Arbeit manchmal laut lachen müsse, wenn er Knackeboul und Luuk zuhöre. «Bekiffte Leute halt.»

Knackeboul sagt, er sei schnell «verstrichen». Zwei oder drei Züge reichten ihm. Wieder auf der Bühne, sitzt er aufrecht und spricht über Trump. Dass der Senat den Präsidenten im Impeachment-Verfahren freigesprochen habe, sei ein Skandal. Doch schon mit dem nächsten Satz fläzt sich David Kohler wieder in seinen Sessel, feixt über Trumps «Schnäbi». Es scheint, als wisse er manchmal selbst nicht, welchen Knackeboul er gerade sein will. Spotify jedenfalls listet den «Pottcast» unter dem Genre Kunst.

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch