Der Antirockstar

Wirkt verwirrt, weiss aber genau, wie Hits entstehen: der amerikanische Gitarrist und Songschreiber Kurt Vile.

Einer wie kein anderer: Zweimal Kurt Vile. Foto: Matador Records

Einer wie kein anderer: Zweimal Kurt Vile. Foto: Matador Records

Er spielt in seiner eigenen Zeitzone. Auf seinen Platten, an seinen Konzerten wie am Samstag im Zürcher X-tra. Und wie Kurt Vile das macht, maskiert mit einer Lockenmähne, hinter der er sein bleiches Gesicht zumVerschwinden bringt, vornübergebeugt über die Gitarre, aus der dann glänzende und kreisende Töne erklingen, kann schon wirken, als sei Kurt Vile bloss ein verpeilter Musiker. Einer, der stoned sein Ding dreht. Natürlich weiss der Amerikaner, dass man ihn so sehen kann. Aber wie er in einem seiner zerdehnten Songs in einer überaus schmucklosen Sprechgesangsstimme gleich selbst singt: Das stimme nicht. Er sei nur in seiner Zone, ganz ohne Drogen, und suche nach goldenen Klängen, sagt Vile.

Abgesehen von dieser Aussage, die den Charakter dieses Antiperformers und Antirockstars recht gut umreisst, unternehmen Vile und seine drei Weggefährten der Band The Violators auf der Bühne aber nicht viel mehr dagegen, um diesen Eindruck des ziellosen Driftens zu zerstreuen. Denn bei ihnen ist nichts auf zack, nichts auf Ekstase und den Moment gebürstet. Man findet also all das nicht, womit man gewöhnlich ein Rockkonzert verbindet. Lieber spielen und schlaufen sie sich ein in die Songs, die vom Classic Rock zehren, von Dylan und Neil Young, und die noch viel weiter zurück reisen in der Geschichte des amerikanischen Folk.

Tinkturen und Salben

Mit dieser Musik, die sich Zeit nimmt und Zeit benötigt, wurde Kurt Vile zu einem jener wenigen Gitarristen und Songschreiber der Gegenwart, auf den sich selbst Rockverächter einigen können. Ein Musiker, dem in Zeiten, in denen Gitarrenmusik nun wirklich keine Hauptrolle spielt, mit «Pretty Pimpin» ein Instant-Hit gelungen ist – über 45 Millionen Streams auf Spotify.

Ja, er möge eben auch eingängige und kompakte Popsongs, sagt Kurt Vile vor dem Konzert im Backstageraum. Der 38-Jährige aus Philadelphia erinnert dann an sein Debütalbum «Constant Hitmaker», das er erst vor zehn Jahren veröffentlicht hat, und ­natürlich wirkte dieser Titel zunächst komisch, aber das Schreiben von Popsongs, von Hits, das sei schon auch ein Ziel von ihm. Während er sehr freundlich und auch sehr kurz antwortet, kümmert sich Vile, der vor dem Abheben seiner Karriere als Gabelstaplerfahrer arbeitete, selbstvergessen um verschiedene Kräutertinkturen und Salben. Seine Frau habe ihm diese Ayurveda-Mittelchen empfohlen, die ihm helfen, sagt er, denn ja: Migräne und überhaupt die Gesundheit auf Tour, mit dem vielen Fliegen, dem Unterwegssein.

Als ein kleiner Teil des Publikums beim akustisch vorgetragenen «Dust Bunnies» mitklatscht, sagt er verbindlich: «Thanks, but no thanks.»

Unterwegs hat er auch sein neues, achtes Album «Bottle It In» geschrieben und eingespielt. Es ist ein Album geworden, auf dem er weniger als «Hitmaker» erscheint, sondern Songs entwickelt, die das Zeitgefüge ausdehnen. Da darf die erste Single des Albums, «Bassackwards», auf der sich der Erzähler immer dorthin träumt, wo er nicht ist und wo er nicht sein kann, schon mal zehn Minuten dauern. «Ich wusste gar nicht, dass die Songs so lange dauern, doch kürzen wollte ich sie nicht mehr.» Es sei halt so, dass er die Dinge lieber langsam nehme und die flüchtige Gegenwart nicht unbedingt seine Welt sei: «Die Smartphones sind ja schon nützlich, aber sie nehmen überhand», sagt Vile, der im Song «Mutinies» darüber berichtet, wie ihm ein solcher kleiner Computer in der Hand explodiert.

Man sollte ihn aber keineswegs mit einem früh vergreisten Traditionalisten verwechseln. Bei Kurt Vile spielt bloss der ­Optimierungsdrang keine Rolle. Und ganz verloren für den Moment ist einer wie er während seines Auftritts dann doch nicht: Als ein kleiner Teil des Publikums beim akustisch vorgetragenen «Dust Bunnies» mitklatscht, sagt er verbindlich: «Thanks, but no thanks.» Und spielt und singt dann in seinem unverbindlich scheinenden Stil weiter, bis man angekommen ist – in der ganz eigenen Zeitzone von Kurt Vile.

Kurt Vile: «Bottle It In» (Matador/MV)

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