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Den Schmerz wegtanzen

Zwölf Jahre sind seit dem letzten Album vergangen: Nun ist die Berner Sängerin Jamie Wong-Li zurück. Mit Songs, die den Schmerz tanzbar machen.

Maria Künzli
Jamie Wong-Li: Das Album ist Abschluss und Anfang zugleich.
Jamie Wong-Li: Das Album ist Abschluss und Anfang zugleich.
Beat Mathys

Ob sie nicht ein bisschen weniger emotional singen könnte, meinte kürzlich ein Veranstalter zu Jamie Wong-Li. Eine Forderung, ­etwa gleich sinnvoll, als würde man einen Vogel bitten, doch mal ein bisschen weniger zu fliegen.

Das Besondere an Wong-Lis Stimme ist gerade die emotionale Tiefe. Die Trauer, der Schmerz, die Liebe. Kurz: das Leben. All das steckt in dieser Stimme. Jamie Wong-Li kehrt beim Singen ihr Innerstes nach aussen, sodass man sich beim Zuhören ein wenig ertappt fühlt, als würde man sie heimlich belauschen.

Sieben dürre Jahre

Es ist einer dieser schwülheissen Nachmittage in Bern, an denen man nicht weiss, ob gleich ein ­orkanartiges Gewitter aufzieht. Oder ob rein gar nichts passiert. Jamie Wong-Li sitzt im Schatten, trinkt kalten Kaffee und ist ein wenig nervös.

Es sei ihr erstes Interview seit zehn Jahren, erzählt sie. Die Bernerin veröffentlichte vor zwölf Jahren ihr erstes Soloalbum («Golden Child») mit warmtonigen, auf Harmonie bedachten Songs zwischen Jazz und Pop. Es gab gute Kritiken, treue Fans, viele Konzerte auch im ­Ausland.

Dann wurde es wieder still um Jamie Wong-Li. «Sieben dürre Jahre» folgten, wie sie sagt. Mit Auf und Ab, mit Krisen, Höhenflügen, Enden und Neuanfängen. Verschiedenen Jobs, guten und schlechten. Ein Kind ist passiert. Ein Junge, mittlerweile drei Jahre alt. All das hat die Arbeit am zweiten Soloalbum in die Länge gezogen.

«Musik lässt sich nicht erzwingen, ebenso wenig wie Liebe», sagt Jamie Wong-Li, die ihr Alter lieber für sich behält. Mutter zu sein, sei etwas Wunder­bares, aber es habe sie erst mal unglaublich gefordert und auch überfordert, erzählt sie. Für die Kunst blieb keine Zeit, für sich selbst schon gar nicht.

Die Musikerin litt an postnataler Depression, biss sich durch, bis es nicht mehr ging. «Irgendwann war ich psychisch und physisch am Ende. Alle Kraft, die ich hatte, habe ich meinem Sohn gegeben.» Erst spät liess sie Hilfe zu. «Erst nach zwei Jahren konnte ich wieder auf Leute zugehen, und langsam erwachte auch die Künstlerin in mir wieder.»

«Irgendwann war ich am Ende. Alle Kraft, die ich hatte, habe ich meinem Sohn gegeben.»

Jamie Wong-Li

Jamie Wong-Li spricht, wie sie singt. Sie ist ehrlich, kehrt ihr Innerstes nach aussen. Was sie sagt, ist immer persönlich, sodass man sich auch im Gespräch manchmal ertappt fühlt. Als würde man auch hier nicht nur zuhören, sondern sie belauschen.

Das neue Album ist gleichzeitig Rückbesinnung wie Neuanfang. Rückbesinnung, weil es mit dem Fokus auf elektronische Musik da anknüpft, wo Jamie Wong-Li mit ihrer ersten Band Smartship Friday einst angefangen hat: beim Trip Hop und beim House. Neuanfang, weil es gemeinsam mit dem ungarisch-schweizerischen Hip-Hop- und Techno-Produzenten Elwont (Boys on Pills) entstanden ist.

Die beiden führten privat und beruflich eine Beziehung, Elwont ist der Vater von Wong-Lis Söhnchen. Vor einigen Monaten ging die Beziehung in die Brüche. «Deshalb steht das Album für mich für einen Abschluss und gleichzeitig für den Anfang eines neuen Lebensabschnitts», sagt Jamie Wong-Li.

Mit traumatischen Brüchen hat die Hongkong-Schweizerin Erfahrung. Im Alter von sechs Jahren zog sie mit ihrer Mutter in die Schweiz. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Es dauerte Jahre, bis sie sich heimisch fühlte. Bis sie verstand, dass man die Wurzeln in sich trägt, immer. Und dass Musik Halt geben kann.

Vom Willen, zu überleben

Von den Songs des neuen Albums wird wohl keiner vorn in der ­Hitparade landen. Zu eigensinnig klingt das alles. Das Titelstück «Morphine» handelt von einer unglücklichen Liebe, vom täglichen Kampf – und vom Willen, zu überleben. Wie eine Dompteurin scheint Wong-Lis Stimme mit den ätherischen Beats zu jonglieren.

Das Album ist geprägt von elektronischen Rhythmen, nur selten, etwa in «Home», ist da diese soulige Sanftheit, die das Debütalbum prägte. Es sind dunkelgraue Songs für schwarze Tage, keine wirklichen Ohrwürmer, und dennoch sind sie tanzbar. ­Ihre Schönheit liegt im Kontrast zwischen der samtenen Stimme und den kalt-spröden Beats, in der Tanzbarkeit des Schmerzes.

Auf die grossen Bühnen zieht es die Bernerin mittlerweile nicht mehr, sagt sie. Sie wolle nicht mehr um jeden Preis erfolgreich sein. «Um am Radio gespielt zu werden, müsste ich mich musikalisch prostituieren.» Heute macht sie, was sie will, mit «Morphine» und mit einem Jazzquartett, das sie kürzlich gegründet hat.

Jamie Wong-Li rückt die Träger ihres Kleides zurecht, blickt zum diesigen Himmel und sagt: «Die Musik ist eine von vielen Leidenschaften.» Schon seit dem Teenageralter sei sie von Astrologie fasziniert, erzählt die Widderfrau Wong-Li. Regelmässig bietet sie astrologische Sitzungen an. Leute zu beraten, sei ein ähnliches Gefühl, wie auf der Bühne zu stehen.

«Die Aufregung vorher ist dieselbe, und bei beidem durchfährt mich eine Art göttlicher Funke», sagt sie und lacht. Es sei schön, anderen durch die dürren Jahre zu helfen. Denn Jamie Wong-Li weiss: Nach der Dürre kommt irgendwann die Narrenfreiheit.

Jamie Wong-Li: «Morphine», Equipe Music. Erscheint am 24. 8.

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