Zum Hauptinhalt springen

Das grosse ESC-Songbasteln

Die Schweiz ist seit bald 30 Jahren ohne Sieg im Eurovision Song Contest. In einem Workshop der Suisa am Greifensee schreiben nun internationale Teams Songs für den ESC im Akkord. Ein Blick in die Seele der Pop­generation von heute.

In die Arbeit vertieft (v.l.): Pele Loriano, Luk Zimmermann, Susanna Cork, Anna Timgren.
In die Arbeit vertieft (v.l.): Pele Loriano, Luk Zimmermann, Susanna Cork, Anna Timgren.
zvg

Von aussen ist das erste digitale Plattenstudio der Welt ein unauffälliger, manche würden sagen hässlicher brauner Betonklotz. Schön ist die Aussicht auf den Greifensee. Diese genossen auch schon Prince, Pepe Lienhard, die Fugees, Yello, Lady Gaga und die Backstreet Boys. Auch die Pophymne «The Final Countdown» der Band Europe entstand in den Powerplay Studios in Maur, einem Dorf im Zürcher Oberland. Die Möbel im Haus machen keinen teuren Eindruck. Das Geld steckt in der Technik, den Instrumenten, der Isolation.

Ziel: Top Ten

«Krass, wie schalldicht das ist.» Die Suisa-Mitarbeiter Manuel Leuenberger und Giorgio Tebaldi bewundern den Türrahmen zum Aufnahmestudio A.

Die Urheberrechtsgesellschaft für Schweizer Musikschaffende Suisa hat Komponistinnen und Produzenten aus der Schweiz und dem Ausland zu einem Workshop für den Eurovision Song Contest eingeladen.

«Der ESC ist zu einer reinen Interpretensache geworden, während die Komponisten kaum Wertschätzung erhalten», sagt Leuenberger. Darum, und zur Vernetzung, habe er das Format des Songwriting-Camps, wie es etwa in England, Belgien oder Holland etabliert sei, in die Schweiz geholt.

Dabei schwingt die Hoffnung mit, die Schweizer Pechsträhne am Eurovision Song Contest zu beenden (siehe Kasten). «Unser Ziel sind die Top Ten», sagt Pele Loriano, Mitorganisator und musikalischer Berater des Camps. Die Teilnehmer sollen einen Song komponieren, der für den Final taugt. Am wichtigsten seien ein eingängiger Refrain und ein internationales Produktionsniveau, so Loriano, der schon an diversen ESC-Ausgaben als Komponist, Produzent oder Juror dabei war. Die Musik sei allerdings nur die halbe Miete: «50 Prozent sind Performance.»

Hoch oder tief?

Am Morgen werden Gruppen aus drei bis vier Personen gebildet, die bis zum Abend je einen Song komponieren. Neuer Tag, neue Gruppe, neuer Song. Je nach Zeit und Lust bleiben die Teilnehmer einen Tag oder länger. «Es ist wie Speeddating», sagt Susanna Cork und lacht. Die Singer-Songwriterin aus London sitzt im Studio D auf dem Sofa, ein Tablet auf den Knien. Sie singt die Lyrics zusammen mit Anna Timgren aus Finnland, die neben ihr in einen ­Laptop blickt. «Etwas höher?» – «Klar, probieren wir.» – «Vorher klang es besser.» – «Und wenn wir die Strophe tiefer beginnen?» Der Berner Luk Zimmermann setzt die Änderungen direkt am Produktionspult um.

In jeder Gruppe hat es einen Produzenten, der den rohen Song nach dem Workshop mitnimmt und fertigstellt. Im September läuft die Eingabefrist beim Schweizer Radio und Fernsehen für die Auswahl des nationalen Beitrags für den ESC 2018 in Portugal. Neu sucht SRF erst nach der Songauswahl die Sängerinnen und Sänger dazu.

Verrückt oder langweilig?

Beim Herumschrauben an der Tonlage entbrennt eine Diskussion. «Wollen wir das Nette, Sichere und etwas Langweiligere oder das Verrückte, Riskante?» Bis in ein paar Stunden müssen sie sich entscheiden.

Für einen «Bohemian Electronic Vibe» hat sich die Gruppe des Basler Produzenten Ricardo Bettiol entschieden. Mit Frazer Mac aus Toronto, der sich als «Dirty Pop»-Fan bezeichnet, und einem Schweizer Duo, das nicht mit Namen genannt werden will, tüftelt er gerade am schmetternden Refrain. «Wir wussten zuerst nicht, dass wir nicht ‹Fuck› sagen dürfen», sagt Mac. Den ESC-Regeln zuliebe haben sie jetzt «Hell» genommen.

Die Songfragmente, die an diesem Nachmittag zu hören sind, klingen – mal düster, mal süss, mal tanzbar – nach dem Pop, der gerade auf Spotify und im Radio auf und ab läuft. In diesem frühen Stadium lässt sich nicht beurteilen, obs für den ESC reichen wird. Sicher ist: Nicht auf der Showbühne im TV wird die Kernidee des ESC vom friedlichen musikalischen Austausch der Nationen verwirklicht. Sondern in Studios wie diesem Betonklotz am Greifensee, vor Bildschirmen, Synthesizern, Bierkisten und Kaffeemaschinen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch