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Das Ende der musikalischen Einzelhaft

Pianistin Claudia Rüegg will mit ihrem Galotti-Projekt erreichen, dass sich Menschen aller sozialen Schichten zum gemeinschaftlichen Musizieren treffen. Die Räume in Zürich dafür hat sie schon.

Claudia Rüegg am künftigen Standort ihres Projekts an der Zürcher Lessingstrasse 15. Bild: Fabienne Andreoli
Claudia Rüegg am künftigen Standort ihres Projekts an der Zürcher Lessingstrasse 15. Bild: Fabienne Andreoli

In jenen Tagen in Chicago, im Sommer 2015, setzte sich Claudia Rüegg nur noch selten an den Konzertflügel, zum Beispiel für ein Schumann-Stück. Die ausgebildete klassische Konzertpianistin war unterwegs als eine Art Folkie mit Akustikgitarre. Wenn sie in ein Taxi stieg, meinte der Chauffeur angesichts der Gitarre sofort die Destination zu wissen: Sie wolle wohl an die Old Town School of Folk Music?

In Chicago kenne jedermann die Old Town School, erzählt Claudia Rüegg im Rückblick auf ihren halbjährigen Aufenthalt in der US-Stadt. Die Mittfünfzigerin mit dem grau melierten Haar hat dort ein für sie neues befreites und gemeinschaftliches Musizieren kennen gelernt. In Zürich will sie jetzt einen Ort für ein solches Musizieren schaffen.

Galotti nennt sie ihr Projekt. Seit mehr als zwei Jahren arbeitet sie an der Umsetzung mit einem Team von Musikern wie Dieter Ringli oder Nehrun Aliev sowie dem Architekten Daniel Racine. Nächstes Frühjahr soll das Projekt an der Zürcher Lessingstrasse 15 in einem alten prächtigen Backsteinbau auf zwei Stockwerken Räume beziehen. Hier sollen Menschen aus allen sozialen Schichten und Nationen zusammen musizieren.

Profis und Laien gemeinsam

Rüegg, die früher wie alle klassischen Pianisten das erlebt hat, was die Musikologin Grete Wehmeyer «Einzelhaft am Klavier» nennt, sagt: «Das Herz an der Old Town School of Folk Music ist das Musizieren in Gruppen. Du spielst immer mit anderen zusammen.» Sie selbst fand sich in jenem Sommer in Soul-, Jazz- oder Folk-Workshops auch mit nicht professionellen Musikern wieder: «Mit Juristen oder Polizistinnen und auch dem Banker, der untertags Millionen herumgeschoben hatte.» Ausgewiesene Profis leiteten die Ensembles.

Musikliebende Erwachsene sollen künftig auch an der Lessingstrasse auf diese Weise zusammenspielen können. «Wir wollen Leute abholen, die früher vielleicht Musik machten, aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen aber nicht mehr die Zeit haben, eine Band aufzustellen.» Galotti will dabei möglichst zugängliche Musik pflegen. Auch da ist Chicago Vorbild. Die Old Town School startete 1957 aus einer Initiative von Folk-Aktivisten heraus und öffnete sich ab den 80er-Jahren weiteren Americana-Musiktraditionen und allen Formen ethnischer Musik. An der Old Town School gibt es Ensembles für Afrobeat wie für Brazilian, für Gypsy Jazz genauso wie Klezmer, Reggae oder Near Eastern.

«Viele bei uns in der Schweiz kommen nie aus dem Stadium des Übens heraus und in ein wirkliches Musizieren hinein», sagt Claudia Rüegg. Bei Galotti gehe es gerade darum. Um eine Art Volksmusik – nicht verstanden als Musikstil, sondern als Musikpraxis: «Begegnungen sind entscheidend. Zuhören und Jammen!» Wichtiger als Notenmaterial sei das Erlernen von Musik über das Ohr. Auch Menschen mit wenig musikalischem Selbstwertgefühl wolle man ansprechen: Dieses Umarmende zeichne die Volksmusik ebenfalls aus.

Rüegg geht es nicht um «Soziokultur», dem steht schon ihre Herkunft entgegen.

Galotti ist unter dem Motto «Galotti On the Road» diesen Sommer bereits aktiv. «Wir müssen rausgehen zu den Leuten, wenn wir nicht nur Bildungsbürger haben wollen, obschon die ja an sich mein Biotop sind», sagt Claudia Rüegg. Sie will Musik in Zürcher Quartierzentren tragen, in Jugendtreffs, Expatclubs, Migrantenvereine und Altersheime. Mit den «On the Road»-Konzerten wollen Claudia Rüegg und ihr engster Mitarbeiter, der Zürcher Kulturveranstalter Klaus Hersche, verschiedenste Communitys im Grossraum Zürich für das Haus an der Lessingstrasse sensibilisieren. «Es ist überraschend, wie viele Musikszenen es im Grossraum Zürich gibt», sagt Rüegg. «Da gibt es die Balkanszene, die Griechenszene, die Südamerikaner, Afrikaner...»

Aus Palästina kommt der Perkussionist Tony Majdalani. Er lädt bei «Galotti On the Road» am 7. Oktober im Zürcher Gemeinschaftszentrum Hirzenbach zum musikalischen Mitmachen. Wird da nicht auf jeden Anspruch verzichtet? Im Gegenteil. Claudia Rüegg strebt keine «Soziokultur» an, dem stehe schon ihre Herkunft als klassische Konzertpianistin entgegen. Auch bei Tony Majdalani gehe es nicht bloss um ein Wohlfühl-Befreiungstrommeln. «Majdalani wird mit dem Ensemble arbeiten. Und etwas rhythmisch Differenziertes erreichen wollen.»

www.galotti.ch

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