«Chumm, mir wei nid grüble»

«Ich sehe das eher entspannt mit dem Altern», sagt Kuno Lauener. Am Freitag ist der Berner Mundartsänger 56 Jahre alt geworden. Und nächsten Freitag erscheint das neue Album «Love» von Züri West.

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Herr Lauener, ich hätte Ihnen gerne eine Quitte mitgebracht.Kuno Lauener: Super! Aber die haben leider erst im Herbst­ ­Saison.

Die Quitte scheint eine wichtige Frucht für Sie zu sein. Immerhin haben Sie auf dem neuen Album ein Lied nach ihr benannt. Wir haben einen Quittenbaum im Garten, und der ist super. Es ist tatsächlich arbeitsintensiv, aber es macht Freude, die Früchte zu ernten und zu verarbeiten.

In «Quitte» singen Sie, Sie hätten gern den rechten Fuss von Fussballstar Zlatan Ibrahimovic und den Charakter einer Quitte. Ich habe gegoogelt: «Die Quitte erfordert Arbeit, hat Eigenheiten, wirft sich nicht jedem an den Hals. Deswegen wird sie in unserer Gesellschaft unterschätzt.» Sehen Sie! (lacht) Der Quittenbaum blüht irgendwann, und danach bekommt man nicht mehr viel von ihm mit, bis plötzlich diese riesigen Früchte dranhängen. Das hat mich beeindruckt, und deshalb kommt die Quitte in einem Song vor.

Arbeiten Sie gern im Garten? Ja, ich muss! Man kann das Zeug ja nicht verlottern lassen. Ich habe den Garten mittlerweile seit neun Jahren. Aber ich bin eher derjenige, der den Rasen mäht, und arbeite sonst nach Kommandos. Aber es macht schon Spass, so ein Garten mitten in der Stadt.

«Ich habe eine Schublade voll mit unfertigem Zeug, das es irgendwie nicht zu einem Song geschafft hat.»

Im selben Lied geht es auch ums Altern. Sie singen, Sie würden aussehen wie eine Quitte. Begleitet wird der Text aber von einer versöhnlichen, fast fröh­lichen Melodie. Der Text ist ja auch ein bisschen kokettierend. Ich sehe das tatsächlich eher entspannt mit dem Altern. Aber natürlich gibt es Tage, an denen ich in den Spiegel schaue und denke: Muss das wirklich sein?

Haben Sie bereits eine Melodie im Kopf, wenn die Texte ent­stehen? Meistens schon, aber das heisst nicht, dass am Schluss die Melodie mit diesem Text auch einen Song ergibt. Bei «Quitte» hatte ich am Anfang eine andere Melodie im Kopf, auch der Text war noch anders. Aber das ist oft so. Ich habe eine Schublade voll mit unfertigem Zeug, das es irgendwie nicht zu einem Song geschafft hat. Ich lasse es liegen, und irgendwann ergibt sich vielleicht was draus.

Schreiben Sie von Hand? Nein, ich war schon immer ein Schreibmaschineler. Zuerst hatte ich eine mechanische, dann eine elektrische, später eine Kugelkopfmaschine. Mittlerweile schreibe ich das meiste auf dem Computer. Aber es funktioniert noch immer nach dem gleichen Prinzip: Bei der Schreibmaschine habe ich immer geschrieben, bis ich nicht mehr weitergekommen bin. Dann habe ich ein neues Blatt eingelegt, wieder von vorne angefangen und den ganzen Text noch mal abgetippt, im besten Fall mit einer Zeile mehr. Heute öffne ich einfach ein neues Dokument, statt eine neue Seite einzulegen. Aber ich schreibe immer noch x-mal alles ab, summe irgendwann eine Melodie dazu, bis das Ganze zu leben beginnt.

Warum nennen Sie das neue Album «Love»? Es sollte eher «End of Love» heissen, bei all den traurigen Liebesliedern ... Ja, «Love» ist eher der Untertitel. Der Titel ergab sich irgendwann während des Aufnahmeprozesses, weil es viele Trennungsgeschichten auf dem Album gibt und Szenarien aus Beziehungen, die am Anschlag stehen. Dann haben wir uns irgendwann gesagt: Chumm, mir wei nid grüble, das Ding heisst jetzt einfach «Love».

Es gab in letzter Zeit mit den Abgängen von Tom Etter und dem definitiven Ausstieg von Jürg Schmidhauser Wechsel in der Bandbesetzung. Fühlt sich das auch wie das Ende einer Liebesbeziehung an? Ja, meistens schon. Wir haben uns in gutem Einvernehmen getrennt. Aber natürlich erlebt man immer eine intensive Zeit miteinander, gerade während Tourneen, das geht an niemandem spurlos vorbei. Der Grossteil des Albums wurde bereits mit neuer Besetzung eingespielt.

Züri West mit «Schachtar gäge Gent»

Quelle: Youtube.com/Züri West

Wie findet man als neu formierte Band zusammen? Das braucht Zeit. Wir sind gerade am Üben für die Tournee. Bassist Wolfgang Zwiauer und Gitarrist Manuel Häfliger bringen eine neue Dynamik und frische Inputs von aussen, das tut uns gestandenen Herren gut. Plötzlich können wir Songs ins Liverepertoire nehmen, die wir vorher nicht hingekriegt haben. Oder alte Stücke bekommen neue Kleider. Andererseits gibt es auch Lieder, die für mich einfach genau so klingen müssen. Die nicht verhandelbar sind.

Geben Sie mir ein Beispiel. «Zimmerwaud» ist so eines. Für die Aufnahme des Songs damals auf der «Aloha»-Platte spielte Oli Kuster eine wimmernde, weinende Orgel dazu. Sie gehört für mich zu diesem Song. Wir haben auf dieser Tournee aber keinen Keyboarder dabei und haben eine ­Gitarrenversion eingeübt. Das klingt auch cool, aber es fehlt etwas. Doch das ist Gewöhnungs­sache. Man ist manchmal auch fixiert auf etwas (überlegt kurz). Das liegt vielleicht an mir und nicht am Song (lacht).

Normalerweise fragt man ja immer Frauen, wie sie Karriere und Kinder unter einen Hut bringen. Wie schaffen Sie das? Wären Sie manchmal lieber Bürolist mit geregeltem Tagesablauf? Nein. Wenn du mit 50 zum ersten Mal Vater wirst, hast du schon ein halbes Leben ohne Kinder gelebt, dich an Freiheiten gewöhnt. Die Kinder haben mich wachgerüttelt, im positiven Sinn. Aber am Anfang hatte ich wirklich Mühe, das alles zu managen. Meine Tochter ist jetzt 5 und mein Sohn 3, und ich habe, in den ersten zwei Jahren nachdem meine Tochter auf die Welt gekommen war, praktisch keine Musik gemacht. Ich wollte mich um die Kinder kümmern, zusammen mit meiner Freundin. Ich habe oben in unserem Haus ein kleines Studio mit Büro, in dem ich arbeite, und es braucht schon eine eiserne Disziplin, nicht dauernd runterzugehen, Dutzidutzi zu machen und mit den Kindern zu spielen. Jetzt habe ich es einigermassen im Griff.

Haben Sie für Ihre Kinder schon Lieder geschrieben? Das Lied «Buckelwal» auf dem letzten Album war von meiner Tochter inspiriert, aber da war sie noch gar nicht auf der Welt. ­Buckelwal, Schwangerschaftsbauch ... eher so. Ich erwähne die Kinder auch auf dem neuen Album nicht explizit, aber sie gehören zu meinem Leben, und natürlich fliesst das in die Songs mit ein. Aber wie und wo genau, behalte ich für mich.

«Man gewöhnt sich daran, als öffentliche Person instrumentalisiert zu werden für Dinge, für die man nicht unbedingt steht.»

Züri West hat sich via Facebook davon distanziert, als die «Weltwoche» Sie aufs Cover hievte. Gab es so viele Reaktionen, dass Sie reagieren mussten? Ja, es gab schon ein paar Reaktionen, aber ich hätte eigentlich lieber geschwiegen. Wir haben Pressefreiheit, und jeder kann schreiben, was er will. Man gewöhnt sich daran, als öffentliche Person instrumentalisiert zu werden für Dinge, für die man nicht unbedingt steht. Man muss einfach schauen, dass man eine dicke Haut bekommt.

Die haben Sie? Ich gebe mir Mühe.

Sie sind einer, der sich praktisch nie öffentlich äussert – ausser es geht um YB oder um ein neues Album. Es gibt keine politischen Statements von Ihnen. Ich habe mittlerweile das Credo: Wenn ich nichts zu verkaufen habe, dann schweige ich. Ich denke nicht, dass ich zu politischen Dingen etwas sagen kann, was nicht auch andere sagen können. In meinen Songs schon, da erzähle ich Geschichten und kreiere eigene Welten. Ich bin nach einer Tournee jeweils auch froh, wenn ich nicht mehr dauernd präsent sein muss.

Berner Zeitung

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