Chartstürmer mit mässiger Schlagkraft

Andrea Berg, Helene Fischer, Beatrice Egli und Co. eroberten 2013 die Schweizer Charts. Ist Schlager also der neue Mainstream? Experten befürchten das Gegenteil.

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Es gab Zeiten, da war es Francine Jordi vorbehalten, die offizielle Schweizer Hitparade mit Schlagermusik zu entern. Wenn sie mit Florian Ast unter die Popballaden-Decke schlüpfte, wurde sie von der Hörerschaft gar auf den Spitzenplätzen geduldet. Und irgendwann war ihre Popularität so gross, dass selbst ihr Schlagersoloalbum «Verliebt, geliebt» auf Platz 3 in die Charts einstieg.

Dass bei der Sendung «Deutschland sucht den Superstar» wenige Monate später ebenfalls eine Schlagersängerin absahnen würde, war allerdings nicht zu erwarten. Doch die 25-jährige Schwyzerin Beatrice Egli verliess die Sendung als klare Siegerin, und ihr Album «Glücksgefühle» hielt sich ganze vier Wochen auf Platz 1. Rückblickend scheint es, als habe Egli dem Schlager endgültig den Weg in den Mainstream geebnet. Oder gibt es eine andere Erklärung dafür, dass am 10.August 2013 neben Egli (Platz 2) auch Hansi Hinterseer («Heut’ ist dein Tag», Platz 6) und Schlager-Shootingstar Andreas Gabalier («Home Sweet Home», Platz 7) in den Top Ten schunkelten? Und dass Andrea Berg und Helene Fischer mit ihren neuen Alben kurz darauf ebenfalls auf Platz 1 landeten?

Für Immanuel Brockhaus, Musikforscher und Leiter des Studienganges Pop&Rock an der Berner Hochschule der Künste, ist diese plötzliche Omnipräsenz von Schlagermusik das Resultat einer fast 50-jährigen Entwicklung. Nachdem man den Schlager lange Zeit als deutschsprachige Unterhaltungsmusik definieren konnte, spaltete sich das Genre in den 1960er-Jahren in zwei Lager: den klassischen Schlager und die Popmusik. Die Popmusik ging neue Wege, tüftelte mit Sound, Groove, Sprache und Inszenierungsmitteln und präsentiert sich heute dank Lady Gaga und Co. auf modernstem Niveau.

Schüchterne Neuorientierung

«Der Schlager dagegen klammerte sich stets an alten Songstrukturen und insbesondere an der deutschen Sprache fest», sagt Immanuel Brockhaus. Neu war einzig, dass die Interpreten anfingen, englische Hits in ihre Sprache zu übersetzen. Dadurch erhielt der Schlager einen Aufwind, blieb aber trotzdem volksnah und für alle verständlich.

Aus Angst, mehr Innovation könnte die Fans verärgern, verharrte der Schlager lange Zeit in seinem traditionellen Stil. «Bis sich die Branche vor ein paar Jahren dann doch zu mehr Zeitgeist gezwungen sah», erklärt Brockhaus. Die Szene steckte in einer Krise und begann sich in der Not schüchtern an der erfolgreichen Popmusik zu orientieren.

«Der Schlager würde gnadenlos ins Abseits geraten, wenn er sich der Modernisierung verschliessen würde», sagt Immanuel Brockhaus. Es ist also leicht nachzuvollziehen, warum die derzeit angesagte Helene Fischer ihre Liveshows mit Tanzintermezzi à la Britney Spears aufpeppt und auch ihre Kollegen und Kolleginnen nicht mehr brave Lämmer sein wollen, sondern lieber sexy Vamps und wilde Kerle mimen (siehe Bildstrecke). Mit der Folge, dass Schlagerstars heute vom breiten Volke wahrgenommen und zu «Wetten, dass?» eingeladen werden.

Ein Problem bleibt

Trotz aller Mühe: Ein Problem wird der Schlager nicht los. Der Sound und die Darbietungen wirken verkrampft und aufgesetzt. «Die schlagertypische Gestik, die Harmonien und die Gesamtästhetik sind alles festgelegte Parameter, die heute einfach nicht mehr ziehen», so Brockhaus. Gleichzeitig bezeichnet er auch die verwendeten Sounds und die damit verbundene Produktionstechnik als vorsintflutlich. Nicht zu reden von den Bergen von CDs, die die Branche zu Zeiten des Downloads unbeirrt weiter produziert. «Der Schlager hinkt dem Pop ganz einfach zehn Jahre hinterher», fasst der Experte zusammen.

Dass es auch anders ginge, zeigt Brockhaus am Beispiel der Countrymusik. Den Künstlern dieses Genres sei es gelungen, am Puls der Zeit zu bleiben. Und immer so modern und authentisch daherzukommen, dass ihnen die alten Countryliebhaber treu bleiben und der Nachwuchs ihnen ebenfalls verfällt. Ein Beispiel dafür ist Taylor Swift.

Auch wenn die Zeichen angesichts der Albumcharts derzeit auf Schlagerboom stehen: Immanuel Brockhaus glaubt nicht, dass Egli, Fischer, Berg und Konsorten den wahren Popstars je gefährlich werden könnten. Es handle sich vielmehr um einen sanften Modernisierungsschub, der der Szene temporäre Beachtung beschert.

Schlagerurgestein Howard Carpendale, aktuell auf Platz 39 der Albumcharts, sieht es dramatischer. Er hat den Schlager am vergangenen Wochenende für tot erklärt. «Es ist ein Missverständnis, dass der deutsche Schlager wieder lebt», sagte er im Männermagazin «GQ». «Die Einzigen, die in diesem Segment noch Erfolge feiern können, sind die deutschen Frauen.»

Berner Zeitung

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