Blues muss nicht traurig sein

Selwyn Birchwood und sein Quartett bringen mit Blues und Hoodoo das Publikum im Marians zum Rasen.

Voller Tatendrang: Selwyn Birchwood begeistert das Publikum im Marians.

Voller Tatendrang: Selwyn Birchwood begeistert das Publikum im Marians.

(Bild: Beat Mathys)

Nach Toronzo Cannon aus Chicago, der das diesjährige Jazzfes­tival im Marians eröffnete, greift diese Woche mit Selwyn Birchwood aus Florida ein zweiter Blueser der Nachwuchsgeneration in die Saiten. Er tut dies so spontan und weit gefächert wie der vor Jahresfrist verstorbene B. B. King.

Für die schwarze Legende aus Mississippi war Blues keine Definition für eine Musikgattung, sondern die Bezeichnung einer Gefühlslage. Diese muss nicht traurig sein, obwohl der Blues landläufig mit Niedergeschlagenheit in Verbindung gebracht wird. King sagte: «Der Blues umfasst drei L: Leben, Lieben und Lachen.»

Unmittelbar und aktuell

Unter dieses Motto scheint auch Selwyn Birchwood seinen Auftritt im Marians gestellt zu haben. Die Besetzung mit Regi Oliver am Baritonsax, Huff Wright am Elektrobass und Courtney «Big Love» Girlie am Schlagzeug weckt Interesse. Die Tieftöner verleihen der Musik Tiefgang, der die in höheren Sphären angesiedelten Gitarrenläufe des Chefs erstrahlen lässt. Auf seinem Album «Don’t Call No Ambulance», die den Blues Music Award als «Best New Artist Album» gewann, thematisiert Birchwood Dinge des Alltags, die von Liebesglück über Lohndumping bis zu Drogenproblemen reichen.

Auch das neue Repertoire ist von bestechender Unmittelbarkeit, Ehrlichkeit, Betroffenheit und Aktualität. Das weckt Hoffnung für die Zukunft des Blues, denn nach langen Jahren, in denen es nicht zuletzt wegen der «Blues Brothers»-Filme so schlecht um den Blues stand wie nie zuvor, sind aufstrebende Talente wie Birchwood und Toronzo Cannon für das Überleben der Sparte dringend nötig.

Zum Schluss: Hexeneintopf

Mit «So long», einem der wenigen Songs des Abends in traditioneller 12-Takt- Form, will sich Birchwoods Band verabschieden. Doch sie hat die Rechnung ohne das Publikum gemacht; dieses verdankt die Schlussnummer mit überbordendem Applaus. So etwas hat der Berichterstatter seit langer Zeit im Marians nicht mehr erlebt. Eine Zugabe scheint unumgänglich.

Birchwood ist unsicher, da er zeitlich bereits massiv überzogen hat. Nach Absprache mit den Verantwortlichen kriegt er jedoch grünes Licht und kehrt noch einmal voller Tatendrang zurück. Verschmitzt lachend setzt er mit «Hoodoo Stew» zum musikalischen Hexensabbat (oder eher Teufelsritt) an. Er platziert seine Gitarre auf den Knien, erzählt von der Reise des Teufels nach Georgia und produziert dabei höllisch surreale Soundcollagen.

Es ist, als würde er sich selbst zur Hauptzutat im Hexeneintopf machen. Doch die Sache wendet sich zum Guten, Erlösung naht. Der Held der Schauergeschichte kann sich im letzten Moment die «Six String» schnappen und entkommt dank seinem Spiel dem drohenden Verderben. Das Publikum rast. Das Bedienungspersonal ebenfalls. Bald beginnt das nächste Set.

Selwyn Birchwood: Marians Jazzroom. Bis 1. April, jeweils 19.30 und 22 Uhr.

Berner Zeitung

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