Bier, Schweiss und Tränen

Soundcheck

Die Obwaldner Band Jolly and the Flytrap gastierte mit ihren elektrischen Mazurkas im Café Kairo in Bern.

Lauter Charakterköpfe: Jolly and the Flytrap.

Lauter Charakterköpfe: Jolly and the Flytrap.

(Bild: Samuel Mumenthaler)

Dass sie sich schon im 34. Jahr ihrer Bandgeschichte befinden, merkt man Jolly and the Flytrap nicht an. Gut, die Pausen zwischen den Songs des Engelberger Septetts (sechs Mitglieder sind auf der Bühne, eines am Mischpult) sind etwas länger geworden. Sie werden dazu genutzt, ausgiebig mit ausgeliehenen Taschentüchern den Schweiss und die Tränen aus den Augen zu wischen, wofür man sich mit einem grossen Schluck aus der Bierflasche belohnt.

Der Bassist Hannes Blatter spielt im Sitzen, was allerdings auf kumulierte Malheurs (Misstritt beim Fussballspielen, Wespenstich!) zurückzuführen ist. Musikalisch hat der «Global Rock ’n’ Roll» der Innerschweizer Combo aber keinen Rost angesetzt. Beim Gastspiel in der ebenso urbanen wie gemütlichen Konzertstube des Cafés Kairo rattert sie los wie ein gut geölter Oldtimer, es groovt von Anfang an. Wenn es um Offbeats geht, sind Jolly and the Flytrap sogar die wahren Sultane des Swing. Das liegt vor allem am fantastischen Schlagzeuger Werner Häcki, der sein Ride-Becken raffiniert, aber gnadenlos traktiert und mit unerwarteten rhythmischen Böllern Leben in die Bude bringt. Trotz seines eruptiven Spiels scheint Werner ein ernster Mann zu sein.

Was man von der Truppe rund um ihn herum nicht wirklich behaupten kann. Märt Infanger, der auch die Plakate, die als Bühnendekor dienen, gestaltet hat, gibt den vordergründig bodenständigen, aber eigentlich subversiven Handörgeler und fungiert als Lieferant von allerlei Zwischenrufen. Die beiden neu zur Band gestossenen Bläser Roger Greipl und Emilio Parini werfen sich selber gegenseitig die Riffs und den Frauen im Publikum ein paar vielsagende Blicke zu (der originale Jolly-Saxofonist Andreas Dorn konnte im Kairo nicht dabei sein, da er eine Professur für Ägyptologie im schwedischen Uppsala angetreten hat).

Und da ist natürlich Richard «El Ritschi» Blatter, der Bruder des lädierten Bassisten: ein entfesselter Entertainer, der dauernd brummelt und fummelt, sich wie ein ekstatischer Winkelried in den nächsten Song wirft und das Publikum und die Kollegen unermüdlich auf Trab hält. Jolly and the Flytrap sind eine Ansammlung von Charakterköpfen. So unterschiedlich diese Persönlichkeiten auch wirken mögen, so selbstverständlich finden sie musikalisch zusammen. Auf diese einzigartige Symbiose und ihre lange gemeinsame Geschichte vertraut die Band auf der Bühne blindlings, was auch mal auf Kosten der Dramaturgie geht.

Ritschi singt französisch, italienisch, englisch, spanisch – die EU-Wahlen könnte er mit links moderieren. Einzig die Ansagen sind im Innerschweizer Dialekt gehalten. Jolly and the Flytrap spielen elektrische Mazurkas, Polkas, Cha-Cha-Cha und Ska und schwärmen von Barcelona, Umbrien und manchmal auch vom Tessin. «Switzerland First» ist hier definitiv kein Thema. Und doch verleugnet diese Band nicht, dass sie aus einem der Gründerkantone der Schweiz stammt. Wer in alpiner Umgebung gross geworden ist, hat eben den Weitblick.

Nächstes Konzert im Kairo: Dienstag, 28.5.2019, 20.30 Uhr, HKB Singers’ Night: Mirjam Hässig, «Octante-et-onze».

Jolly and the Flytrap – Electric Polka.
(Quelle: Youtube/Various Artists - Topic)

Berner Zeitung

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