Bern in Frauenhand

Ein Geheim­konzert und eine Familienparty: In Bern gaben die Frauen den Ton an. Der Winterblues blieb chancenlos.

Helvetia rockt? Eher selten. In Basel hat eine repräsentative Studie ergeben, dass der Frauenanteil in der dortigen Musikszene nur 10 Prozent ausmacht. In Bern dürfte es nicht besser aussehen. «Ii, sy das Giele gsy», brachte es Endo Anaconda einst auf den Punkt.

Aber wenn Frauen es tun, dann richtig. Zum Beispiel Alaina «Aline» Janack Champendal, die mit ihren «Hush Hush»-Konzerten die weite Welt des Alternative Rock nach Bern holt. Letzten Freitag in der Form von The Pack A.D. aus Kanada. Wer dabei sein wollte, kontaktierte Aline via Facebook und meldete sich an. Denn dies war ein «Geheimkonzert».

Vor Ort wurde man von der freundlichen Veranstalterin persönlich empfangen. Sie kassierte die Kollekte ein und tanzte während der Show in der vordersten Publikumsreihe. Es liess sich ja auch gut abtanzen zum weiblichen Duo aus Vancouver, das tönte (und aussah), wie wenn Joan Jett bei den White Stripes eingestiegen wäre. Eindringlicher Gesang, brachiales Getrommel und massiv verstärkte Gitarre. Grosse Rockgesten vor kleinem Publikum. Und das alles in einer Privatwohnung mit traumhafter Sicht auf den Zytglogge. Der Winterblues blieb chancenlos.

The Pack a.d. – So What (Quelle: Youtube/ThePackad)

Und jetzt: Jumpen!

Während sich die familiäre Atmosphäre bei The Pack A.D. schon wegen der Konzertlokalität ergab, war das Sonntagnachmittagskonzert von Evelinn Trouble in der Progr-Turnhalle explizit an Familien gerichtet. Progressiver, quergestellter Pop und ein Publikum, das zu einem grossen Teil aus Kindern mit Stöpseln in den Ohren besteht: Kann das gutgehen?

Spätestens als sich Evelinn Trouble aus ihren bepelzten Winterstiefeln befreite und barfuss weiterspielte, konnte es. Zwar reagierten die Kinder zunächst nur staunend wohlwollend, als die Sängerin und ihre neue Band sich dem raffinierten Elektropop ihrer aktuellen EP «Hope Music» hingaben. Doch die Bandleaderin hielt ihr junges Publikum mit ihren Ansagen bei der Stange, ohne sich anzubiedern.

Evelinn Trouble mit «Hope Music». (Quelle: Youtube/evelinntrouble)

Als die Musiker schliesslich doch noch aufs Gaspedal drückten und mit einem Abba-Cover im Disco-Beat nachdoppelten, ging die Post in den vorderen Reihen ab. Kinder mögen es eben direkt und unverblümt. Aus «Hope Music» wurde «Jump Music», und auch Evelinn Trouble kam in Fahrt. «Das haben wir sonst nicht im Programm», bedauerte sie, «denn die Eltern von heute wollen nicht mehr jumpen.»

Wer die musikalische Gender-Frage weiter vertiefen will, kann nächsten Freitag nach Basel fahren, wo der Förderverein Helvetiarockt am dortigen B-Scene-Festival eine Gesprächsrunde zum Thema organisiert.

Berner Zeitung

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