Barockmeister Marcon bietet zweierlei Mozarts

Am Freitag packte der Barockspezialist Andrea Marcon im Berner Kultur-Casino einen rockenden deutschen Mozart aus der Wundertüte. Und die russische Geigerin Alina Ibragimova gab ein verblüffendes Bern-Debüt.

In Bern: Dirigent Andrea Marcon.

In Bern: Dirigent Andrea Marcon.

(Bild: zvg)

Oliver Meier@mei_oliver

George Petrou, Giovanni Antonini – und jetzt also Andrea Marcon: Das Berner Symphonieorchester setzt vermehrt auf Stardirigenten der Alte-Musik-Szene. Was steckt dahinter? Die einfache Antwort heisst: Selbstvertrauen. Was die spezialisierten Barockensembles können, das können wir als Symphonieorchester auch, lautet das Motto. Anders formuliert: Das produktive Entstaubungsprogramm, das Chefdirigent Mario Venzago dem Orchester in den letzten Jahren verordnet hat, lebt auch von Impulsen, die ursprünglich von der Barockszene ausgegangen sind.

Joseph Martin, wer?

So richtig überzeugend klangen die Gastspiele von George Petrou und Giovanni Antonini zuletzt allerdings nicht – zu viele Kompromisse, zu wenig Feuer. Umso höher waren die Erwartungen an das Debüt des italienischen Dirigenten Andrea Marcon beim Berner Symphonieorchester.

Marcon bot ein Programm, in dem gleich zweierlei Mozarts zu ihrem Recht kamen. Nicht nur das altbekannte Salzburger Genie, sondern auch der als «Odenwälder Mozart» betitelte Joseph Martin Kraus (1756–1792).

Die Nachwelt hat dem Komponisten, den es von Unterfranken nach Schweden spülte, eher übel mitgespielt. Kraus ging vergessen, wurde «ausgegraben», ging wieder vergessen. So geht das bis heute.

Nicht dass Marcon in Bern ein Kraus-Revival eröffnen würde – auch die Camerata Bern hat ihn schon gefeiert. Die c-Moll-Sinfonie VB 142 aber ist nun wirklich eine Entdeckung. Das schlurfende Larghetto zu Beginn klingt noch ganz barock, dann aber geht die Post ab – in eine ungebändigte, formsprengende Zukunft. Nicht nur der erste Satz, auch das Finale wird zum unheilvoll treibenden Allegro. Da rockt die Musik, und die Streicher sind gefordert. Marcon indes sucht nicht die Extreme, er liebt die widerborstigen Synkopen – und setzt auf ausgewogene Eleganz.

Tanz ins Abseits

Das Feingliedrige zieht sich durch den Abend, besonders in Mozarts drittem Violinkonzert. Die Russin Alina Ibragimova (30) erweist sich dabei als hochinteressante Geigerin, die viel von alter Musik versteht. Ibragimova zeigt viel Sinn für Mozarts doppelbödige Spielereien – im Finale etwa, wenn die tänzelnde Musik ins barocke Moll-Abseits stolpert. Leicht und sprechend ist ihr Ton, sie nimmt sich einige Freiheiten – und lässt das Orchester mitunter etwas alt aussehen.

Das BSO spielt in Kammerbesetzung, mit teils alten Instrumenten. Es gibt Intonationsprobleme, auch die Artikulation ist nicht immer glasklar. Und Marcon? Mozarts späte Es-Dur-Sinfonie entfaltet er in ihrer Theatralität, zeigt aber auch viel gepflegte Routine. Der nächste Spezialist, bitte.

Weitere Aufführung: So, 8.11. 17 Uhr, Kultur-Casino Bern.

Berner Zeitung

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