Ausbruch aus dem Bünzlitum

King Pepe ist eine der wunderlichsten Figuren in der Berner Musikszene. Sein neues Album «Karma: Ok» lohnt sich.

Rebellisch im Mittelland: King Pepe alias Simon Hari. King Pepe besingt den Weltschmerz der Privilegierten. Foto: PD

Marina Bolzli@Zimlisberg

Eine Hymne an die Mittelmässigkeit. Anders kann man das neue Album von King Pepe, auch bekannt als Simon Hari, nicht verstehen. Oder irgendwie doch. Denn was die Mittelmässigkeit so supermässig macht, ist diese Gelassenheit, mit der King Pepe sie betreibt. Weil er weiss, dass auch der heiss ersehnte Roadtrip ans Meer und ein Drogentrip nur ein kleiner Unterbruch von Kontrolle und Verstand sind.

Fakt ist: «wyss, männlech, vierzgi, reformiert, privilegiert, einigermasse fokussiert», wie er in «Standortbestimmung» gleich selbst feststellt, «nid schwarz, nid jüdisch, nid schwul, nid arm, nid riich, nid wichtig, nid ungliebt». Leidensdruck gleich null. Willkommen im Schweizer Mittelland, der Soundtrack dazu heisst «Karma: Ok». 

Und die Entstehung desselben muss man sich ungefähr so vorstellen: Simon Hari und Musiker Rico Baumann haben sich in Haris Privatstudio zurückgezogen, immer wieder, über den Zeitraum von zwei Jahren. Rumgespielt.

Mit der Maus, dem Drumcomputer, den vielfältigen Möglichkeiten, die Musikprogramme heute bieten: zum Beispiel ein bisschen Handclap. «Musik aus lauter Nullen und Einsen», wie der Pressetext ankündigt. Dazu die gebrochene, stets leicht heisere Sprechstimme von Hari. Schön wäre anders, aber das war bei King Pepe schon immer so.

Kein Ausbruch ist möglich

Hier beginnt die mittelländische Mittelmässigkeit, der King Pepe nun gekonnt ein Schnippchen schlägt, indem er sie für sich vereinnahmt. Das klingt dann nicht so einnehmend weitläufig wie bei Jeans for Jesus, es ist rumpliger, weniger präzis. Vielleicht kann man dazu tanzen, aber nur in einem ganz hippen Club in der Stadt, dort, wo die Mittelmässigkeit nie einkehren darf und doch latenter Gast ist.

«Karma: Ok» klingt nach einem, der weiss, dass aus diesem privilegierten Leben kein Ausbruch möglich ist, «i bi überau gsi, i ha aues gseh, Gümlige, Rubige, Münsige, yeah, und e Bitz vo Bümpliz», singt er in «Du bisch nid mau Schit», bevor er diese Harmonie doch nicht mehr aushält ­– und rebelliert: «mi dünkt, i wett sofort öppis Schöns kaputt mache» («Öppis schöns kaputt mache»).

Es sind Texte, in die man sich verlieben kann. Dann, wenn man selbst diesen Weltschmerz empfindet, der vielleicht in «Ende der Geduld» am besten auf den Punkt gebracht ist. «I wirde ghörlos, so viu Tön u Wort, u so viu Bild, i wirde blind», heisst es da, verzweifelt. Der verzweifelte Schrei eines Privilegierten in der Wohlstandsgesellschaft. Und in all dem Weltschmerz, der vielleicht doch eher die Mittelmässigkeit beweint, findet sich dann eine Perle, wie zufällig, mittendrin.

Der Song heisst «Lambrusco» und ist eine Hymne an die erste Jugendliebe. Und plötzlich fühlt man sich wieder jung, alles ist möglich, der erste Kuss, die Nervosität, Pesca Frizz und Lambrusco aus dem Tetrapak. Der Refrain gräbt sich tief ins Ohr, «dä eint Song uf eim Ohr usem Walkmanradio». Man will dazu tanzen, man fühlt sich grossartig, will nie mehr mittelmässig sein, und man ist es auch nicht mehr. Denn man ist jung. 

King Pepe: «Karma: Ok», Der gesunde Menschenversand. Plattentaufe: 22.3., ISC Bern.

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