«Auf der Bühne fühle ich mich wie 19»

Innovativ ist das neue Album «Infinite» von Deep Purple nicht. Trotzdem ist es ein starkes Album. Ein Gespräch mit Bassist Roger Glover (71) über die Arbeit der Band – früher und heute.

Reifer geworden: Die Band Deep Purple heute. Jim Rakete /<p class='credit'>(Bild: zvg)</p>

Reifer geworden: Die Band Deep Purple heute. Jim Rakete /

(Bild: zvg)

Roger Glover, welche Ziele haben Sie sich mit dem neuen Album «Infinite» gesteckt?Wenn man wie Deep Purple so viel Musik gemacht hat, läuft man Gefahr, einen Teil seiner Fans zu verlieren, wenn man etwas verändert. Wenn man gar nichts tut, kann man jedoch zur Parodie seiner selbst werden. Ich glaube, wir haben auf dieser Platte beides vermieden. Wir versuchen immer unser Bestes zu geben, sind aber reifer geworden und nehmen uns nicht mehr so ernst.

Sind Deep Purple in der aktuellen Besetzung wie eine zweite Familie für Sie?Oh, das war nie anders! Wobei meine beiden Familien sehr unterschiedlich sind. Zum einen bin ich Vater und Ehemann, kümmere mich um den Haushalt und mähe den Rasen, dann trete ich hinaus ins Rampenlicht und spiele vor Tausenden von Leuten lauten Rock ’n’ Roll. Das ist ein rechter Spagat. Deswegen brauche ich immer ein paar Tage, bis ich mich umgewöhnt habe.

Sie sind 71. Wie jung fühlen Sie sich auf der Bühne?Als wäre ich 19. Ian Paice sagt immer, er fühle sich wie mit 15. Aber er ist auch jünger als ich . . . (lacht) Eigentlich hat sich seit meinem ersten Engagement mit Episode Six im Jahr 1965 nur wenig ver­ändert. Ich erinnere mich, wie ich bei unserem letzten Set, kurz vor 3 Uhr nachts, meine Finger betrachtete, die ich mir blutig gespielt hatte, und dachte: «Jetzt bist du ein Profimusiker und tust, was du liebst.» Heute macht es mir sogar noch mehr Freude, weil ich mehr zu schätzen weiss, was ich zwischenzeitlich für selbstverständlich hielt.

Deep Purple mit «Time For Bedlam»

Quelle: Youtube.com/earMusic

Wie ehrgeizig sind Sie?Mit Episode Six wollten wir unbedingt in die Charts, schafften es jedoch nie. Als ich zu Deep Purple kam, die nicht darauf aus waren, einen Hit zu landen, sondern nur gute Musik machen wollten, habe ich diese Einstellung übernommen. Und plötzlich war der Erfolg da. Er kam, als ich nicht mehr danach strebte. Da habe ich gelernt, dass man die grossen Dinge im Leben nicht planen kann. Sie passieren einfach. Also lass den Kosmos einfach seine Arbeit machen, und geniess die Fahrt!

«Die grossen Dinge im Leben kann man nicht planen. Sie passieren einfach. Also lass den Kosmos seine Arbeit machen, und geniess die Fahrt!»Roger Glover

Als Produzent haben Sie trotzdem oft Einfluss genommen. Was unterscheidet das neue Werk von legendären Alben wie «Deep Purple in Rock»?Viele Leute meinen, «Infinite» klinge, als hätten wir das Album in den 1970er-Jahren aufgenommen. Wir waren auch wieder alle in einem Raum, haben alles zusammen gemacht und versuchten so nahe wie möglich an den ursprünglichen Aufnahmen zu bleiben. Wichtiger als Perfektion war uns die Frische.

Welche Rolle spielte dabei «The Wall»-Produzent Bob Ezrin?Ich vertraue Bob und respektiere ihn. Und er vertraut und respektiert uns. Ich wünschte, wir hätten mit ihm nicht nur die beiden letzten Alben gemacht, sondern ihn schon vor zwanzig Jahren gefunden, denn es ist einfacher, wenn es im Studio eine neutrale Instanz gibt, als wenn ich den Rest der Band von meinen Ideen überzeugen muss. «Purpendicular» möchte ich allerdings nicht missen. Es ist eines meiner Lieblingsalben – und ich rühme mich nicht oft selbst für meine Taten! (lacht)

Für den Song «Smoke on the Water» kann man Sie aber gar nicht oft genug rühmen. Was fällt Ihnen spontan zum berühmtesten Rocksong made in Switzerland ein?Als das Casino in Montreux abbrannte, wo wir mithilfe des Stones Mobile Studio aufnehmen wollten, kamen wir in Zeitnot. Eine der drei Wochen, die wir es gemietet hatten, ging drauf, bis wir mit dem Grand Hotel geeigneten Ersatz gefunden hatten. Weil es ausser Betrieb war, musste zwei Stunden vor den Sessions jemand die Heizung aufdrehen. So kalt war es. In Erinnerung geblieben ist mir auch der verschlungene Weg durch mehrere Zimmer und die Lobby bis zum Truck, den wir zurücklegen mussten, wenn wir die Aufnahmen anhören wollten. Er führte über einen Balkon, von dem aus ich immer die Aussicht auf den Genfersee und die französischen Alpen genoss.

Wann entstand der Text?Ein paar Tage nach dem Feuer erwachte ich mit diesen Worten auf den Lippen und erwähnte sie gegenüber Ian Gillan. Sie gerieten jedoch in Vergessenheit. Erst als wir merkten, dass wir noch nicht genügend Songs für «Machine Head» hatten, schrieben wir zu Ende, was wir erlebt hatten. Wir dachten uns dabei nicht viel, hielten das Lied höchstens für eine B-Seite einer Single . . .

War die Erwähnung von Claude Nobs als «funky Claude» eine bewusste Hommage?Ja, denn ohne seine Vermittlung hätte es die Platte gar nicht ge­geben! Seinem Gesichtsausdruck auf dem Foto in der Plattenhülle sieht man an, wie sehr er Angst hatte, dass mit dem Casino auch seine Karriere als Montreux-Jazz-Festival- und Tourismusdirektor in Flammen aufgehen würde.

Was – ausser der Musik – ist Ihnen wichtig?Wenn ich kann, male oder fotografiere ich. Meine Kinder nehmen viel Zeit in Anspruch. Selbst wenn sie in der Schule sind. Dann musst ich aufräumen, was sie hinterlassen haben, und mich auf ihre Rückkehr vorbereiten. Wenn sie im Bett sind, schreibe ich oder höre Internetradio. Keine Rock- oder Heavy-Metal-Sender, am liebsten Bob Dylan. Ich mag Texte, die ich selbst nicht so hätte schreiben können.

Was haben Sie gedacht, als Dylan nicht zur Nobelpreis­verleihung erschienen ist?Ich erinnerte mich daran, dass wir zuerst zweimal erfolglos für die Aufnahme in die Rock ’n’ Roll Hall of Fame nominiert waren. Wir überlegten, ob wir verkünden sollten, dass wir eh darauf verzichten würden, weil das viel mehr Publicity gegeben hätte. Als wir dann das T-Shirt und die Plakette be­kamen, war das Beste daran auch, dass ich mich mal mit Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich aus­tauschen konnte. Wir haben die ganze Nacht durchgemacht!

Bald treten Sie mit Deep Purple in Hinwil auf. Welches war Ihr letztes denkwürdiges Konzert in der Schweiz?Ich erinnere mich an einen Gig im Schneesturm am Fuss der Jungfrau. Es war der letzte Tag der Skisaison in Grindelwald. Wir brauchten ein Pistenfahrzeug, um bis zur Bühne zu gelangen, und mir wären beinahe die Finger abgefroren!

Deep Purple: «Infinite», ab Freitag, 7. April, im Handel, (Earmusic/Phonag). Live:24. 6., Rock the Ring, Hinwil.

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