«Als Organisator muss man dem Publikum vertrauen können»

Der erste Zyklus der Vier-Jahreszeiten-Konzerte unter der neuen Co-Leitung ist zu Ende. Mirjana Reinhard und Yuka Oechslin ziehen Bilanz und reden über den Mut, der vielen Veranstaltern fehlt.

Vollblutmusiker und Leiter der Vier-Jahreszeiten-Konzerte Blumenstein: Mirjana Reinhard und Yuka Oechslin.

Vollblutmusiker und Leiter der Vier-Jahreszeiten-Konzerte Blumenstein: Mirjana Reinhard und Yuka Oechslin.

(Bild: zvg/Vera Markus)

Im Frühling 2016 haben Sie die künstlerische Leitung der VJK Blumenstein übernommen. War dieser Entschluss rückblickend richtig?Mirjana Reinhard: Absolut. Es ist ein Luxus, Künstler und Werke selber aussuchen zu können. Lohnenswert ist auch, hinter die Kulissen zu blicken und zu sehen, was mit der Organisation eines Konzertes alles zusammenhängt.

Und das wäre?Reinhard: Die Kirchgemeinde stellt uns jeweils die Bühne auf, und der Vorverkauf läuft über Kulturticket. Aber sonst sind wir für alles zuständig, wir bringen die Künstler unter, sitzen selber an der Abendkasse . . .

Yuka Oechslin: . . . und Mirjana oder ich kochen, wenn wir bei uns zu Hause proben.

Sie proben in Ihrem Haus?Reinhard: Nein, wir haben eine Wohnung, wo auch der Flügel steht.

Dann müssen Ihre Nachbarn Musikliebhaber sein.Oechslin (lacht): Mittlerweile schon! Das ist für Musiker natürlich immer ein Thema, aber wir haben Glück, es beschwert sich niemand.

Hat die Einarbeitung in die Rolle der Organisatoren viel Zeit be­ansprucht?Oechslin: Vor allem vor dem ersten Konzert, da kam viel aufs Mal auf uns zu. Aber danach lief es fast von selber.

Reinhard: Wir haben von Grund auf neu angefangen, Dossiers zusammengestellt und Geldgeber gesucht. Was die Finanzen betrifft, sind wir neben den Einnahmen aus den Konzerttickets auf Gönner und Stiftungen ange­wiesen. Für Sponsoren sind wir weniger interessant, weil die Kirche von Blumenstein klein ist und wir ihnen nicht viel bieten können.

«Wir möchten das Publikum nicht nur glücklich machen, sondern es auch zur Auseinandersetzung mit Unbekanntem auf­fordern.»Yuka Oechslin

Zu Ihrem Konzept gehört, jedes Jahr einen Komponisten ins Zentrums des Konzertzyklus zu stellen. In der Saison 2016/2017 war es der eher unbekannte Alexander Zemlinsky (1871–1942). Wie fielen die Reaktionen des Publikums aus?Oechslin: Absolut super. Viele Leute kannten ihn gar nicht. Insbesondere das letzte Konzert vom 22. Januar mit dem Streichquartett, einem Spätwerk von Zemlinsky, war für uns ein grosser Erfolg. Jedes der vier Konzerte zeigte eine andere Phase des Komponisten, womit seine recht krasse Entwicklung sehr gut nachvollzogen werden konnte. Auch für uns als Künstler war dieser Prozess sehr spannend, weil man sonst meistens nur ein Stück eines Komponisten spielt.

Reinhard: Durch diese chronologische Abfolge der Werke wurde das Publikum auf das Streichquartett vorbereitet, das zwar nicht gerade atonal, aber zum Hören doch sehr anspruchsvoll ist. Wir spielten im Verlauf des Jahres auch Werke von bekannten Komponisten wie Mozart – aber es war Zemlinsky, auf den die Leute abgefahren sind.

Vor dem ersten Konzert unter Ihrer Regie sagten Sie im Interview mit dieser Zeitung, dass Sie vermehrt junge Leute nach Blumenstein locken möchten. Ist Ihnen das gelungen?Reinhard: Momentan noch nicht ganz. Junge Leute in klassische Konzerte zu holen, ist aber nicht nur für uns ein Problem. Doch wir bleiben dran.

Oechslin:Wir haben bewusst junge Künstler und erfahrene Künstler engagiert. Das hat zwar unser Publikum nicht merklich verjüngt, sorgte aber für eine ganz spezielle Dynamik bei den Proben und im Konzert. Auf der einen Seite das Feuer der Jungen und ihre Offenheit für Neues, auf der anderen Seite der etwas andere Blick der älteren Künstler auf Werke, mit denen sie bereits vertraut waren.

Haben Sie das Programm so gestaltet, dass es vor allem junge Leute anspricht?Reinhard: Wir wollten zwar Stücke von Komponisten präsentieren, von denen man weiss, dass sie gut angekommen – zum Beispiel Mozart und Bach – , aber nicht ausschliesslich.

Oechslin: Wir möchten das Publikum nicht nur glücklich machen, sondern es auch zur Auseinandersetzung mit Unbekanntem auffordern. Als Organisator muss man dem Publikum vertrauen können: Es ist häufig sehr viel offener, als man denkt. Das hat sich mit unserer Wahl von Zemlinsky bestätigt.

Und konnten Sie Ihr Stammpublikum mit dieser Strategie be­halten?Reinhard: Zum grössten Teil. Viele besuchen die Vier-Jahreszeiten-Konzerte in Blumenstein seit 20 Jahren, sind bereits 80 oder sogar 90 Jahre alt und können nun aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kommen oder weil ihnen der Weg zu beschwerlich ist. Deshalb mussten wir etwas tiefere Zuschauerzahlen in Kauf nehmen. Aber das ist bei einem Wechsel üblich.

Oechslin: Schön wäre auch, wenn wir mehr Besucher aus der Region Thun hätten. Die meisten kommen aus Bern und Umgebung.

Am 7. Mai laden Sie zum Frühlingskonzert nach Blumenstein. Auf welchen Komponisten fokussieren Sie in der neuen ­Saison?Oechslin: Claude Debussy, dessen Tod sich 2018 zum 100. Mal jährt. Zudem bringen wir Werke von Komponisten, die ihn beeinflusst haben oder von ihm beeinflusst worden sind. Sie stammen wie er vor allem aus Frankreich.

Die Konzerte in der Kirche Blumenstein beginnen jeweils um 17 Uhr. In den Tickets inbegriffen ist die Fahrt mit dem STI-Konzertbus von Thun (Hauptbahnhof) zur Kirche und zurück. Vorverkauf: Thun-Thunersee Tourismus, Gemeindeverwaltung Blumenstein, Tonträger music & more gmbh bern sowie an allen offiziellen Kulturticket-Vorverkaufsstellen. www.kulturticket.ch

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