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Alles ist austauschbar, nur der Vetter nicht

Auf seiner zweiten CD «Menschsein ist heilbar» beweist der Schaffhauser Gabriel Vetter einmal mehr, dass er seine Sache ein bisschen besser als die meisten anderen macht.

Er war gerade mal 21 Jahre alt, als er die Bühnenpoetinnen und -poeten in der deutschsprachigen Welt das Fürchten lehrte: Er gewann die Poetry-Slam-Meisterschaften, den Salzburger Stier und beinahe beiläufig auch noch die Herzen der Kritiker und Zuschauer. Doch das ist über vier Jahre her und Geschichte. Jetzt gibt der Schaffhauser Gabriel Vetter, inzwischen 26-jährig, auf seiner zweiten Solo CD «Menschsein ist heilbar» noch einen drauf – mit Texten und Darbietungen, die beim ersten Hören nichts gemein haben mit früher und doch unverkennbar Vetter sind: wild, laut, wütend, tiefsinnig, unaustauschbar. Dinge ad absurdum führenWomit wir beim Thema wären: Austauschbarkeit. In den 17 Texten von Vetter werden ständig Dinge, Lebewesen und Eigenschaften ausgetauscht und somit ad absurdum geführt. Dadaistisch mutet das an, wenn der Name Bert (Bertold Brecht) durch Ernie ersetzt wird – oder durch Gabel oder Maiskolben – und beim endlosen Wiederholen den Sinn verliert. Einiges brisanter wird es, wenn in «Massenbaumhaltung» der Baum plötzlich für alle Lebewesen steht, die unter der Knute der Menschheit stehen, und Vetter von Problembaum spricht, von Risikobaum, Strassenbaum. Schliesslich vollends politisch geht es in «Pfui» zu und her: Da erklärt der Poet die «Initiative zur Ausschaffung krimineller SVP-Wähler». Die Anzahl Krebstoter wird zu diesem Zweck in direkten Zusammenhang mit der Anzahl SVP-Mitglieder gesetzt. Denn: Kommen nicht 20 Krebstote auf ein SVP-Mitglied? Und gab es nicht, vor vielen Jahren, als es noch keine SVP gab, auch keine Krebstoten? Der Kausalzusammenhang scheint perfekt. Unangepasst ernstAuch der Kausalzusammenhang von Vetter und dem Erfolg ist gegeben. Wie eh und je schreit er, tobt er, flüstert er, säuselt er und lacht er über sich selbst. Das machen inzwischen viele Bühnenpoeten, auch sie mit Erfolg. Und einige klingen dabei auffallend ähnlich wie Gabriel Vetter – nicht nur wegen des Tonfalls, auch wegen der Themenwahl. Der Schaffhauser ist ihnen aber einen grossen Schritt voraus. Er fordert das Publikum mit ernsten und unangepassten Texten heraus, zum Beispiel so: «Es stirbt ein Kind – Was machen wir denn da, was machen wir denn nur mit dem Kind da?» Stille im Publikum, kein Lacher im Wohnzimmer. Das ist mutiger, als es seine Nachahmer sind. Vetter braucht sich nicht an Schenkelklopfertexten festzuhalten. Er hat etwas zu sagen – und er sagt es auf seine eigene Art.

Gabriel Vetter: «Menschsein ist heilbar», Sprechstation-Verlag.

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