Zukunft Europa, wo bist du?

Von Istanbul nach Island, von Brüssel bis Santiago de Compostela – und am Ende ins Grauholz: Das Berner Duo Fitzgerald&Rimini malt den furiosen Bilderbogen eines Europas im Schwebezustand.

Mit Forschergeist und Formwillen: Die beiden Berner Elsa Fitzgerald alias Ariane von Graffenried und Ribi Rimini alias Robert Aeberhard auf Expedition.

Mit Forschergeist und Formwillen: Die beiden Berner Elsa Fitzgerald alias Ariane von Graffenried und Ribi Rimini alias Robert Aeberhard auf Expedition.

(Bild: Michael von Graffenried)

Stuck bröckelt auf die barocken Stühle, voller «Ennui» schleckt die Katze an den Socken des Königs. Canaletto, der gefeierte venezianische Vedutenmaler präsentiert dem polnischen Herrscher seine neuste Leinwand mit einem Abbild von Warschau und wartet auf Beifall für seine realistische Malerei. Doch der König sagt nichts. Abrupt setzt sich die Szenerie auf der Leinwand in Bewegung: Das alte Warschau versinkt unter Bergen von Asche. Das Licht wechselt, und Stalins Kulturpalast drängt sich ins Bild, mit Juri Gagarin, dem Kosmonauten, auf der Aussichtsterrasse. Noch ein Lichtwechsel und Menschen, die Burger essen und extremistische Zeichen auf der Haut tragen, treten in den Vordergrund. Menschen, wie sie Canaletto nie wichtig waren, und der Vedutenmaler fragt sich: «Was isch ächt? / Was isch Tüüschig / u was schlächt? () Was isch Gschicht? / U was Gedicht?».

Bald realistisch, bald surreal

Das könnte auch fragen, wer sich die kunstvollen Klangminiaturen von Fitzgerald&Rimini anhört. Wie Canalettos Leinwand widerspiegeln die Stücke auf ihrer zweiten CD «Grand Tour» bald realistische, bald ins Surreale abhebende Stadtansichten von den geografischen und sozialen Rändern des heutigen Europas. Von Istanbul nach Langanes, von Brüssel bis Santiago de Compostela, Berlin Teufelsberg oder eben Warschau waren die Wortpoetin Ariane von Graffenried alias Elsa Fitzgerald und der Klangkünstler Robert Aeberhard alias Ribi Rimini unterwegs. Mit Geschichten aus dem Gestern und Heute, mit rohen Wortbruchstücken aus Wirklichkeit und Mythologie kamen die 36-jährigen Berner zurück. Und mit Geräuschen im Koffer, sogenannten «field recordings»: dem Ton abblätternder Farbe etwa, dem von Abfalleimern im Wind, dem Knattern von Helikoptern oder dem Knurren des Magens nach einer Portion Austern.

Rätselhafte, zu fantastischer Poesie veredelte Kleinstkunstwerke sind daraus entstanden, irgendwo angesiedelt zwischen Spoken Word, Hörspiel und Song. Ein eigenes Genre in Wort und Klang, das liebevoll abgründige Bilder im Kopf hervorruft, ohne je auch nur ansatzweise in die Nähe des Kitsches zu geraten. Und anders als der venezianische Canaletto zeigen Fitzgerald&Rimini den Menschen im Grossformat. Da ist etwa die Brit-Rock Ballade von Milly, der «ungekrönten queen» der Hooliganszene im Londoner Working-Class-Stadtviertel Bermondsey. Da sind Ellin und Arni, die «Iisigi Hochzit» feiern auf Island, dem von der Welt vergessenen europäischen Aussenposten: Nur «ufkratzeti Sunnestrahle lige im Moos () u paar Eufe löie ungerem ne Stei». Da ist die Made namens Maude, die sich in der Wade einer osteuropäischen Oligarchin in Monaco mit einem Cocktail aus slawischem Körpersaftcocktail vollsaugt, bis sie der Jetset packt. Und da ist der Pilger, dem Endo Anaconda die Stimme leiht. Selbstgefällig verliert er sich in Santiago in einem «dialogue des sourds» mit einer sich prostituierenden afrikanischen Migrantin. Wohin ist dieses Europa unterwegs? Auch die Eurokraten in Brüssel in ihrem babylonischen «océan des langues» reden aneinander vorbei. Und als der Vulkan Eyjafjallajökull Feuer spuckt, kommt das Projekt Europa zum totalen Stillstand. Bei Fitzgerald&Rimini unterläuft eine Tonspur aus synkopisch treibenden Bässen die hektischen Durchsagen der annullierten Flüge. Die Tonspur klingt nach Sonne, Abenteuer und Aufbruch.

Das Rauschen des Kontinents

Müde und erschöpft kehren Fitzgerald&Rimini zurück von ihrem Trip durch ein Europa, dessen Vergangenheit langsam vergessen geht, während die Zukunft, an die man das Herz verlieren könnte, noch nicht erkennbar ist. Die CD, auf der mit Nadja Stoller, Jan Galega Brönnimann und weitere Grössen der heimischen Musikszene mitwirken, schlägt einen furiosen Bogen. Die einzelnen Miniaturen verweben sich dabei über wiederkehrende Motive, fein anklingende Echos, halsbrecherische Sprachwechsel, musikalische Tonfolgen und Geräusche zu einem vielstimmigen und vieldeutigen Klangteppich: zu einem berückenden «Rauschen des Kontinents», in dem nach jedem Drücken der Repeat-Taste neue Glanzlichter aufscheinen. In «Grauholz», dem letzten Stück, kriechen den beiden auf der Heimfahrt statt der grossen Gletscherzungen der Eiszeit «Laschtwäge imene gfrorne Storm vo Chäre» entgegen, dort, wo die Herren beim Franzoseneinfall ihren Rücken bogen vor der Demokratie. «Es dünkt mi, das Gfächt sig no nid ganz verbi», kommentiert Fitzgerald. Aber: «Für e Momänt si mir gnue gritte. Mir gö hei uf üsi Site.»

«Grand Tour»Album: «Grand Tour»: Fitzgerald&Rimini, Der gesunde Menschenversand. CD-Taufe: Mi, 18.2., 20.30 Uhr, mit Gästen, Bee-Flat, Progr Bern.

Berner Zeitung

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