Züri-Futter für die Reggae-Szene

Mundartmusik tanzt karibisch: Der Sänger Silvio Brunner nimmt unter dem Namen Stereo Luchs Dancehall-Tracks auf Schweizerdeutsch auf und verrät, worauf es dabei ankommt.

Reggae aus der Limmatstadt: Stereo Luchs.

Wäre dieser Artikel ein Song des Zürcher Reggaesängers Stereo Luchs, er würde so beginnen: Mit den Worten «Okay jetzt!», die er wie einen Stempel vor die erste Strophe seiner Stücke setzt. Damit man ihn, den Luchs, doch ja erkennt. Viele Verwechslungsmöglichkeiten bieten sich einem aber gar nicht an: Stereo Luchs als Silvio Brunner am Friesenberg aufgewachsen, heute wohnhaft in einer WG am Triemli, macht mehrheitlich Reggae der schnellen, energetischen Art. Sogenannten Dancehall in flinkem Züritüütsch. Ganz bewusst produziertes Futter für die DJs der hiesigen Reggaeszene. Und auf diesem Gebiet hat er kaum Konkurrenz.

«Under Mim Guinness» hiess die erste Single, die er vergangenen Sommer als erste ins Rennen schickte. Ein Song über Party, Bier, weiche Drogen und die Verlockungen der Nacht (schöne Damen nähern sich, doch die Freundin wartet zu Hause im Seidenpyjama) – nicht mehr und nicht weniger. Was den spritzigen Song speziell macht, ist seine Funktionsweise: Brunner schafft es, die jamaikanische Musik in die Zürcher Szenerie und Sprache zu übersetzen, ohne je anbiedernd oder peinlich zu wirken.

Der Luchs verlässt den Bau

Natürlich ist das nichts, was man auf die Schnelle erlernen kann. «Wir haben schon mit 16 Jahren im Keller zu HipHop gefreestylt», sagt er. Mit dem «wir» ist neben ihm dabei meist Dennis Furrer gemeint – besser bekannt als Phenomden, der erfolgreichste hiesige MundartReggaesänger. Die beiden sind befreundet und wohnen seit Jahren zusammen. Mit ihm trat Brunner auch zum ersten Mal vor ein grösseres Publikum: 2007 veröffentlichten sie ein Album unter dem Titel «Phenom Melody: Stylegenerator». Eine Mundart-Reminiszenz an den digitalen 80er-Jahre-Dancehall.

Zu Rhythmusfundamenten aus «billigen» Synthieklängen und alten Drumcomputern sangen sie von zu viel Spam im Mail-Eingang oder zogen Vergleiche zwischen süssen Mädels und dem Inhalt ihres Kühlschranks. «Just for fun. Ich hab damals gerade ein Praktikum gemacht, deshalb hatte ich etwas Zeit», erzählt Brunner, heute 31 Jahre alt, der seinen Lebensunterhalt als Architekt bestreitet. «Danach hab ich lange überhaupt nichts aufgenommen.» Jetzt, mit abgeschlossenem Studium und Halbtagespensum, ist wieder mehr Zeit für die Musik da. Und darum verlässt der Luchs nun nach Jahren seinen Bau: «Stepp Usem Reservat» heisst das Album, das demnächst auf seinem Label erscheinen wird. Gerüchteweise, hört man, hätte er auch bei einem Major unterschreiben können – anscheinend waren mehrere interessiert –, aber Brunner zog es vor, die Zügel in der Hand zu behalten und nur den Vertrieb Sony Music zu überlassen. Auf seinem Debütalbum sind nun nicht nur Dancehall-Stücke enthalten. Gemeinsam mit seinem Produktionsteam hat er versucht, eine bunte Mischung hinzukriegen: RootsReggae, Achtziger-Einflüsse, ein paar ernste Stücke, Spielereien mit Stimmeffekten. Es sind aber doch die DancehallStücke, die herausstechen: Wie er im Eröffnungsstück «Bleich Für Oi» davon berichtet, wie er im Studio sitzt und den Sommer nur über die Wetter-App mitkriegt, rüttelt einen angenehm durch. Ein euphorischer Musikstrom, in dem alles mitschwimmt: ein Kühlschrank voller Bier, Patois-Teilchen, Zitate, Querverweise.

Direkte, ungeschönte Musik

Worauf kommt es an, damit Dancehall auch auf Schweizerdeutsch flutscht? «Der Augenzwinkern-Faktor ist sicher wichtig», erklärt er. «Würde man Dancehall-Songs eins zu eins übersetzen, klänge das ziemlich ‹gruusig›. Es ist halt einfach sehr direkte, ungeschönte Musik, die dem Zuhörer schnell ins Blut übergehen soll.» Deshalb muss mit Humor gearbeitet werden: «Wänn ich säge ich ränn ’em Papier nah, dänn mein’ ich numme d Siite im Block/sitz im Chäller unne und kei Sunne schiint uf min Chopf», reimt Stereo Luchs. Während die Kollegen aus Jamaika von Wertpapieren singen, geht es bei ihm also um Schreibutensilien.

Bleibt noch zu klären, woher der Luchs seinen Namen hat. «Seine Wesensart passt recht gut zu mir – einerseits Raubtier, andererseits scheu», sagt Brunner schmunzelnd. «Ausserdem: Wenn man Mundartsound macht, muss man den lokalen Bezug suchen. Stereo Delfin hätte irgendwie seltsam geklungen.» Hoffentlich lässt sich dieses scheue Tier so schnell nicht wieder vertreiben. Die Plattentaufe von «Stepp Usem Reservat» (Pegel Pegel!/Sony Music) findet am 17. Mai im Club Exil in Zürich statt.