Thun

«Wir sind sture Köpfe»

ThunSie mischen Volksmusik mit Schlager, Country und einem Hauch Rock’n’Roll: Die Berner Familiengruppe Oesch’s die Dritten veröffentlicht am Freitag ihr neues Album «Wurzeln und Flügel». Wir trafen Mutter und Tochter in ihrem Heimatdorf Schwarzenegg.

«Wir haben den gleichen Modegeschmack»: Annemarie Oesch (links) ist bei Oesch’s die Dritten die zweite Gesangsstimme – ihrer Tochter Melanie lässt sie bei hohen Tönen und beim Jodeln gern den Vortritt.

«Wir haben den gleichen Modegeschmack»: Annemarie Oesch (links) ist bei Oesch’s die Dritten die zweite Gesangsstimme – ihrer Tochter Melanie lässt sie bei hohen Tönen und beim Jodeln gern den Vortritt. Bild: Susanne Keller

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Oesch’s die Dritten sind mittlerweile ein Familienunternehmen. Musizieren Sie manchmal noch spontan miteinander, ausserhalb der Proben?
Melanie Oesch: Eigentlich nicht. Wir geben rund 150 Konzerte pro Jahr, und da bin ich manchmal froh, wenn ich einen Tag nicht singen muss und sich die Stimme regenerieren kann.
Annemarie Oesch: Ausser im Sommer vielleicht mal, wenn wir draussen sitzen. Dann holen die Jungs, Mike und Kevin, spontan ihre Gitarren und Melanie ihr Cajon und jammen ein bisschen.

Wann war klar, dass Sie ganz auf die Musik setzen wollen?
Melanie Oesch: Ich war vor fünf Jahren die Erste, die entschieden hat, hauptberuflich Musik zu machen. Ich bin jung und habe keine Verpflichtungen. Diese Chance wollte ich unbedingt nutzen.

Hatten Sie Angst vor diesem Schritt?
Melanie Oesch: Ich hatte Respekt, aber keine Angst. Eine Garantie, dass etwas ein Leben lang funktioniert, hat man in anderen Berufen auch nicht.
Annemarie Oesch: Wir «Alten» haben länger gebraucht, um den Schritt zu wagen. Mein Mann hatte am meisten Probleme damit, den Beruf ganz aufzugeben. Die ersten Jahre haben wir nebenbei alle noch gearbeitet.
Melanie Oesch: Irgendwann hat sich für uns alle eine Entscheidung aufgedrängt. Die Situation war für uns unbefriedigend, aber auch für die Arbeitskollegen. Sämtliche Ferien haben wir für die Musik verplant, und wenn wir von Konzertreisen nach Hause gekommen sind, hat schon die andere Büez gewartet.

Mittlerweile sind Sie als Familienband besser organisiert als mancher Verein
Melanie Oesch: Wir sind sehr strukturiert, ja. Wir haben regelmässig Sitzungen, es gibt Traktanden, und die Sitzungen beginnen immer morgens um acht. Wir haben so viel zu planen, dass es gesittet ablaufen muss, damit jeder noch ein bisschen Freizeit hat. Auch die gemeinsamen Proben stehen Monate vorher schon im Terminkalender.

Wird beim Abendessen noch weiterdiskutiert, oder trennen Sie Beruf und Familie strikt?
Annemarie Oesch: Das Musikalische passiert im Übungsraum oder an den Sitzungen, der Rest ist Familie.

Morgen erscheint das neue Album. Wie entstehen Ihre Songs?
Melanie Oesch: Weder die Arrangements der Covertitel noch die Eigenkompositionen werden auf Noten geschrieben. Es beginnt mit einem Demo, oft nur von meinem Vater und mir, oder ich singe und begleite mich am Keyboard. Später improvisieren die anderen dazu. So entstehen verschiedene Versionen, bis sich irgendwann die richtige herauskristallisiert. Das kann Monate, manchmal Jahre dauern.

«Wurzeln und Flügel» ist das erste Album, das beim Majorlabel Universal erscheint. Wie hat sich das auf die Albumkonzeption ausgewirkt?
Melanie Oesch:Bei den vorherigen Alben standen wir zwar auch alle gemeinsam im Studio, aber jeder in seinem Kämmerchen. Diesmal waren wir viel näher beisammen, hatten stets Blickkontakt. Das hat richtig gegroovt. Wenn das Publikum uns anfeuert, können wir eine Leistung erbringen, die im Studio kaum möglich ist. Diesmal kamen wir dieser Livesituation aber sehr nahe.
Annemarie Oesch: Wir haben bei diesem Album vieles selber entschieden. Universal haben wir es erst gezeigt, als wir die Songs bereits eingespielt hatten.

Warum der Alleingang?
Melanie Oesch: Wir sind sture Köpfe, musikalisch gesehen. Jeder von uns weiss genau, was er will, das lässt sich aber oft nur schwer in Worte fassen. Innerhalb der Familie verstehen wir uns musikalisch aber so gut, dass es nicht viele Worte braucht.

Sie, Melanie, und ihr Vater sind die kreativen Köpfe der Band. Wer ist experimentierfreudiger?
Annemarie Oesch: Hansueli ist sicher der traditionellere von beiden, während Melanie gerne in alle Richtungen experimentiert.
Melanie Oesch: Manchmal findet mein Vater eine Idee von mir übertrieben, lässt sich aber darauf ein. Dafür gebe ich dann bei ihm mal nach. Aber alle Bandmitglieder sollen ihre Meinung einbringen können.
Annemarie Oesch: Melanie und ihr Vater sind die Ideenlieferanten. Wir anderen kommentieren und reklamieren, wenn es uns nicht gefällt. Melanie Oesch: vor allem reklamieren! (lacht)

Melanie ist die Chefin der Töne, Sie sind dafür die Kostümchefin...
Annemarie Oesch: Na ja, Kostümchefin... Ich schaue zu den Kleidern und richte sie für die Auftritte her. Die Kostüme lassen wir von einer Designerin in Bern schneidern. Wir gehen meistens alle miteinander zu ihr. Denn auch die Jungs haben genaue Vorstellungen, wie etwas aussehen soll.
Melanie Oesch: Dicker Stoff, feiner Stoff, da lassen sie sich nicht reinreden.

Melanie, als Frontfrau stehen Sie am meisten in der Öffentlichkeit. Wie kommen Sie damit klar?
Melanie Oesch: Es ist eine der schwierigsten Aufgaben dieses Berufes. Ich bin gerne Frontfrau. Wenn ich aber über die anderen gestellt werde, ist mir das unangenehm. Wir versuchen auch an den Konzerten zu vermitteln, dass wir als Gruppe funktionieren.

Dennoch liest man in der Zeitung nur von Melanie Oeschs Beziehungsaus.
Melanie Oesch: Ja, das ist wohl einfach so. Es ist eine Gratwanderung. Am Anfang habe ich zu oft Ja gesagt, sei es bei Medienanfragen oder Konzerten. Ich musste lernen, Stopp zu sagen und auf meine Energiereserven zu achten. Ein guter Freund von mir sagt immer: «Das Nein ist der Schlüssel zur Freiheit.»

Müssen Sie viele Konzertanfragen ablehnen?
Annemarie Oesch: Ja, gerade solche für Geburtstagsfeste oder Hochzeiten. Viele Anfragen kommen zu kurzfristig rein. Wenn wir absagen, heisst es manchmal: Ihr könnt auch nur zu zweit oder zu dritt kommen. Aber das machen wir nicht. Oesch’s die Dritten gibt es als Vollpackung oder gar nicht.

Melanie Oesch, war Ihnen die Volksmusik je peinlich? Melanie Oesch: Nein, gar nicht. Je älter ich wurde, desto klarer war es, dass ich in diese Richtung gehen wollte. Meine Freun-dinnen, auch in der Gymerzeit, haben mich darin immer unterstützt. Sie nahmen mich und die Musik, die ich mache, stets als Einheit wahr. Das hat mich enorm gestärkt.

Sie wohnen alle noch in einem Haus. Zog es Sie nie weg vom Elternhaus oder von Schwarzenegg?
Melanie Oesch: Nein, ich mag dieses Vertraute. Ich kenne alle Leute und jede Ecke meines Dorfes. In zehn Minuten bin ich in Thun, in einer halben Stunde in Bern und in fünf Minuten auf der Skipiste. Und wir sind ja mindestens 200 Tage im Jahr unterwegs. Da ist die Zeit, die ich hier verbringe, kurz und kostbar. Aber klar, wenn ich einen normalen Beruf hätte, 365 Tage pro Jahr in Schwarzenegg verbringen würde, hätte sich die Situation längst geändert.

Haben Sie häufiger Heimweh oder Fernweh?
Melanie Oesch: Ich sehne mich unterwegs manchmal nach gutem Brot oder Rivella. Aber Heimweh habe ich nie. Ich bin ein Reisefüdli und lebe gerne aus dem Koffer.
Annemarie Oesch: Ich bin gerne zu Hause, aber Heimweh kenne ich nicht. Wonach sollte ich mich sehnen? Ich habe die ganze Bande ja immer bei mir. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.06.2014, 11:12 Uhr

Das Album

«Wurzeln und Flügel» Hier kommt keine Langeweile auf: Oesch’s die Dritten grooven, schunkeln, singen auf Berndeutsch, Hochdeutsch, Englisch und Französisch. Melanie Oesch juchzt und jodelt so rein wie ein Bergbach.

Auf dem neuen Album finden sich traditionellere Stücke wie «Wenn die Sonne erwacht in den Bergen», aber auch Experimente Richtung Rock’n’Roll und Country. Etwa eine gejodelte Version von «Hill Billy Tilly» aus einem Winnetou-Film. (mk)

Oesch’s die Dritten: «Wurzeln und Flügel», Universal.

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