Wie die Musikindustrie mit Traditionsbewussten Geld verdient

Die Musikindustrie setzt auf Berge, Juz und Ursprung – denn Traditionsbewusste sind (fast) die Einzigen, die noch Geld ausgeben für Musik. So funktioniert auch die Gruppe Heimweh, die heute ihre neue CD lanciert.

Echte Männer mit tollen Stimmen: Heimweh weckt Sehnsucht nach dem Ursprung.

Echte Männer mit tollen Stimmen: Heimweh weckt Sehnsucht nach dem Ursprung. Bild: Photoworkers.ch

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«So ne Bärgler wien ich / isch min Vater scho gsi / er isch scho gsi am Seil / über Fels, über Iis / Wirds mir hie mängisch z vil / muess i au ufe gah / und de lueg i vom Gipfel bis abe is Tal.»Mit dem Titelsong beginnt das neue Album «Vom Gipfel bis is Tal» von Heimweh, das heute erscheint. Kein Zweifel: Auch das dritte Werk der Männerchorband wird ein Erfolg. Die elf Songs ergeben einen bunten Mix von schmissigen und bedächtigen Stücken, eine runde Sache, ein Hitalbum. Schon die Vorgänger «Heimweh» und «Blueme» stürmten an die Spitze der Schweizer Hitparade und heimsten Swiss Music Awards ein.

Schluneggers Sinne

Die Musik von Heimweh – was ist das? Jodel? Selten. Schlager? Nicht immer. Rock? Nur ab und an im Temperament. Es ist eine Popmischung, die niemand in der Schweiz so gut hinkriegt wie der Mann aus Grindelwald, der dahinter steckt. Georg Schlunegger, Hitfabrikant der Zürcher Firma Hitmill, hat Heimweh ausgeheckt, zusammengestellt und produziert. Hinter den Männern im Kühermutz steckt Kalkül: Es handelt sich nicht etwa um eine nette Gruppe von Freunden, die zusammen musizieren und vom Erfolg überrascht wurden. Sondern um eine Konzeptband, die von Anfang an darauf ausgelegt war, die Deutschschweizer Herzen im Sturm zu erobern.

Schlunegger ist nicht nur Songschreiber und Produzent von Hitmill, mittlerweile ist er Mitinhaber neben Roman Camenzind und Fred Hermann. Sein rascher Aufstieg ist logisch: Schlunegger hat ein Gespür für Musikarrangements und Texte wie wenige im Land. Darüber hinaus verfügt er über einen sechsten Sinn für Zielgruppen und einen siebten für die Lücken im Angebot der Schweizer Musikindustrie. Und die schliesst er treffsicher. Darüber sprechen mag er auf Anfrage nicht, «ich möchte mich gerade etwas aus dem Fokus nehmen», schreibt er.

Kinder, Frauen, Männer

Sein untrügliches Gespür zeigt Schlunegger bei zwei anderen Retortenprojekte in seiner Verantwortung. Da wären die Schwiizergoofe: Sie singen und tanzen frische und freche Kinderlieder, sie füllen die grossen Konzerthallen zwischen Freiburg und Romanshorn, das Konzert Ende November im KKThun ist bereits ausverkauft. Kinder aus allen Ecken der Deutschschweiz stehen auf der Bühne, es gibt Songs in allen Dialekten und in allen Temperamentschattierungen, von der Ballade bis zur wilden Rocknummer.

Oder die Frauenband Härz. Sechs gemäss Selbstdeklaration «singende Ehefrauen und Mütter» – aus allen Ecken der Deutschschweiz – gehen laut Website gemeinsam «ihrer grossen Leidenschaft» nach, der Musik. Die Frauen singen von der Liebe, von der Familie und von den Vorzügen des Lebens. Eine heile Welt zwischen Tradition und Moderne, vorgetragen von Frauen, die Job, Kinder und Haushalt unter einen Hut bringen müssen. Eingängige Melodien, positive Energie, Musik, die glücklich macht.

Echte Männer, echte Frauen, echte Kinder, Schluneggers Palette deckt alles ab. Sängerinnen und Sänger wie du und ich für Kunden, die irgendwo zwischen dem verklärten Gestern und dem beunruhigenden Heute bewegen, zwischen Bergen und Stadt, zwischen Karriere und Haushalt. Mehrstimmiger Gesang auf Schweizerdeutsch statt digital verfremdete Stimmchen wie in der internationalen Popmusik – Schlunegger liefert Musik mit Identifikationspotenzial.

Heimweh, Härz und Schwiizergoofe haben eine weitere entscheidende Gemeinsamkeit: Sie beliefern Zielgruppen, die noch Tonträger kaufen. Während eine eher jüngere, städtische Kundschaft heute Musik über Internetdienste streamt, hält das eher ältere, ländlich lebende Segment an der guten alten CD fest. Damit lässt sich Geld verdienen. Streaming bringt fast kein Geld ein. Dies führt frappant der diesjährige Überhit von Lo & Leduc vor.

Seit schier unglaublichen 21 Wochen führt «079» die Schweizer Hitparade an. Doch weil der Song von den (jugendlichen) Konsumenten überwiegend gestreamt wird, verdienen die Berner Popstars kaum Geld mit dem Verkauf des Songs. Vor dem Internet-Zeitalter hätte ein Volltreffer wie «079» den Künstlern die Rente gesichert. «20 Minuten» hat nachgerechnet, dass Lo & Leduc mit ihrem Hit bloss rund 100 000 Franken einnehmen, die Ausgaben für die Produktion noch nicht abgezogen. Laut einem Insider, der nicht genannt sein will, dürfte der Betrag «eher noch tiefer» liegen.

Dieser Entwicklung hält Produzent Schlunegger mit seinen Produkten entgegen. Die Zielgruppe Kinder ist am einfachsten für herkömmliche Tonträger zu begeistern: Wer seinem Gottibub Musik der Schwiizergoofe schenken will, kauft eine CD, weil sich ein Stream nicht einpacken lässt. Härz vertreibt ihr Album nur über ihre Website. Damit kommt man zwar nicht in die Hitparade, kann aber dennoch Tausende Exemplare absetzen.

Erfolgreiche Strategie

Beim neuen Heimweh-Album fährt Schluneggers Heimweh einen Mittelweg: In einer ersten Phase wird es nur über die Homepage vertrieben und später erst über alle anderen Kanäle. Die Idee: Fans werden das Album kaufen – bevor sie in Versuchung kommen, die Songs fast gratis über Spotify zu streamen. Eine erfolgreiche Strategie: In der «Taschenstatistik 2017» des Bundesamts für Statistik stehen gleich beide Alben von Heimweh in den Top Ten der Albumverkäufe. Und auch die Schwiizergoofe sind unter den zehn Besten.

Und jetzt – ist das alles nur Geldmacherei? Letztlich verkauft Schlunegger seine Projekte clever. Doch zuerst kommt die Musik. Und die kommt hörbar vom Herzen, ist eben echt und nur deshalb erfolgreich. Da ist Gespür für Melodien und Text. Ohne die Sinne eins bis sechs wäre auch Zielgruppenspürhund Schlunegger aus Grindelwald aufgeschmissen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 10.08.2018, 11:30 Uhr

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Das Album

Schlagerpop mit Country-Einschlag und Jodel: In etwa so klingt das dritte Heimweh- Album «Vom Gipfel is Tal». Das langsame Titelstück zum Auftakt ist rau wie eine nackte Bergflanke und nachhaltig erbaulich wie der Ausblick nach dem Aufstieg. Es folgt Schwermütiges, Sehnsüchtiges, aber auch Leichtfüs­siges: «Langnau im Ämmital» handelt von einem Mann, der sich in der S-Bahn in eine Mitreisende verliebt, aber verpasst, ihr zu folgen. Jetzt fährt er die Strecke jeden Tag. Toll getextet. Mitten ins Herz zielt auch «Blüem­lisalp». Das ist nicht etwa ein Polo-Hofer-Cover, sondern eine gejodelte Erinnerung an die Jugendliebe. Es geht wieder sehr emotional zu und her bei Heimweh. Bisweilen auch frivol: Beim zweideutigen «Liebi uf em Land» werden die Vorzüge der Wiese am See gegenüber der Suite im Palace besungen. (mfe)

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