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Wer hat das Sagen im Hip-Hop-Land?

HintergrundHardliner wie Tommy Vercetti und Opportunisten wie Knackeboul streiten darüber, was Mundart-Rap sein soll und sein kann. Eine Bestandsaufnahme.

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Es war ein Moment kristallklarer Schärfe. Es war vor ein paar Wochen, Tommy Vercetti sass im Studio des TV-Senders Joiz und sprach über sein neues Album «Glanton Gang». Vercetti hing locker in der Couch, Fussknöchel auf Kniescheibe. Es ging um diesen einen Satz, den er auf dem Album rappt und von dem er sich nicht distanziert: «Dä Knäck dä Hueresohn macht üsi Arbeit zumne Witz.»

Vercettis Attacke war präzis. Er traf mit Knackeboul jenen Kollegen, der sich zum Hip-Hopper vieler Herren hochgedient hat. Knackeboul rappt für SRF und für Kartoffelchips, für die Post und für eine deutsche Autofirma und für weitere. Der Attackierte schaltete sich per Skype von zu Hause in die Sendung ein. «Hast du denn meine Musik gehört?», fragte er, der sich als Förderer der Szene sieht, der Talenten in seinen Shows eine Plattform bietet. Mit gutem Grund hoffte David Kohler alias Knackeboul, im persönlichen Gespräch Simon Küffer alias Vercetti beschwichtigen zu können. Man lebt ja im Land der Kompromisse und spricht Berndeutsch miteinander.

Knackeboul als Zeichen

Doch dieser Vercetti ist ein harter Hund. Er liess Knackeboul vor allen Zuschauern auflaufen. «Nein, ich habe deine Musik nicht gehört», sagte er. Er wolle sie auch gar nicht hören. Es gehe ihm nicht um den Musiker Knackeboul, der interessiere ihn nämlich nicht, sondern um Knackeboul als Zeichen. Knackeboul selber, dieser freundliche junge Mann mit weichem Gesicht und flauschigem Bartwuchs, wirkte verstört.

Mit der Sendung brachen Animositäten zwischen Vercetti und Knackeboul auf, aber wichtiger noch: ein grundsätzlicher Konflikt der Rap-Szene. Es geht um die Frage der künstlerischen Ambition. Darum, welchen Tribut hiesige Rapper für ihren kommerziellen Erfolg entrichten müssen. Vercetti meint, dass sich ein Bligg oder ein Knackeboul anbiedern und ihre und damit auch seine Kunst verraten.

Dass sie immer lächerlich wirken mit ihren harten, dem Ghetto entliehenen Posen, wenn sie in ihren Texten das Kleinbürgertum feiern oder an Promi-Schauen auftreten. Dass sie sich dieser Lächerlichkeit sogar bewusst sind, sie aber des Geldes wegen in Kauf nehmen. Dass ihr «Yoyo!» in seiner Lächerlichkeit immer ein Zeichen der Entwarnung an alle Nicht-Rap-Fans ist; ein Signal, dass sie harmlos sind und dass man sich gern lustig machen darf. Dass sie selber zu einem Zeichen der Lächerlichkeit und Harmlosigkeit werden. «Yoyo!», sagt der AC/DC-Fan, der Knackebouls SRF-Sendung «Cover Me» geschaut hat, und lacht. Er lacht damit immer auch, und von daher kommt Vercettis grosse Wut, über die Möglichkeiten und die Identität des Rap.

«Fight the Power»

Die vergleichsweise junge Kunstform des Rappens und die gesamte Hip-Hop-Kultur mit ihren Sprayern, Breakdancern und Scratchern wird beseelt vom afroamerikanischen Underdog-Gefühl. «Fight the Power» heisst einer der berühmten Tracks von Public Enemy, den New Yorker Pionieren. Im Musikvideo stellen die Rapper um Chuck D und Flavor Flav den Marsch von Martin Luther King nach Washington nach. Es ging um den Kampf gegen eine weisse Elite, die den Schwarzen den Zugang zum materiellen Wohlstand verwehrte und den Respekt vermissen liess.

«Es war uns immer klar, dass ihre Musik nicht für uns ist», schreibt David Foster Wallace in seinem Essayband «Signifying Rappers» von 1990. Der Schriftsteller bewunderte als Kind der weissen Mittelschicht die Radikalität der neuen Musik. Gleichzeitig war er sich bewusst, dass er sie nie ganz verstehen und sich ihr nie völlig zugehörig fühlen würde.

«Ich bin meine eigene Szene»

Aus diesem Grund leidet der Mundart-Rap seit seinen Anfängen in den frühen 1990ern an einer Identitätsstörung. Es fehlen das soziale Gefälle und die ethnische Kluft, und damit fehlen auch die Dringlichkeit und die Aggressivität der Pioniere. Die wichtigsten Schweizer Vertreter waren lange Gymnasiasten-Rapper in der Manier der Fantastischen Vier, andere feierten den Kiffer-Lifestyle. In diesem Umfeld pubertärer Verzagtheit konnte sich ein Kutti MC als feste Grösse etablieren, obwohl er sich in seiner formvollendeten Ironie allen Hip-Hop-Diskursen und direkten Konfrontationen jederzeit entzog. «Ich bin meine eigene Szene», sagt er auch heute noch.

Mit Eminems Aufstieg um die Jahrtausendwende wurde der Hip-Hop zum Massenphänomen und Millionengeschäft. Für einen kurzen Moment waren kommerzieller Erfolg und künstlerische Ambition deckungsgleich. Danach begann der Niedergang der Plattenindustrie, die Mainstream-Rapper mussten Kompromisse eingehen und neue Geldgeber suchen.

Es ist kein Zufall, dass Stress und Knackeboul heute einen schönen Teil ihres Gelds mit Shows im Schweizer Fernsehen verdienen. Und so vergrössert sich der ideologische Graben zwischen Mainstream und Underground weiter. Ein Knackeboul verteidigt seinen wirtschaftlichen Erfolg heute mit Reimen, die bisher amerikanischen Gangster-Rappern vorbehalten waren, die ihren Reichtum als Beweis künstlerischer oder auch sonstiger Potenz deuteten. «Es isch dr Gnägi, är het eifach s lengere Schnäbi», rappt Knackeboul auf seinem neuen Album «Picasso».

Eigentlich tolle Zeiten für Rap

Vercetti hat mit seiner persönlichen Attacke ein Tabu gebrochen. «Ich musste unglaublich viel reden und diskutieren in den letzten Wochen und Tagen», sagt der Berner. Vercetti hat eine Diskussion darüber angestossen, was Schweizer Rap sein soll und sein kann. Es ist ein guter Moment dafür, denn es sind eigentlich tolle Zeiten für Rap der rohen Art, wenn, wie in den letzten Wochen, da draussen das Unbehagen explodiert gegenüber der Politik, der Wirtschaft, dem Fremden und die Leute nach Erklärungen suchen.

Keine Kunstform ist besser geeignet, dieses Unbehagen in Worte zu fassen, zu hintersinnen, weiterzudenken. Ob der Mundart-Rap dies leisten und sich endlich ausserhalb der Szene Respekt verschaffen kann, wird sich zeigen. Das Mikro ist frei. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.03.2014, 08:20 Uhr

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