«Wenn unser Ohrwurm am Radio läuft, schalte ich aus»

Einen Ohrwurm im Repertoire zu haben, sei nicht nur ein Vergnügen, sagt der Berner Musiker Christian Häni.

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Johannes Hofstetter

Christian Häni, ein Ohrwurm sei nicht planbar, sagen Musikwissenschaftler. Was sagen Sie als Komponist und Musiker dazu? Christian Häni: Das stimmt. Ob aus einem Song ein Ohrwurm wird, hängt zu einem grossen Teil vom Zufall ab – und natürlich vom gerade aktuellen Massengeschmack. Zu einem Ohrwurm avanciert ein Lied nur, wenn es auf einer möglichst einfachen Melodie basiert, die auch Kinder nach dem ersten Hören mühelos nachpfeifen können.

Zum Beispiel... Seven Nation Army» von den White Stripes. Dieses Stück basiert auf einem extrem simplen Gitarrenriff, das der Band bei einem Soundcheck vor einem Konzert eingefallen ist. Wenig später hatte es sich zu einer Stadionhymne entwickelt, ohne dass dafür gross Werbung gemacht werden musste. Es verbreitete sich nur dank dieser paar Akkorde rund um den Erdball.

Mit Ihrer Ex-Band Scream haben Sie vor einiger Zeit – wenn auch in einem etwas kleineren Rahmen – ebenfalls einen Ohrwurm produziert: Von «Aquarium» konnten die Fans nicht genug bekommen. «Aquarium» haben wir zweitausendmal gespielt. Ich mag es nicht mehr hören. Wenn es am Radio läuft, schalte ich aus.

War Ihnen beim Komponieren bewusst, dass «Aquarium» zu einem Ohrwurm avancieren würde? Nein. Ich sass damals in meiner neuen Wohnung voller Zügelkisten, hatte eine neue Freundin und war dabei, meinen Lebensstil komplett zu ändern. Aus einer Laune heraus packte ich meine Gitarre. Dann machte ich es mir auf dem Bett gemütlich und schrieb dieses Lied.

Ist es für Musiker eine Freude oder eine Last, einen Ohrwurm im Repertoire zu haben? Mit der Zeit kann es, wie gesagt, mühsam werden, jeden Abend dasselbe spielen zu müssen. An-dererseits: Die Fans wollen den Song hören; unabhängig davon, ob die Leute auf der Bühne noch Spass daran haben. Abgesehen davon: Ein Ohrwurm ist auch eine Versicherung. Jedes Mal, wenn ihn ein Radio spielt, fliesst Geld in die Kasse der Band. Dieses Geld hilft den Musikern, ihren Laden am Laufen zu halten.

Gibt es Lieder von anderen Bands, die Ihnen verleidet sind? Ich mache seit meinen Kindertagen Musik. Jedes Mal, wenn ich ein Stück höre, bleibt etwas davon in meinem Kopf hängen. Diese Eindrücke fliessen bewusst oder unbewusst in meine Melo-dien ein. In meinem Gehirn ist unermesslich viel Musik gespeichert. Ohne dass ich das merke, setzen sich die Noten laufend zu etwas Neuem zusammen. So betrachtet, kann ich nur hoffen, dass mir musikalisch nie etwas verleidet. Interview: jhoChristian Häni kreierte mit der Band Scream einen Ohrwurm: «Aquarium» ist musikalisches Allgemeingut. Sein Gespür für eingängige Melodien und prägnante Texte beweist Häni nach dem Ende von Scream nun mit den «Halunke».

Berner Zeitung

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