Was vom Mundartrock übrig bleibt

Der Berner Musiker Schöre Müller gehört mit seiner Band Span zu den letzten Mundartrockern der Gründergeneration, die noch unterwegs sind. Was ist geblieben vom einstigen Geist?

«Wir haben unseren Hippietraum ­ge­lebt»: Span- Gitarrist und -Sänger Schöre Müller.

«Wir haben unseren Hippietraum ­ge­lebt»: Span- Gitarrist und -Sänger Schöre Müller. Bild: Annette Boutellier

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Es geschah in Hämlismatt. Hier, in dieser Musikerkommune in Arnisäge im Emmental, lebte und musizierte Georges «Schöre» Müller von 1973 bis 1981 mit seiner Band Span. Eine bewegte Zeit. «Mit dem Establishment wollten wir nichts zu tun haben und haben hier unseren Hippietraum gelebt», sagt Schöre Müller.

Hier haben Grünspan, die Vorgängerband von Span, 1974 den Song «Bärner Rock» komponiert. Hier war auch während zehn Tagen eine Band namens Rumpelstilz mit ihrem Sänger Polo Hofer zu Gast und hatte im Keller für ihr erstes Album «Vogelfueter» geprobt, das 1975 erschien. Rumpelstilz schafften danach den Durchbruch und wurden als die Begründer des Berner Mundartrock gefeiert.

«Wir haben den Mundartrock nicht allein erfunden. Aber wir waren das Original.»Schöre Müller

Einspruch von Schöre Müller: «Ich behaupte ja nicht, dass wir den Mundartrock allein erfunden haben. Aber die Berner Rocker waren wir. Wir waren das Original und waren an der Entwicklung des Berner Mundartrock massgeblich beteiligt.

Rumpelstilz waren für uns eher eine jazzorientierte Rockband, die komplizierte Rhythmen und Harmonien spielte. Wir dagegen waren echte Rock ’n’ Roller und hatten mit unserer Single ‹Bärner Rock› den Begriff erstmals in die Welt gesetzt. Und überhaupt: Polo und Co. waren keine Berner, das waren Oberländer.»

Der Schatten von Polo

Von 1978 bis 1981 bildeten Span den Kern von Polos Schmetterding, doch Schöre Müller hatte ein «durchlebtes Verhältnis» zu Polo. «Wir haben viel von ihm profitiert, haben vor allem das Business kennen gelernt. Natürlich war sich Polo seiner Leaderrolle bewusst, und er hat es immer meisterhaft und gekonnt verstanden, diese Position auf unterhaltsame Weise wahrzunehmen.»

Müller legt aber Wert auf die Feststellung, dass es Span waren, die sich nach vier Jahren Schmetterding von Polo getrennt haben, und nicht umgekehrt. «Wir konnten selber singen und wollten wieder unser Ding durchziehen», sagt Müller. Doch der Schatten von Polo Hofer blieb. Ironischerweise wird auch der Song «Louenesee», der grösste Hit von Span, oft Polo Hofer zugeschrieben.

Klar ist aber, dass in der Hämlismatt der Begriff «Bärner Rock» begründet und definiert wurde. Und die Span-Gründungsmitglieder Schöre Müller und Christoph Kohli gehören nach dem Tod von Polo Hofer und Hanery Amman zu den letzten aktiven Musikern dieser Gründergeneration.

Seit nunmehr 46 Jahren unterwegs, sind Span die dienstälteste Band jener Zeit. Etwas wie eine frühere Hippieband, die durch und durch basisdemokratisch organisiert ist. «Es ist die aufwendigste Art, Musik zu machen», sagt Müller heute, «es bedeutet Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen ohne Ende. Diese Reibung erzeugt aber auch Energie, die sich positiv auf die Musik auswirkt. Wir haben noch immer eine Lösung gefunden. In diesem Sinn ist es die einzige funktionierende Variante für Span.»

Sie seien ein Relikt aus einer anderen Zeit, so Müller ­weiter, aber die Werte hätten sich nicht verändert: Love and Peace – Frieden statt Krieg – Brothers and Sisters. Er sei stolz, dass er sich das bewahren konnte. «Gute Musik muss eine Seele haben, muss leben und aus der Komfortzone ausbrechen.

Musik ist eine Form von Kommunikation zwischen Menschen und soll die Befindlichkeit abbilden. Aus dieser Kommunikation, aus diesen Inhalten ergeben sich dann die Strukturen», sagt Schöre Müller.

Heute, in der aktuellen Musik, sei es genau umgekehrt: Die Struktur kommt vor dem Inhalt und ist sehr straff gestrickt. «Sie behindert die Kommunikation und droht sie zu ersticken. Alles ist überstrukturiert.» Müller plädiert deshalb für eine Rückbesinnung auf die Inhalte und die inneren Werte der Musik.

Seit 13 Jahren ohne Drogen

Georges «Schöre» Müller ist in der Stadt Bern in einem bürger­lichen Umfeld mit sieben Geschwistern aufgewachsen. Sein Vater war Direktor der Brauerei Warteck in Bern und musikalisch äusserst talentiert. «Er war nie einverstanden mit dem Weg, den ich eingeschlagen habe, trotzdem hat er ihn ermöglicht und unterstützt. Ich glaube heute, dass ich das ausleben durfte, was ihm damals versagt blieb und wovon er heimlich träumte.»

Hämlismatt liegt lang zurück. Heute lebt Müller mit seiner Frau Lou in einer 4-Zimmer-Wohnung in Biel und arbeitet Teilzeit bei einem IT-Dienstleister. «Ich habe kein erspartes Geld auf der Seite. Und wenn ich es habe, neige ich dazu, es auszugeben.»

Seit dreizehn Jahren trinkt er keinen Alkohol und nimmt keine Drogen. «Ich habe nichts ausgelassen. Heute interessiert es mich nicht mehr, ich habs erlebt und zum guten Glück überlebt», sagt Müller.

Geblieben ist die Liebe zur Musik. Tatsächlich ist er heute aktiver denn je und an verschiedenen Bandprojekten beteiligt (RockustiX, MGM, Schörgeli). «Ich bin einfach nur dankbar, sagt er, «wenn ich heute sterben müsste, könnte ich mit gutem Gewissen gehen».

Live mit Span in der Region: 7. 7. Open Air Camping Fest Solothurn; 18. 8., Open Air Rock ’n’ Blues Night, Busswil bei Melchnau; 7. 9. Mühle Hunziken, Rubigen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.06.2018, 20:32 Uhr

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