Von Bier und Joints zu Wasser und Erdbeeren

Bern

Begeisterung bei den Fans aller Altersstufen: Am Samstagabend taufte das Berner Rap-Kollektiv Chlyklass sein neues Album im ausverkauften Dachstock.

Alles andere als «truurigi auti Männer»: Chlyklass feierten am Samstagabend im ausverkauften Dachstock ihre Reunion.
Sibylle Hartmann@sibelhartmann

Trotz drückender Hitze unter dem Holzgebälk waren sie die ersten, die kurz nach 22 Uhr die Treppe zum Dachstock hochkamen. Obwohl es noch gut eineinhalb Stunden bis Konzertbeginn waren, sassen Simeon und seine Freunde bereits ungeduldig auf dem Bänkli neben dem Mischpult. Es sei sein erstes Konzert überhaupt, erzählt der 16-Jährige. Und warum gerade die Plattentaufe der Reunion einer Horde von Rappern – von «truurigen alten Männern», wie sie es selber sagen – die gut 20 Jahre älter sind als er? «Weil es Berner sind.» Er habe das Album geschenkt bekommen, es habe ihm gefallen.

Das Album selber gekauft und nicht geschenkt bekommen hat ein Freund von Martina. «Und zwar auf CD. Aber dann merkte er, dass er sie gar nicht hören kann, weil er keinen CD-Player mehr hat», erzählt die 24-Jährige und lacht. Sie selber sei vor allem aus Nostalgiegründen hier und spricht von Chlyklass als ihre «Jugendsünde».

Eine noch nostalgischere Geschichte zu Musikgeräten weiss vor der Plattentaufe die Mutter von Poul Prügu zu erzählen. Ihr Sohn und Greis seien früher oft bei ihr im Ferienhaus gewesen und hätten ein Tape nach dem anderen aufgenommen. Die Beats seien aber nicht so gut gewesen. «Deshalb habe ich ihnen Rap aus anderen Ländern mitgebracht und ihnen gesagt: ‹So müsst ihr das machen!›» Eine stolze Mutter: «Es ist gut, dass sie auf die Bühne stehen, um so ihre Message zu kommunizieren – bestimmt, aber friedlich.»

Das Geschäft mit der Nostalgie funktioniert

Friedlich geht es dann auf der Bühne tatsächliche auch zu und her, als Baze, DJ Skoob, PVP und Wurzel 5 sie betreten. Keine Spur mehr vom Böse-Buben-Image von einst. Anstatt Bier und Joints verteilen sie Wasser und selbst gepflückte Erdbeeren an die Zuschauer. Da steht eine Gruppe von Männern auf der Bühne, die alles andere als «truurig und aut» wirkt, sondern in erster Linie die Zeit auf der Bühne geniesst. Ist auch der Anfang des Konzertes noch etwas gemächlich und hampeln ein paar der Männer zeitweise ein bisschen verloren auf der Bühne herum – das Geschäft mit der Nostalgie, wie Poul Prügu es besingt, funktioniert.

Nach einem gut zweistündigen Konzert, wovon nostalgiegetreu eine halbe Stunde lang eine Zugabe nach der anderen gespielt wird, beendet Chlyklass ihre Plattentaufe. Die nächste soll 2035 sein, scherzt Greis, bevor er von der Bühne geht. Ob auch in 20 Jahren das Geschäft mit der Nostalgie noch funktionieren wird?

Berner Zeitung

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