Stagnation, Stimmungstief und Stirnrunzeln

An der Musikmesse M4Music ist auch in diesem Jahr über den Zustand der Branche debattiert worden. Fazit: Es sieht düsterer aus denn je. Und auch die Zukunftsforschung ist ratlos.

Das Beste kam nach den tristen Gegenwartsanalysen zum Schluss: Modeselektor aus Berlin rockte im Zürcher Schiffbau.

Das Beste kam nach den tristen Gegenwartsanalysen zum Schluss: Modeselektor aus Berlin rockte im Zürcher Schiffbau. Bild: motor.de/kuenstler

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Es dauert nicht lange und die Schweizer Musikmesse M4Music hat ihre ersten Opfer gefordert. Eine Gruppe Jungmusiker sitzt grübelnd auf einem bereitgestellten «Freitag»-Sofa und starrt mutlos in die Weiten des Schiffbau-Foyers. In diversen Foren ist zuvor diskutiert und referiert worden, über den Zustand der Musikwelt im Allgemeinen und über die Befindlichkeit in der Schweiz im Speziellen. Und das ist definitiv nichts gewesen für schwache Nerven, und schon gar nichts für hoffnungsfrohe junge Tonkünstler, die davon träumen, irgendwann berühmt und gefeiert zu werden. Und wenn dann auch noch das eigene Tonwerk an der berühmten Demotape Clinic von einer Fachjury mit dem Argument «dafür besteht absolut kein Markt», abgekanzelt wird, ist definitiv Schluss mit lustig.

Der Pirat teilt, indem er klaut

Es fehlt an allem in der seit über einer Dekade serbelnden Musikindustrie. An Geld, an Wertschätzung, an politischer Macht und an der Aussicht, innert nützlicher Frist wieder zu Geld, Wertschätzung und politischer Macht zu kommen. Dabei wird derzeit mehr Musik konsumiert denn je. Und als in diese Epoche der Niedergeschlagenheit kürzlich auch noch die Botschaft der Politik aus dem Bundeshaus flatterte, dass das kostenlose Downloaden von Musik im Internet in der Schweiz legal bleibe, und die Musiker ihre Verdienste doch gefälligst an Konzerten und mit dem Verkauf von Fan-Artikeln einfahren sollten, mengte sich in die Niedergeschlagenheit ein gerüttelt Mass an Konsternation. Und nein, zum Schaffen eines neuen Selbstvertrauens vermag die M4Music 2012 nicht beizutragen. Die Panels ergeben in der Summe eine Art Panoptikum alltäglicher Misslichkeiten der Branche.

Das ganze Dilemma wird am Diskussionsforum «Everything is streaming but the money» offenbar. Es geht um die schlichte Frage, wie ein Musiker in der Zeit von Streaming-Diensten, Gratis-Downloads, infrage gestellter Urheberrechten und im Sturzflug begriffener CD-Verkäufe noch Geld verdienen will. Und die Fronten sind bald klar gezogen: Hier die besorgten Musiker, da die ratlose Politik und dort die Nerds von der Piratenpartei, deren Freiheitsliebe so weit geht, dass sie den kostenlosen Konsum von Musik und Filmen im Internet als eine Art Grundrecht begreifen. Wenn er im Internet gratis Musik herunterlade sei das kein Klauen, es sei ein Teilen, sagt der Oberpirat Denis Simonet und erntet einiges Stirnerunzeln.

Gratis-Musik für alle, das klinge ja sehr verheissend, wirft der besorgte Musiker ein, wenn er ein offenes Zürich fordern würde, in dem man überall gratis saufen könnte, dann fänden das auch alle cool, doch niemand würde ernsthaft eine Umsetzung in Betracht ziehen. Doch genau das sei mit der Musik im Internet geschehen. Der denkwürdigste Beitrag stammt von Poto Wegener, seit Jahren eine Art Oberanwalt der Musikschaffenden.

Als ihm eine Mineralwasserflasche gereicht wird, erklärt er den Anwesenden, dass ein Musiker, möchte er sich diese Flasche kaufen, zuerst auf dem allseits als zukunftsweisend gelobten Musikportal Spotify circa 20 000 Streams generieren müsste. Und dann hätte er die Flasche erst noch mit seiner Plattenfirma zu teilen. Die Politik in der Person der Nationalrätin Evi Allemann hebt ratlos die Schultern, fordert, dass man sich zusammenraufen solle, und am Schluss einigt man sich auf die Einschätzung, dass da durchaus viele Probleme seien, man sich aber noch in der Phase der Auslegeordnung befinde.

Auftritt von Mister Q

Die grossen Abwesenden sind wie üblich die grossen Plattenfirmen, von denen man gerne erfahren hätte, wieso sie es bis heute nicht geschafft haben, als eigentliche Eigentümer der Musik, die Köpfe zusammenzustecken und ein eigenes legales Musikportal zu etablieren, in dem die Regeln und die Margen nicht von branchenfremden Firmen wie Apple, Coca Cola oder Nokia gemacht werden. Ebenfalls keine Feierstimmung herrscht im Konzertbereich, was Panel-Themen wie «Festivals unter Druck» und «Clubsterben – oder alles Schall und Rauch?» nahelegen. Auf dem Papier generiert die Konzertindustrie mittlerweile zwar doppelt so viel Umsatz wie die Tonträgerindustrie, doch ein erheblicher Teil davon fliesst an marktmächtige Monopolisten oder an Ticketanbieter, die mit fragwürdigen Gebühren und ohne unternehmerisches Risiko ein Millionengeschäft machen. Auch hier ist also der Kummer gross: Die Festivals beklagen, dass sich die Gagenforderungen der grösseren Bands in den letzten fünf Jahren um bis zu 200 Prozent erhöht hätten und dass in ganz Europa immer neue Festivals hinzukämen, die sich um dieselben wenigen Superstars balgen.

Ob das Heil der Openairs darin liegen könnte, fragt ein Mann aus dem Publikum, vermehrt DJs auf die Hauptbühnen zu laden, wie dies bereits immer öfter geschieht. Bringt nichts, antworten die Festival-Betreiber: Ein DJ, der mit seinem Platten-Koffer und einem Lichttechniker anreise, verlange die gleiche, oft sechsstellige Gage wie eine siebenköpfige Band, die mit fünf Sattelschleppern und zehn Helfern auf Tournee ist. Bezahlt werde der Marktwert, nicht der Aufwand. Und der einfache Musiker mit einem bisschen Airplay auf DRS 3 und Virus solle froh sein, in einem solchen Umfeld überhaupt mitspielen zu dürfen und dafür eine Spesenentschädigung zu erhalten. Da weiss auch der Beauftragte für Sciencefiction keinen Ausweg. Immerhin strotzt der Mann vor guter Laune und Zuversicht: Ralph Simon ist als Erfinder des Handy-Klingeltons und der Britney Spears in die Musikgeschichte eingegangen. Und in seiner Multi-Vision-Show preist er die Chance des technischen Fortschritts, zeigt neue Gadgets wie einen denkenden Turnschuh, einen digitalen Kugelschreiber und wirkt in seinem kurzweiligen Vortrag wie der sagenhafte James-Bond-Düsentrieb Mister Q.

Doch an Verwertbarem für die Musikschaffenden hat er nicht viel im Angebote-Köcher. Ein halsbrecherisches Gesangsvortrags-Übersetzungs-Tool und die Idee, über Twitter Musik zu verbreiten. Mehr ist da nicht. Enttäuschung macht sich breit.

Bädu Anlikers Schlusswort

Selbst beim Thema Clubsterben, zeigt sich, dass es sich nicht um ein handliches, isolierbares Problem, sondern um ein ganzes Probleme-Konglomerat handelt. Während in Bern und St. Gallen Clubs schliessen müssen, weil sich zugezogene Nachbarn von deren Lärm-Emissionen behelligt fühlen, kämpfen andere Städte mit anderen Problemen. Die welschen Clubs leiden unter den hohen Künstlergagen und zu wenig Kultursubventionen, in Zürich und in anderen grossen europäischen Städten sind es der zunehmende Konkurrenzdruck und die explodierenden Immobilienpreise, die immer öfter zu Club-Schliessungen führten.

Erst ganz zum Schluss hält dann doch noch ein wenig Heiterkeit in die Hoffnungslosigkeit Einzug. Aber nur ganz kurz. In einer munteren rotweintrinkenden Runde dürfen ältere Herren wie der einstige Phongram-Chef Louis Spillmann, Räubergeschichten aus den Blütezeiten der Musikindustrie zum Besten geben. Da gehts um den lustigen Ozzy Osbourne, der bei einem Konzert im Bühnensarg eingeschlafen ist, da gehts um Rammstein, deren Sänger sich an einer Major-Label-Jahrestagung in Hongkong wie gewohnt showtechnisch in Flammen setzte und so erreichte, dass sich das halbe chinesische Hotelpersonal mit Löschequipment auf ihn stürzte.

Und dann kommt der lustige Café-Mokka-Veteran Bädu Anliker und holt die nostalgietrunkene Runde jählings wieder auf den Boden der tristen Realität zurück: «Früher waren die Musiker ja auch scheisse, aber sie waren wenigstens betäubt. Heute sind sie nur noch scheisse. Torkeln grusslos in den Club, fragen nach WLAN, spielen für 300 Euro ihr Konzert und räumen dafür den ganzen Kühlschrank aus, damit sie sich im Hotel die Kante geben können.» Ja, so sieht es heute aus, das romantische Musikerleben. Nicht gut. Gar nicht gut. (Der Bund)

Erstellt: 26.03.2012, 08:57 Uhr

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