Spotify ist nichts für Mundart

Schweizer Musiker fristen auf Streamingdiensten ein Schattendasein. Am besten behaupten können sich Nischenplayer wie Eluveitie.

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Spotify ist praktisch und fies. Praktisch, weil man dank dem Dienst gar keine Alben mehr kaufen muss. Nur ein paar Klicks und man hat die Lieblingsmusik jederzeit dabei, auf dem PC, auf dem Tablet, auf dem Handy. Und kann erst noch problemlos frühere Alben der gerade neu entdeckten Sängerin aufstöbern.

Fies, weil die Künstler pro gespielten Song weniger als einen Rappen erhalten. Und fies, weil die grossen Labels deutlich im Vorteil sind. Sie sind auf dem Musikstreamingdienst häufiger vertreten, haben Geld und Zeit, ihre Künstler auf Spotify gut zu platzieren, und schaffen es auch eher, dass ihre Musik vom Algorithmus, der künstlichen Intelligenz, empfohlen wird.

Züri West will nicht

Kein Wunder, lamentieren die Schweizer Künstler. Vor allem die Mundartmusiker. Weil ihr Verbreitungsgebiet wegen der Sprache sehr klein ist, erhalten sie ­verglichen mit internationalen Künstlern kaum Klicks, bekommen Peanuts statt Cash, zu wenig, um davon zu leben. Manche wollen das nicht mitmachen.

Züri West oder Stiller Has zum Beispiel. Sie sind nicht auf Spotify. Und beide beim Berner Label Soundservice unter Vertrag, das Spotify nicht beliefert. Der Dienst müsse erst seine Bedingungen für Schweizer Musiker verbessern, so wie das Konkurrent Apple Music bereits getan habe, sagt Labelchefin Sylvie Widmer.

Einen ersten Schritt in diese Richtung hat Spotify gestern getan. Es gibt neu vier Schweizer Playlists. «New Music Friday Schweiz», «Top Hits Schweiz», «Schwiiz Rap» und «Swiss made». Erfreulich, dass die Listen gleich als Erstes auftauchen, wenn man den Webplayer öffnet.

Dann folgt die erste kleine Ernüchterung: Schweizer Playlist heisst nicht unbedingt, dass auch Schweizer Künstlerinnen und Künstler gespielt werden, es können auch einfach bei Schweizern beliebte Künstler sein. So sind bei «Top Hits Schweiz» keine Schweizer Songs zu erkennen, es ist eine etwas willkürlich wirkende Chartliste.

Und bei «New Music Friday Schweiz» muss man die Schweizer suchen. Pegasus, Dodo und Lo & Leduc, The Weyers findet man – flankiert von Taylor Swift und The Killers. Ein bisschen dünn für eine Liste von 61 Stücken.

«Schön bunt»

Lorenz Haas vom Labelverband IFPI Schweiz ist zufrieden. «Das ist ein guter Start», sagt er. Der IFPI hat den Schritt schon lange gefordert, um die Chancengleichheit für lokale Künstler zu gewährleisten, es sei ein «langwieriger Prozess» gewesen. Haas findet die Playlisten «schön bunt» kuratiert.

Dabei spricht er vor allem von den beiden anderen Listen: «Schwiiz Rap» bildet den deutschsprachigen Schweizer Rap tatsächlich breit und abwechslungsreich ab – neben den poppigeren Lo & Leduc sind auch unbekanntere Rapper wie Möchtegang und Landro vertreten.

«Swiss made» schliesslich mischt alles zusammen: von Dance zu Hip-Hop zu Singer-Songwriter zu Latino. Da muss man schon ein grosser Schweiz-Enthusiast sein, um das alles durchzuhören.

«Diese Liste scrollt man durch zum Schauen, nicht zum Hören», sagt Christoph Trummer. Der Berner Musiker ist Präsident von Musikschaffende Schweiz. «Ich finde es cool, dass Spotify nun ein Schweizer Angebot hat», sagt er. Auch er findet vor allem die «Schwiiz Rap»-Liste interessant.

«Dort sehe ich das grösste Potenzial – Spotify könnte auch Listen für andere Genres von Schweizer Musik machen», sagt er. «Das ist der logische Schritt», doppelt ­IFPI-Geschäftsführer Haas nach, «es braucht mehr genrespezifische Playlisten». Was auch fast gänzlich fehlt, ist die Romandie. «Vielleicht ist es ein Sprachproblem?», sagt Haas, schliesslich werden die Listen von Berlin aus kuratiert.

Folk-Metal von Eluveitie

Und übrigens: Die erfolgreichste Schweizer Band auf Spotify kommt auf den neuen Playlists nirgends vor. Besonders beliebt ist die Winterthurer Folk-Metal-Band Eluveitie: Sie hat mehr Follower als die anderen Schweizer Bands.

Und sie hat von Spotify den höchsten Popularitätswert erhalten. Eluveitie spielen Konzerte auf der ganzen Welt, machen also Musik für ein internationales Publikum. Mundart hat es da schwerer. (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.08.2017, 09:37 Uhr

Was läuft auf Spotify?

Im normalen Radio wird Musik gespielt, mit der fast jedermann etwas anfangen kann. Wer auf Spezielleres steht, weicht hingegen auf Dienste wie Spotify aus, die das Musikprogramm massschneidern. Entsprechend wenig Mainstream läuft dort. Das zeigt eine Analyse der Daten, die über Spotifys Programmierschnittstelle abgerufen werden können.

Analysiert wurden Infos zu 750 Schweizer Musikern und Ensembles, die in der Wikipedia verzeichnet sind. Zwei Kriterien sind interessant: die Anzahl Follower und die Beliebtheit – ein von Spotify berechneter Wert zwischen 0 (ganz unbekannt) und 100. Mathias Born

Neuer Streamingdienst für Klassik

Band und Albumname. Mehr braucht man normalerweise nicht, um bei den Musikstreamingdiensten wie Spotify zu finden, was man sucht. In der Klassik sieht das anders aus: Komponist, Werk, Dirigent, Orchester, Solisten. Wer bisher auf Streamingportalen nach einer bestimmten Aufnahme gesucht hat, wurde nur selten fündig.

Idagio, der neue Berliner Streamingdienst für klassische Musik, will das ändern und macht eine präzise Suche möglich. Zurzeit sind 125 000 Aufnahmen verfügbar, bis Ende Jahr sollen es 200 000 werden. Einiges fehlt noch, aber stöbern lässt es sich allemal. Zumal sich Idagio auch für Klassikneulinge eignet: Man gibt einfach seine Stimmung ein – von erregt über optimistisch bis melancholisch – und bekommt passende Vorschläge serviert.mk

Infos: www.idagio.com

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