Puppen tanzen aus der Reihe

Als «Bitpunk» bezeichnet die Berner Band Revolting Puppets ihren Stil und löst damit Kontroversen aus. Am Samstag spielen sie in der Cafete.

Quelle: Youtube


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«Es ist ganz interessant: Electro-Liebhaber sagen, wir seien viel zu punkig, und Punker finden, wir seien zu Electro-lastig», lacht Lino Dumont. Nicht weiter schlimm, ecken der Sänger der Revolting Puppets und seine drei Kumpanen doch ganz gerne an. Mit ihren Songtexten üben sie Kritik an der Gesellschaft, an ihrem Umgang mit Medien und ihrem Konsumverhalten. «Wir kritisieren aber nicht bloss aus Prinzip, wir singen über das, was uns beschäftigt. Und wir wollen zum Denken anregen.»

Brainfuck im Fernsehen

So hat etwa der Musiksender MTV ein eigenes Lied gewidmet bekommen. «Dear MTV, what have you become?» – Lieber MTV, was ist aus dir geworden? Lino Dumont erklärt: «Früher hatte auf MTV jede Musiksparte ihre Sendung. Das Programm war kreativ und inspirierend.» Und heute? Die Antwort darauf liefert der Songtext: «Every day, every night, all I ever see, is kill your brain on MTV!»

Das beste Beispiel dafür, dass die Revolting Puppets Denkanstösse vermitteln wollen, ist der Song «Media Overkill» (siehe Video). Lino Dumont erinnert sich: «Thut (Christoph Thut, der Gitarrist, Anm. d. Red.) kam zu mir und erzählte, wie er im Zug sass und auf seinem Smartphone rumdrückte. Bis ihm bewusst wurde, dass er immer und überall online war, er das Handy weglegte und einfach nichts machte. Das stimmte mich nachdenklich. Die Option des Nichtstuns hatte ich schon gar nicht mehr im Kopf!»

Daft Punk meet...

Vielleicht können die vier Jungs am Samstag in der Cafete (Türöffnung 22 Uhr) dem Publikum den einen oder anderen Gedanken einpflanzen. Einen Monat später, am 25. April, treten sie auch noch im Dead End auf. Und wenn man dem Versprechen von Schlagzeuger Sam Strässler glauben darf – «Wir wollen uns von Konzert zu Konzert weiterentwickeln» –, werden die Shows nicht identisch sein.

Beide Male nicht fehlen werden aber die ausgefallenen Helme der Revolting Puppets, sozusagen ihr Markenzeichen. Angelehnt sind sie an das Outfit von Daft Punk, wie Lino Dumont erklärt: «Absolute Weltstars, die aber immer noch im Migros einkaufen gehen können, wenn sie ihre Helme ablegen. Klasse, wie sie Privatleben und Öffentlichkeit trennen.» Am Ruhm liegt es freilich (noch) nicht, dass sich auch die Berner maskieren. «Aber wir wollen unseren Fans auch visuell etwas bieten.»

Die Helme sollten allerdings nicht so glänzend daherkommen wie jene ihrer Vorbilder, sondern verwegener, dreckiger, eben rebellischer. Daher auch der Irokesenkamm. «Punks haben schon früher Müll zu Schmuck umfunktioniert. Wir wollten dieses Prinzip einfach in die Moderne überführen, daher der Elektroschrott und die LED-Lichter», erläutert Lino Dumont, der das Design der Helme selbst entwickelt hat. «Umgesetzt hat es dann unser ‹Elektronikmeister› Philipp.» Gemeint ist Bassist Philipp Fürholz.

... Rammstein

Auch für das Bühnenbild bestünden verschiedene Ideen. Vorbild für die Live-Show sind wiederum Rammstein. Die deutschen Düsterrocker wissen, wie sie ihre Songs auf der Bühne zelebrieren und inszenieren. «Wir haben sie alle live gesehen, sehr theatralisch das Ganze. Wobei die Deko nicht beliebig gewählt ist, sondern wohlüberlegt. Alles fügt sich zu einem Gesamtwerk zusammen», schwärmt Sam Strässler.

Doch bevor zu viele Erwartungen geschürt werden: Noch bleibt es bei den Kulissen bei Ideen. «Derzeit passt unser Equipment noch alles in ein einziges Auto, das ist ganz praktisch», lacht Sam Strässler. «Zumal wir derzeit noch auf Bühnen spielen, auf denen wir gerade so Platz haben.»

Vielfalt als roter Faden

Aber noch einmal zurück zur Diskrepanz zwischen Electro und Punk: Was spielen die Revolting Puppets denn nun? Eine Mischung. Knapp zehn Songs hat die Band bislang erst in ihrem Repertoire. Mal ruhig, mal hektisch, mal mehr Synthesizer, mal mehr Gitarre, manchmal wechseln Stil oder Tempo sogar innerhalb eines einzelnen Liedes. Die Berner sind schwer fassbar. Absichtlich.

«Es gibt coole Bands, aber wenn man die ersten fünf Songs auf ihrer CD gehört hat, kennt man alle.» Lino Dumont zuckt mit den Schultern. Und Sam Strässler findet: «Wie oft kommt es vor, dass Fans reklamieren, wenn ihre Stars etwas am Konzept ändern? Das ist schade, als ob sie die kreative Arbeit der Musiker nicht richtig würdigen.» Experimentieren, Effekte einspielen, keine Bassline ab Konserve – das macht die Revolting Puppets aus. «Wir stehen auf Electro, aber auch auf die rohe Power einer Live-Rockband.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.03.2015, 17:58 Uhr

Konzerte

Die nächsten Auftritte:
28. März, Cafete, Reitschule, Bern. Einlass 22 Uhr, Kollekte.
18. April, Mundwerk, Zürich.
25. April, Dead End, Bern. Members only! Zwei Sets, um 2 Uhr und um 4 Uhr.

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Revolting Puppets

Revolting Puppets Als «Bitpunk» bezeichnet die Berner Band Revolting Puppets ihren Stil und löst damit Kontroversen aus.

Band-Bio

Vor rund elf Jahren hat Christoph Thut für ein Bandprojekt einen Sänger gesucht – und fand Lino Dumont. Letzterer erinnert sich: «Damals spielten wir Punkrock in einem Luftschutzbunker in Gümligen. Bis Thut und ich den Ehrgeiz hatten, eigene Songs zu schreiben statt nur zu covern.»

Mittels Anzeige suchten sie neue «kreative Musiker». Ein Kommen und Gehen sei es gewesen, wirklich gepasst habe es aber nie. Bis im 2013 Philipp Fürholz und ein Jahr später Sam Strässler dazustiessen. «Wir haben zwar alle einen unterschiedlichen Musikgeschmack, aber wir sind auf einen gemeinsamen Nenner gekommen.»

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