Philipp Fankhauser will heimatlos bleiben

Die etwas andere «Home»-Story: Bei einem Besuch in Philipp Fankhausers Zuhause rekapituliert der Thuner Bluesmusiker den Entstehungsprozess seines neuen Albums «Home».

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H. O. M. E. Vier grossformatige Buchstaben prangen an der Wand über dem Fernseher. «Ein Geschenk von Freunden», sagt Philipp Fankhauser. «Home» heisst auch die neue CD, die der Bluesmusiker in die Stereoanlage einlegt. Worauf er es sich auf dem Sofa seiner Wohnung in der Nähe von Zürich gemütlich macht. Vor sich auf der massiven alten Holztruhe, die als Bartisch dient, ein Glas Most. Und ein dicker Wälzer: «1001 Albums You Must Hear Before You Die».

Was wir hören, ist «Daily Bread», ein reduzierter akustischer Blues, der Fankhausers Charakterstimme Raum lässt. Und der von der Glitzerwelt grosser Samstagabendkisten à la «The Voice of Switzerland», in der der 50-Jährige als Coach amtete, etwa so weit entfernt ist wie Thun vom Mississippidelta. Grossartig. Bloss: «Für mich wäre das eigentlich der letzte Song auf dem Album gewesen, nicht der erste», sagt Fankhauser.

Er liess sich schliesslich von seinem besten Freund und Manager Roger Guntern und seiner Band umstimmen, die fanden: «Es ist die Essenz dessen, was du machst.» Dafür folgen mit «Learned My Lesson» dann gleich knackige Bläsersätze und eine aufgekratzte Rhythmusgruppe. Es ist wie das vorhergehende und die beiden folgenden Lieder eine Komposition von Fankhausers 1997 verstorbenem Mentor Johnny Copeland.

Viermal Copeland zum Auftakt? «Ja, und zwar mit grossem Vergnügen», sagt der Thuner. Und zeigt anhand der sehnsüchtigen Ballade «Promised Myself» auf: «Du kannst eine Geschichte nicht einfacher erzählen. ‹Now I’m yours, baby – body and soul›: Die klare Wortwahl, die Rhythmik – das ist hohe Kunst.» Diese wird in der Version von Fankhauser und seiner Band mit viel Verve, Seele und Gefühl dargeboten.

Die Liebeserklärung

Die Aufnahmen sind erstmals «hundert Prozent Switzerland», wie der Hausherr betont. Bisher wurden seine Platten jeweils in den USA fertig produziert. Und: «Wir wollten die Livemagie eins zu eins rüberbringen.» So wurde etwa bei «Nobody But You» der allererste Take für die Platte verwendet. Den Grundstein hatte die Band bereits im Winter gelegt: Fankhauser und Co. konnten im zu dieser Zeit geschlossenen Hotel Giardino in Ascona Suiten beziehen und in einem Frühstücksraum ein Demostudio einrichten. Fankhauser: «Wir hatten die Zeit und den Luxus zu experimentieren.»

Als die ersten, sanften Klänge von «Rainy Night in Georgia» ertönen, zieht Philipp Fankhauser die Augenbrauen hoch und schmunzelt. «Die Version, die ich Anfang der 1990er-Jahre mit der Checkerboard Blues Band aufgenommen habe, ist vielleicht der schlechteste Entscheid meiner Karriere», sagt er. «Ich dachte, das müssen wir richtigstellen. Das sind wir dem Lied und dem Komponisten Tony Joe White schuldig.»

Die Frage, ob die Welt eine weitere Version des hundertfach gecoverten Klassikers braucht, stellt sich trotzdem. Doch dann singt Fankhauser zur sanften, warmen Bandbegleitung mit derart viel Gefühl, dass «Rainy Night in Georgia» zum Wow-Moment wird. Und die alte Interpretation mit ihrer stromlinienförmigen Popproduktion im Vergleich tatsächlich banal wirkt.

Auf den feschen Bluesrock von «Louisiana Lover Man» folgt das Titelstück: eine fast zehnminütige Liebeserklärung an den Blues mit inspirierten Soli der kongenialen Sidemen. Und eines von nur drei Liedern aus Fankhausers Feder. Warum so wenige? «Es ist relativ einfach, einen Song zu schreiben. Aber einen richtig guten zu komponieren, ist sehr schwierig.» So rasch sei er jeweils nicht zufrieden – und jedes Lied habe seine Zeit. So hat er den Text zu «I Sing the Blues» 1995 geschrieben – und für das neue Album aus dem Archiv gefischt. Aber: «Vielleicht sind beim nächsten Album elf von dreizehn Songs von mir.»

Die Heimatlosigkeit

Bleibt die Frage nach dem Albumtitel. Fankhauser betont zwar seine Thuner Wurzeln, zog aber einst durch die USA, bleibt auch in der Schweiz nicht allzu lange am selben Ort. Ist er nicht eigentlich ein Heimatloser? Der Bluesmusiker lehnt sich zurück, schlägt die Beine übereinander, nimmt einen Schluck Most. Und sagt: «Ich hoffe, dass ich so lange wie möglich heimatlos bleiben kann.» Er sei zwar gerne zu Hause – aber nach einer Woche werde er unruhig. «Distanzen sind für mich wichtig. Ich muss weggehen können. Und solange ich auf Bühnen stehen darf, kann ich das.» Denn genau dort findet es sich, Philipp Fankhausers wahres «Home».

Ein Video zum Making-Of des neuen Albums «Home»:
Quelle: vimeo (Berner Zeitung)

Erstellt: 09.10.2014, 10:07 Uhr

Konzertdaten

9.10.: Kufa, Lyss
10.10.: Ilfishalle, Langnau
1.11.: KKThun
10.12.: Bierhübeli, Bern

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