Interview

«Nichts darf sperrig sein»

InterviewTommy Vercetti sorgt gerade mit einer Attacke auf Knackeboul für Aufregung: «Dä Knack dä Hueresohn macht üsi Arbeit zumne Witz.» Der Rapper hat aber noch einiges mehr zu sagen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tommy Vercetti, nicht wenige interpretieren Ihre Zeile «Dä Knack dä Hueresohn macht üsi Arbeit zumne Witz» als PR-Aktion, mit der Sie Ihr neues Album bewerben wollen.
Es war klar, dass diese Anschuldigung mal kommen würde. Aber nein, das war keine PR-Aktion. Ich war lediglich überrascht, in welche Richtung die Diskussion ging, wie sehr sie vom Track und vom Album ablenkte. Das ärgert mich auch ein wenig, da war ich wohl etwas naiv.

An Ihrer Kritik änderte sich jedoch nichts?
Kein bisschen. Ich bin weiterhin der Meinung, dass Knackeboul dem Rap und unserer Community schadet, indem er sich Mainstream-Formaten wie «Cover me» von SRF anbiedert.

Wie zeigt sich diese Anbiederung?
Wenn Knackeboul oder auch Bligg den Rap mit Schlager oder Volksmusik mischen, nur um ihn konsumierbar zu machen, machen sie ihn kaputt. Knackeboul wird als Repräsentant des Raps wahrgenommen und vermittelt einem breiten Publikum dabei ein sehr beschränktes Bild davon, was Rap tatsächlich ist. Er bemüht sich vor allem um eins: Er will sympathisch sein. Denn nichts, was in der Schweiz dem Massenpublikum präsentiert wird, darf sperrig sein, alles muss sympathisch sein. Bei uns muss alles Sven-Epiney-mässig sein.

Vor wenigen Wochen hat sich Knackeboul mit einem Video zum hiesigen Asylwesen zu Wort gemeldet (siehe Box). Das ist doch ein Positionsbezug, das müsste Ihnen doch gefallen.
So einfach ist das nicht. Es fragt sich nämlich erstens, ob die Kritik nicht einfach das Image des Kritikers aufpoliert oder ob sie tatsächlich einer Sache dient. Zweitens, und da beziehe ich mich auf den leider unterschätzten deutschen Kunsthistoriker Otto Karl Werckmeister: Hat Kultur in unserer Gesellschaft überhaupt eine kritische Funktion? Ist sie nicht vielmehr systemerhaltend, weil sie den Zorn zersetzt, auflöst? Man hört sich Knackeboul an, findet es schlimm – und gut ist.

Davon sind allerdings auch Ihre Texte betroffen, die von vielen als die sozialkritischsten des Schweizer Raps bezeichnet werden.
Definitiv. Und es lässt sich wohl nicht verhindern, dass einige Hörer meine Texte so erleben. Aber es bleibt mir die Hoffnung, dass es nicht für alle so ist. «Wenn nur ein einziger Hörer wegen deiner Texte nicht zum Nazi wird, hat sich jede Zeile gelohnt», sagte mir mal ein Freund.

Sie sind ein Mann des Worts. Erleben Sie das in Ihrer Wut auf die Gesellschaft bisweilen als Defizit?
Ich glaube, es gibt die Kluft zwischen Wort und Tat nicht in diesem eindeutigen Sinn, wie es die Frage suggeriert. Ich würde vielmehr meinen, dass gesellschaftliches Handeln zu grossen Teilen von Diskursen bestimmt ist und dass bei der Beeinflussung und Lenkung dieser Diskurse Worte natürlich die entscheidende Rolle spielen.

Hat Hip-Hop auch eine psychohygienische Funktion für Sie? Loswerden, was andere in sich hineinfressen? Rappen, was nervt?
Klar. Aber es geht nicht bloss um Selbsttherapie, sondern um Interaktion. Man will sich mitteilen, eben auf den Diskurs einwirken.

Was nervt Sie gerade?
Ein wenig pathetisch gesagt: Wir alle wissen, wegen wem die Welt vor die Hunde geht und tun doch nichts dagegen. Wir kuschen. Dass die Banken immer noch ungehindert schalten und walten, trotz der ganzen Rettungspakete, finde ich schon extrem frustrierend.

Wie leben Sie in dieser Wirtschaftsordnung, die Sie als falsch empfinden?
Ich betreibe mit zwei Kollegen in Bern ein Grafik-Atelier, in dem ich so viel arbeite, dass ich gerade über die Runden komme – 50 bis 60 Prozent. Dazu kommen meine Konzerte, die mir einen kleinen Nebenverdienst ermöglichen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2013, 14:22 Uhr

Vercetti vs. Knackeboul

Der Hip-Hop-Begriff «Beef» beschreibt eine zumeist verbale Auseinandersetzung zwischen zwei Rappern, die über längere Zeit anhält.

Einen solchen Beef erlebt derzeit die Schweizer Rapszene. Auf seinem Album «Glanton Gang», das Tommy Vercetti mit Dezmond Dez aufgenommen und vor zwei Wochen veröffentlicht hat, attackiert er mit dem Track «Holden Skit 3» das SRF-Format «Cover me» und explizit dessen Moderator Knackeboul: «Dä Knack dä Hueresohn macht üsi Arbeit zumne Witz.» Die Wogen in den Rap-Foren gingen in der Folge hoch.

Jüngst versuchte Knackeboul den ihm sichtlich unangenehmen Konflikt auszuräumen, lobte Vercetti auf dem Jugendsender Joiz für seine Musik. Vercetti seinerseits gab sich jedoch unversöhnlich und beharrte auf seinem Standpunkt, dass Knackeboul als in Radio und Fernsehen sehr häufig anzutreffender Rap-Repräsentant untauglich, ja schädlich sei. (lsch)

Video

Mit Dezmond Dez: Vercettis «Glanton Gang».

Video

Ein weiterer neuer Vercetti-Track: «Glasmönsch».

Video

Glanton Gang: «Requiem für Hank»

Video

Knackeboul über die Schweizer Asylpolitik.

Artikel zum Thema

Jay-Z kam mit einer der wichtigsten Figuren der urbanen Musik

Rap-Superstar Jay-Z rezitierte im Hallenstadion. Die Inszenierung konnte sich sehen lassen – einen Schüttelfrost erzeugte jedoch sein Partner. Mehr...

Rap gegen gefährliche Spitalkeime

Im Kampf gegen gefährliche Spitalkeime ist eine Klinik in Jerusalem kreativ geworden: Mit einem Rap fordert das tanzende Personal zur Einhaltung einfacher Hygieneregeln auf. Mehr...

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wagemutig: Der 95-jährige Kriegsveteran Thomas Norwood landet nach einem Tandemsprung in Suffolk, Virginia, USA (15. Oktober 2017).
(Bild: Vicki Cronis-Nohe) Mehr...