Nadja Stoller als Strassenmusikantin: «In der Metro war es nicht wärmer als draussen»

Die Berner Sängerin Nadja Stoller hat im Jahr 2009 ihre Sachen gepackt und ist mit ihren Instrumenten nach Paris gereist. Dort trat als Strassenmusikerin auf. Was dabei herausgekommen ist, hört man auf ihrem neuesten Werk «Alchemy».

Wie bist Du auf die Idee gekommen, nur mit einem Rollkoffer nach Paris zu reisen?
Nadja Stoller: Ich wollte unabhängig sein, überall und jederzeit spielen können. Ich hatte die Nase voll vom Termine suchen mit viel beschäftigten Bandmitgliedern und Gagen aushandeln mit Veranstaltern. Also habe ich mir überlegt, wie ich meine Situation verbessern kann. So kam ich auf die Idee, nach Paris zu reisen und dort aufzutreten.

Wie hast Du die Instrumente für den Rollkoffer passend gemacht? Ich habe vorwiegend kleine Instrumente wie Glockenspiel, Blockflöte, Melodika, eine Keytar (kleines Keyboard zum umhängen, die Red.) und diverse Rasseln mitgenommen. Ich habe nichts abgesägt oder bearbeitet. Das Akkordeon trage ich am Rücken und mittlerweile ist der Rahmen des Rollkoffers gesprengt, da noch eine Autoharp und ein Banjo dazugekommen sind. Ich weiss ehrlich gesagt noch nicht, wie ich mit allem an meine Gigs kommen werde. Ich reise immer mit dem Zug.

Wie bist Du nach Paris gereist? Mit dem TGV. Ein lieber Freund hat angeboten, alles was den Rollkoffer sprengt mit seinem Auto nachzuliefern. Ich war im Rahmen eines Atelierstipendiums des Kantons Bern in Paris. Ich hatte ein Wohnatelier in der Cité Internationale des Arts, grad «en face» von der Ile St. Louis und kriegte auch Geld zum Leben – zum Glück gibt es das noch, diese Art von Kulturförderung. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Chance erhalten habe. Die Cité war also mein Basislager und von dort aus bin ich durch die Strassen gezogen mit meinen Instrumenten und dem Batterie betriebenen Street Amp. Einen Akku für das Loopgerät hat mir mein Freund aus einem 9V DVD Player Akku gebastelt.

Wann lange warst Du in Paris?
Ich startete meine Reise anfangs Juni 2009 und geblieben bin ich bis mir das Geld ausging, das war Ende Januar 2010.

Was war das für ein Gefühl als «One-Woman-Band» unterwegs zu sein? Wunderbar. Anstrengend. Aufregend. Es gibt nichts Schöneres, als wenn Menschen, die von A nach B wollen, stehen bleiben. Das ist Magie im Alltag.

Wo hast Du in Paris überall gespielt? Ich spielte überall, wo es Leute hatte. An schönen Strassenecken, auf Plätzen, später in Wohnzimmern und in kleinen Bars. Im Herbst, als es kälter wurde, trat ich in den Gängen der Métro auf – da war es aber nicht wärmer, wie ich später herausfinden sollte.

Was hast Du neben Musik in Paris gemacht? Ich habe von dem vielfältigen kulturellen Angebot profitiert und bin durch die Strassen von Paris flaniert. Dabei habe ich Menschen kennengelernt, in Cafés gesessen und den Leuten zugeschaut, mein französisch aufpoliert, Wein getrunken und bin nächtelang durch die Strassen gezogen – was man halt so macht in Paris.

Welches war das schönste Erlebnis? Eines Abends gegen zehn Uhr hatte ich es geschafft, um mich herum ein kleines Publikum zu versammeln. Es bestand aus verschiedenen Leuten. Zwei kleine blonde Mädchen haben wie Engel getanzt, eine Dame hat aus dem zweiten Stock geschrien: «On n'entend pas l'accordéon!» Es war ein warmer Sommerabend und dieses gewisse Etwas lag in der Luft. Es fühlte sich an, als würden wir alle zusammen gerade etwas ganz Wichtiges erleben.

Welches Erlebnis hat Dir weniger gefallen?

Weshalb hast Du Dich dazu entschieden, Deine Erlebnisse in Form eines Albums zu veröffentlichen? Die Songs sind auf der Strasse geschliffen worden – ein wenig wie Edelsteine. Ich habe sie so oft gespielt, dass ich sie im Schlaf spielen könnte. Sonst war es immer umgekehrt. Neue Songs schreiben, im Studio aufnehmen und danach live spielen. Es ist ein wenig wie ein Poesiealbum meiner Pariser Zeit. Ich wollte diese Gefühle bündeln und schauen, ob es auch auf einer CD funktioniert.

Sind es Live-Aufnahmen oder wurden diese im Studio in der Schweiz eingespielt? Die Songs habe ich zum grössten Teil innerhalb von drei Tagen live im Studio eingespielt. Basteleien und Overdubs gibt es nur da, wo es nicht anders möglich war oder wo es wirklich Sinn macht.

Hast Du alle Instrumente selber gespielt? Ausser auf «Cockleshell», wo Oli Kuster Klavier, Harmonium und Glockenspiel beigesteuert hat, habe ich alles selber gespielt.

Laut Biografie ist Dein neues Album eine Bastelstunde für Erwachsene. Was heisst das genau? Ich verstehe es so, dass meine Musik im besten Fall die Fantasie anregt und man sich vielleicht an die Verspieltheit erinnert, die man als Kind so selbstverständlich lebte.

Weshalb hast du Dein viertes Werk «Alchemy» getauft? Für mich ist Musik Magie. Musik macht etwas mit uns allen. Darum finde ich den Titel sehr passend.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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