Kuno Lauener: «Vatersein verpflichtet, mit Haut und Haar»

Er schickt Musen zu Polo Hofer, fühlt mit Buckelwalen und kann es immer noch kaum fassen, dass er jetzt Vater ist: Kuno Lauener spricht über Lucy Emma und über «Göteborg», das neue Album von Züri West, das am Freitag erscheint.

«Im Herzen bin ich immer noch ein Rocker»: Kuno Lauener, Frontmann von Züri West.

«Im Herzen bin ich immer noch ein Rocker»: Kuno Lauener, Frontmann von Züri West. Bild: Urs Baumann

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Kuno Lauener, haben Sie schon einen Song für Ihre Tochter geschrieben?
Kuno Lauener: Nein, jedenfalls keinen für die Öffentlichkeit. Ich spiele ihr manchmal etwas vor, «gitärrele» ein bisschen. Dann freut sie sich, manchmal weint sie auch oder beginnt zu gähnen.

Fast alle Züri Westler sind mittlerweile Väter. Wie hat das die Stimmung in der Band verändert?
Es gibt neben der Band plötzlich noch anderes, was wichtig ist. Das ist stressig, weil das Zeitmanagement schwieriger geworden ist. Aber gleichzeitig sind wir auch gelassener geworden. Nach einer Tournee legen wir jeweils eine Pause ein, bevor wir wieder in den Proberaum gehen. Aber was das Vatersein angeht, bin ich ja neu im Geschäft – Lucy Emma ist erst drei Monate alt –, und als sie auf die Welt kam, war die Produktionszeit des neuen Albums schon fast vorbei.

Hatten Sie damit gerechnet, mit 50 noch Vater zu werden?
Nein, ich hatte das Thema eigentlich schon abgehakt. Früher habe ich geschmunzelt, wenn sich meine Bandkollegen über Schlafprobleme und das Zahnen unterhalten haben. Heute geben wir uns gegenseitig Tipps. Es ist neu für mich, etwas zu erleben, das einen so absorbiert. Und verpflichtet, mit Haut und Haar.

Was war die einschneidendste Veränderung?
Die Kleine an und für sich, dass wir jetzt zu dritt in der Bude hocken. Das kann ich noch heute kaum fassen. Es ist ein riesiges Abenteuer.

Im Song «Göteborg» singen Sie davon, dass Sie Ihren «Schatz» und Ihre «Kleine» abholen sollten, als Ihnen eine Songidee dazwischen kommt, die Sie dann wegschicken. Wer hat tatsächlich die Oberhand, die Pflicht oder die Muse?
Jetzt, da ich Vater bin, wird sicher häufiger die Pflicht siegen. Mir gefiel dieses Szenario: Die Muse kommt, und du schickst sie einfach weiter zu Hofer und Co., weil es gerade nicht passt. Die Muse ist jemand, der schüchtern anklopft und sagt, ich hätte da so eine Idee. Sie geht nicht von sich aus zum Nächsten. Da muss man ihr schon auf die Sprünge helfen.

Auch Tom Waits hat seine Muse einmal fortgeschickt...
Ja, die Idee stammt von ihm. Er soll im Auto einmal eine Songidee gehabt und dann ungefähr ausgerufen haben: «Du bist zwar eine gute Idee, aber ich habe jetzt gerade überhaupt keine Zeit für dich. Geh doch zu Leonard Cohen!»

Wie haben Polo Hofer und Co. auf den Song reagiert?
Bisher gar nicht. Aber ich denke, dass sie das locker sehen. Einige Zeitungen haben geschrieben, dass ich die anderen Berner Musiker «disse». Da bin ich ziemlich erschrocken. Ich will ja, dass die Muse gut aufgehoben ist und schicke sie zu Musikern, die ich gut finde. Ich wollte damit sicher nicht sagen, dass jemand meine Ideen braucht.

Der letzte Song des Albums, «Rain Dogs Learning to Crawl», verweist auf die Alben «Rain Dogs» von Tom Waits und «Learning to Crawl» von den Pretenders – Ihre Jugendhelden?
Ja, unter anderem. Es sind Alben, die für mich in dieser Zeit, um die sich der Song dreht, wichtig waren. Es geht im Lied um einen ehemaligen Berner Plattenladen, das Bro Records in der Spitalgasse, wo wir früher oft herumhingen, Musik hörten und diese eine Frau anhimmelten, die dort arbeitete.

Welche Musik hört denn Kuno Lauener heute?
Kürzlich habe ich mir die neuen Platten von den Black Keys und Leonard Cohen gekauft. Lana Del Rey habe ich mir auch besorgt, weil mir die Single «Video Games» gefällt. Zurzeit höre ich auch Phenomden und King Pepe.

Im Song «När bringi wieder öpper um» geht es um einen Spiesser. Sind Ihre Feindbilder heute noch dieselben wie früher?
Meine Feindbilder ändern sich ständig, manchmal ist es einfach der Verteidiger der gegnerischen Fussballmannschaft. In der Jugend waren es eher direkte Konkurrenten auf dem Fleischmarkt (lacht). Der Mann im Song ist einer, mit dem man in der Jugend gemeinsam Pläne geschmiedet hat und der später seine Ideale über Bord geworfen hat, aber immer noch vorgibt, ein «cooler Siech» zu sein.

Ideale verändern sich doch zwangsläufig, wenn man älter wird.
Sicher, ich bin heute auch nicht mehr so konsequent wie mit 22. Aber im Gegensatz zu dem Mann im Song ist es mir bewusst.

Welche Ideale mussten Sie über Bord werfen?
Als junge Band hatten wir eine Verweigerungshaltung, die aus dem Punk gewachsen war. Wir haben uns zum Beispiel geschworen, nie Play-back im Fernsehen aufzutreten, wollten uns auch nicht selbst anpreisen und dachten, wenn jemand etwas von uns will, soll er von selbst kommen. Aber als kleine Bude hat man kaum Geld für Werbung und muss die Schaufenster nutzen, die sich einem bieten. Das ist ein Spagat, den man machen muss, wenn man von der Musik leben will.

Früher gehörten Züri West zu den Rebellen, heute sind Sie längst etabliert. Welche Rolle ist einfacher?
In der ersten leidenschaftlichen Zeit waren wir als Band eine eingeschworene Gang. Wir hatten eine extreme Vorwärtsstrategie, die zwar auf Unsicherheit gebaut war, aber jeder gab dem andern das Gefühl, dass alles möglich war. So haben wir uns gegenseitig gepusht. Wir haben drauflosgerockt, und in der Erinnerung kommt uns das wahnsinnig wild vor. Wenn wir uns das jetzt ansehen könnten, müssten wir uns vielleicht eingestehen, dass es gar nicht so wild war (lacht). Dafür sind wir heute gelassener, haben einiges erreicht und sind daran gewachsen.

Sind Sie heute auf der Bühne weniger spontan?
Es gibt immer Momente, in denen ich alles vergesse – das sind die guten Konzerte. Aber manchmal kann ich nicht abstellen zu überlegen, wie meine dünner gewordenen Haare jetzt wohl unter dem Scheinwerferlicht aussehen, und so weiter. Denn immer, wenn ich vom Konzert nach Hause komme, gibt es bereits Ausschnitte davon auf Youtube, deren Qualität nichts mit der Intensität des Konzerts zu tun hat.

Früher machten Züri West Rockmusik. Auf «Göteborg» kommt alles recht mild daher.
Im Herzen bin ich immer noch ein Rocker. Inzwischen machen wir einfach Musik. Wir haben sicher einige Popsongs, aber auch schrägere Sachen. Wir fühlen uns keiner Szene mehr verpflichtet – das ist das Schöne, wenn man schon länger dabei ist.

Welcher Song des neuen Albums war Ihre grösste Knacknuss?
Es gab ein paar Knacknüsse, textliche, aber auch musikalische. Beim Song «Göteborg» hatte ich Zweifel, weil nach «Haubi Songs» auf der letzten Scheibe schon wieder das Thema Songschreiben vorkommt. Manche Leute denken bestimmt, dass ich keine anderen Sorgen habe, als mich mit halbfertigen Songs herumzuschlagen. Aber zwischen den beiden Liedern liegen vier Jahre.

Woher stammt die Geschichte des Buckelwals, der ein Boot rammt? Das ist tatsächlich passiert. Es war eine kurze Meldung in der Zeitung. Darin ging es nur um das kaputte Boot und die verletzten Menschen. Als mitfühlender Gutmensch dachte ich an den armen Wal, der wohl ziemliche Kopfschmerzen haben musste (lacht). (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.03.2012, 06:12 Uhr

«Züri West»: Wer hatte die Idee?

Es war Anfang der Achtzigerjahre, im damaligen Bandraum an der Thunstrasse in Bern. «Dort gab es ein Italolädeli, und der Besitzer, Gianni, machte die besten Sandwiches der Stadt», erinnert sich Kuno Lauener.

Unter dem Laden war der Übungsraum, wo man versuchte, ein Lebensgefühl in Worte zu packen. «Es musste etwas sein, das die Berner und die Zürcher provoziert. Wir wollten berndeutsche Musik machen, uns aber von den Etablierten, Hofer und Span, abheben.» Schneller, härter und lauter wollte man sein als jene, die einem altbacken vorkamen.

«Die Idee, Bern zu einem Vorort von Zürich zu machen, kam schliesslich von mir», so Lauener. An die anderen Vorschläge kann er sich nicht mehr erinnern. Nur: «Züri West fanden von Anfang an alle irgendwie gut.»

Zum Album

Früher sang Kuno Lauener über seinen Küchentisch, heute ist es die Laube seines neuen Hauses in Bern Bethlehem: «Mir schtöh gloub gschider chli id Loube sider», singt der 51-Jährige im Eröffnungssong «3027» und gibt zu, dass er Sonnenuntergänge mag. «I ha mi das no nie trout z’säge / aber i luege die fasch gäng.» Schlurfend begleitet das Schlagzeug Laueners leicht schleppenden Gesang, in dem immer eine Prise Wehmut mitschwingt.

Vier Jahre ist es her, seit das letzte Züri-West-Album mit neuen Songs erschienen ist. Und viel inzwischen passiert: unverhoffte Vaterfreuden, runde Geburtstage und Trauriges wie der Gleitschirmunfall des Bassisten Jürg Schmidhauser im Jahr 2009. Dadurch verzögerten sich die Aufnahmen des neuen Albums, da die Band nicht auf ihn verzichten wollte.

Jetzt ist das Quintett wieder da, mit zwölf – ausser dem Rocksong «Chlini Gibson» – eher melancholischen Songs und schmucken Geschichten um Erinnerungslücken («Schmocker oder Schmid»), Stimmungsschwankungen («Hallo Schisluun») und für den Alltag unbrauchbare Musen («Göteborg»). Sorgfältig arrangiert, überrascht das Album mit atmosphärischen Klanglandschaften («3027») und stimmigen Bläsersätzen («Pinsuschwinger»). Der Trompeter Thomas Knuchel und der Posaunist Andreas Tschopp werden die Band auch auf der Tournee als Gastmusiker begleiten.

Das Album «Göteborg» (die Mutter von Laueners Freundin
ist Schwedin) überzeugt aber vor allem in seiner Intimität und Schlichtheit – gerade, wenn die Songs so einnehmend nostalgisch wie in «Rain Dogs Learning to Crawl» oder so herzerwärmend melancholisch wie im «Bugguwau» daherkommen.

Züri West: «Göteborg», Soundservice. Mitternachtsverkauf: Do, 22.3., ab Mitternacht, Olmo, Bern. Mit Autogrammstunde. Live: zueriwest.ch.

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