«Komponieren ist eine oft sehr einsame Arbeit»

Interview

Die Schweizer Medienkomponisten sind erstmals in einem Verband organisiert. Präsident Balz Bachmann sagt, warum das höchste Zeit war und warum Werbemusiker keine Versager sind.

Ausgezeichnet: Balz Bachmann gewann 2012 gemeinsam mit George Vaine und Peter Braeker den Schweizer Filmpreis Quartz 2012 für die beste Filmmusik im Film «Day is Done».

Ausgezeichnet: Balz Bachmann gewann 2012 gemeinsam mit George Vaine und Peter Braeker den Schweizer Filmpreis Quartz 2012 für die beste Filmmusik im Film «Day is Done».

(Bild: Keystone)

Denise Jeitziner@tagesanzeiger

Herr Bachmann, Sie und andere führende Medienkomponisten haben einen Berufsverband gegründet, da die Medienmusik in der Schweiz immer wichtiger werde. Ist das so? Balz Bachmann: Ja. In Fernsehberichten, Filmen, der Werbung, in Games und auch bei allem, was im Internet publiziert wird, ist die Musik immer ein wichtiger Bestandteil.

Nimmt die Wichtigkeit von Komponisten nicht ab? Immerhin wird in Film und Werbung oft auf bestehende Musik zurückgegriffen. Klar gibt es genügend bestehende Musik und man könnte einfach darauf zurückgreifen. Aber das funktioniert in der Praxis nicht. Man muss jeden Inhalt in einem Film oder einer Werbung gezielt mit Musik steuern können. Dazu braucht es individuell angepasste, also komponierte Musik, die dem Film eine unverwechselbare und eigenständige Identität gibt und die auf die dramaturgische Struktur des Filmes reagieren kann. Auch in der Werbung wissen heute viele Marken sehr genau, wie wichtig es ist, ihr Zielpublikum mittels Musik auf einer emotionalen Ebene zu erreichen.

Die Musik in einem Film nimmt man oft erst dann wahr, wenn sie störend oder unpassend wirkt. Fällt Medienmusik bestenfalls nicht auf? In einem Film laufen sehr viele Dinge gleichzeitig ab. Die Handlung, das Visuelle, der Schauspieler mit seiner Mimik und seiner Sprache und die Musik – alles muss wahrnehmbar bleiben. Es ist daher meist nicht die dringendste Aufgabe der Musik, sich in den Vordergrund zu stellen. Sie soll den Zuschauer auf einer emotionalen Ebene führen; sie soll ihn in den Film hineinziehen und nicht hinauswerfen.

Ist es frustrierend, als Filmmusiker im Hintergrund zu stehen? Wenn man als Musiker das Bedürfnis hat, im Vordergrund zu stehen, ist man als Filmkomponist wohl nicht am richtigen Ort. Ein Regisseur hat jedoch meist auch nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie die Schauspieler, obwohl er die wichtigste Person ist.

Komponisten, die in der Werbung gelandet sind, gelten als Inbegriff des gescheiterten Musikers. Hat es nur geschafft, wer es zum Filmmusikkomponisten bringt? Nein, das ist eine etwas veraltete Vorstellung. Man kann nicht grundsätzlich sagen, dass Musik für Werbung qualitativ schlechter wäre. Der dramaturgische Bogen ist natürlich unterschiedlich. Im Film hat man diesen über eine Strecke von 90 Minuten zu bewältigen, in der Werbung meist über 30 Sekunden. Die Qualität muss aber in beiden Fällen hochstehend sein. Die Vielfalt ist spannend und es ist in der Schweiz oft der Fall, dass Filmkomponisten gleichzeitig auch für andere Medienbereiche komponieren. Übrigens setzt unser Verband bewusst auf die Bezeichnung Medienkomponisten und nicht ausschliesslich Filmkomponisten.

Sind Schweizer Medienkomponisten auch international von Bedeutung? Es ist auffallend, dass Schweizer Filmkomponisten gute Engagements im deutschsprachigen Raum haben und dort sehr gefragt sind. Einige sind auch international tätig. In der Schweiz gibt es eine sehr rege Gilde. Man holt für Schweizer Kompositionen in den meisten Fällen keine Komponisten aus dem Ausland.

Wie arbeiten Medienkomponisten? Die meisten sind selbstständig und sind nicht angestellt.

Ist das ein Grund, weshalb die Smeca gegründet wurde? Ja. Die Musik war bislang der einzige Zweig in der Filmbranche, der noch nicht organisiert war. Alle haben ihren Verband: Schauspieler, Produzenten, Regie und Drehbuch, Filmtechniker. Bloss Medienkomponisten hatten bis jetzt erstaunlicherweise noch keinen Verband, der alle vertritt. Es war allerhöchste Zeit. Vor allem auch, weil Komponieren eine oft sehr einsame Arbeit ist. Dass Schweizer Medienkomponisten nun vereint auftreten und sich untereinander austauschen können, ist eine grosse Chance.

Sie sind Musiker. Was ist faszinierend daran, Musik für einen Film zu schreiben, statt auf der Bühne zu stehen? Ich finde es sehr spannend, im Studio zu sitzen und eine Komposition so lange zu erforschen, bis ich zu einen Resultat komme, bei dem ich merke, dass etwas passiert zwischen Bild und Ton. Es entsteht eine Synergie, die sich zu einem Gesamtwerk entwickelt, das bestenfalls eine starke Ausstrahlung auf den Betrachter hat. Das ist eine hochinteressante Arbeit, die sich stark von der Bühnenmusik unterscheidet.

Wie komponieren Sie? Es hängt vom Medium und vom Projekt ab. Zuerst erhalte ich das Drehbuch. Es kommt vor, dass ich schon anhand des Drehbuchs gewisse Skizzen komponiere, die dann im ersten Rohschnitt eingesetzt werden. Die zweite Möglichkeit ist, dass ich zuerst den Rohschnitt erhalte. Es kommt aber auch vor, dass ich den fertigen Film erhalte und erst dann beginne, die Musik auszuarbeiten.

Gibt es gewisse Tricks, die für bestimmte Stimmungen angewendet werden können? Beispielsweise ein Instrument, das bei einer traurigen Szene immer wirkt? Wenn dem so wäre, würde Filmmusik schnell langweilig. Es ist ein Teil der Forschung, die ich vorhin angesprochen habe. Man versucht herauszufinden, welche Atmosphäre ein Film hat. Dann testet man verschiedene Instrumente aus und schaut, welche Wirkung sie auf eine bestimmte Szene haben. Man kann eine Stimmung mit einer Melodie und einem Instrument verstärken oder die Musik als Kontrast dazu einsetzen. Als Grundkompositions-Instrument ist sicher das Klavier sehr geeignet. Aber sobald man eine Melodie hat, geht man weiter auf die Suche nach dem passenden Instrument. Das ist aber nur einer von vielen Wegen, wie man an eine Komposition herangehen kann.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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