Mundart

König des Absurden

MundartDem Tiefsinn verweigert er sich – trotzdem findet man ihn bei King Pepe: Das Album «70% Wasser» des Berner Musikers ist ein skurril-melancholisches Hörvergnügen.

Kongeniale Kombo: King Pepe (auf dem Stuhl) und die Band Le Rex.

Kongeniale Kombo: King Pepe (auf dem Stuhl) und die Band Le Rex. Bild: zvg

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Er singt noch immer mit dünner Stimme. Also eigentlich gar nicht richtig. Reimen tut er aus Prinzip nicht. Tiefsinn vermeidet er, Tiefgang hat er trotzdem. Oder war es umgekehrt? Immerhin, gut sieht er aus – auch wenn er schon besser aussah, mit Pomade im Haar und Dreiteiler. Das war bei seinem letzten Projekt «Pepejazz». Trotzdem landet man unweigerlich bei King Pepe und seinem neuen Album «70% Wasser». Sucht mit der Lupe zwischen lupenreinen Kalauern nach dem tieferen Sinn.

Zum Beispiel in «Doof isch ändlos» (Video unten), das mit unzweideutigen Textzeilen wie folgender aufwartet: «Dr Y hett drüü, d Wurscht hett zwöi, d’Schönheit hett eis, u Doof hett null.» Findet diesen Tiefsinn auch. Wobei King Pepe wahrscheinlich sagen würde, dass das nicht beabsichtigt war. Der Berner Musiker widersetzt sich gängigen Ideen, gibt sich selbstironisch und skurril, ohne dabei etwas über die Person Simon Hari zu verraten, die sich hinter King Pepe versteckt.

Ode an Pussy Riot

Ja, King Pepe ist grössenwahnsinnig und auch etwas melancholisch-depressiv. Singt vom Katzenjammer am Tag nach der durchzechten Clubnacht («I chume nid i Club») genauso hingebungsvoll wie er selbstherrlich absurde «Seligpreisungen» durchführt – da werden endlich auch mal jene geehrt, die den Rasen von Hand mähen, und die, die vor dem Computer verzweifeln.

Und übrigens: Angst vor Plattitüden hat King Pepe auch nicht: «Nadeschda Tolokonnikova, du rennsch dr ganz Tag dür mi Chopf, dini Bei si sicher müed», lässt er die Ikone von Pussy Riot im gleichnamigen Lied sentimental wissen. Ein Stück, das zu den Höhepunkten des Albums gehört, wenn er das Leben eines Kulturschaffenden in der wohl behüteten, subventionierten Schweiz mit dem einer Punkrebellin in Russland vergleicht. Da schimmert trotz aller Ironie auch etwas Sehnsucht durch: «I tröime vo üs beidne, beidi duurend d Fuscht ir Luft.»

Betörendes Destillat

Unterstützt wird er bei seinen textlichen Absurditäten und Höhenflügen von den Streetjazzern Le Rex. Die fünf Musiker haben ihn schon an den Konzerten der letzten Tour begleitet. Machen Jazz, mal brav, mal wild, begeben sich aber gerne auf Abwege. Balkan-Brass, etwas Gypsy-Einfluss, ein Funke Funk und viel Spielfreude. Dabei drängen sich die Musiker nie in den Vordergrund, setzen aber durchaus eigene Akzente. Und noch einen grossen Vorteil hat diese Zusammenarbeit: Die Songs sind länger als eine halbe Minute wie noch auf dem letzten Album, das King Pepe im Alleingang über gesangsfreie Passagen von 20er-Jahre-Jazzplatten aufnahm. Das verlängert das Hörvergnügen.

«70% Wasser» ist quasi ein Destillat. Die logische Weiterentwicklung der drei vorgängigen Alben. Des in der Küche selbst aufgenommenen Rumpelsounds («Blöd im Chopf»), des gelobten, musikalisch reduzierten, elektronisch verzierten Mundartalbums («Tierpark») und des dadaistischen jazzigen Backlash («Pepejazz»). Und so betören King Pepe & Le Rex weit über die Musikszene hinaus.


Quelle: Youtube (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.11.2014, 11:44 Uhr

Plattentaufe

King Pepe & Le Rex: «70% Wasser», Der gesunde Menschenversand. Plattentaufe: Freitag, 28. November, 22 Uhr, Turnhalle, Bern.

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