Klare Reime für eine verworrene Welt

Eine neue Hip-Hop-Generation für neue Schweizer Realitäten: GeilerAsDu, Lo & Leduc und Danase mischen mit ihren neuen Platten den Mundart-Rap auf.

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«Verworren.» Das ist das Wort, das Mike, 23, Rapper aus Kriens, lange gesucht hat. Es steht wie eine Überschrift über allem, was er und seine beiden Kollegen von GeilerAsDu an einem warmen Frühlingsabend im Luzerner Parterre mit dem Journalisten diskutieren.

Verworrener Alltag, verworrene Beziehungen, verworrene Wochenenden. Letztere seien, so Mike, zwischen Alkohol, lauter Musik und Umhertaumeln kein grosser Triumphzug. «Man befindet sich in einer Blase», sagt er. «Aber irgendwie verzettle ich mich immer. Es geht hin und her, auf und ab. Die Situation ist selten klar.»

Darstellungsform für das Herumschwappen der Jugendlichen gefunden

Auf «Flöchted», dem neuen Album von GeilerAsDu, klingt diese Stimmung immer wieder an. Und es scheint, als greife die Band damit etwas auf, das schon lange in der Luft liegt. Etwas, das so aber noch niemand vertont hat. Luzi, Mike, DJ Lui G und ihr Produzent Ryo Roesch reflektieren den jugendlichen Eskapismus. Sie vertonen Weltfluchten unterschiedlichster Art: Mit garstig waberndem Dubstep und der betörenden Stimme von Sängerin Heidi Happy gehts ins Clubgetümmel («Wer?»), mit den befreundeten Indierockern von Alvin Zealot vertauschen sie Tag und Nacht («Halbwach»), mit dem Solothurner Manillio nehmen sie geografisch Abstand («Mond»). Textlich und musikalisch haben sie die Mittel gefunden, um das jugendliche Herumschwappen zwischen Altlasten, Erwartungen und Reizen abzubilden. Das verbindet sie mit den deutschen Rappern Marteria und Casper, aber auch mit aktuellen R&B-Künstlern wie The Weeknd oder Frank Ocean.

Beim Streiten wirds hässlich

Das Stück «Schärbe» etwa klingt wie ein in Watte gepackter Gedankenstrom. Noch kurz zuvor, im Stück mit dem lautmalerischen Titel «Tchicke Plow», haben Mike und Luzi zu hektischem Electro Rap von ihrem Publikum das «Überegheie» verlangt, den ekstatischen Kontrollverlust. Jetzt sieht die Welt anders aus: Synthie-Wolken, eine operettenhaft heulende Elfe, viel Hall, dumpfer Rhythmus. «Wenni striite, wirdi hässlich, nachher immer das Gfühl im Buuch, als hätti z scharf gässe/eis Ego, tuusig Fätze», reimt Luzi scharf, während Mike in der zweiten Strophe die Welten wechselt und vom Arbeitsalltag im Spital ins verworrene Wochenende schwenkt. Der Refrain kommt wie aus einem Cockpit: «Das isch us Glas, da isch alles us Glas.» Alles so fragil, alles so vergänglich.

GeilerAsDu sind keine Neulinge. Sie kennen sich alle aus Kriens, von der Kantonsschule und aus dem Kollegenkreis. 2009 erschien ihr Debüt, 2010 veröffentlichte Luzi ein Soloalbum. Die drei organisieren Partys, an denen DJ Lui G neue Beats auflegt. Alles Trainingseinheiten auf dem Weg zu «Flöchted».

In zwei Jahren viel Gehör verschafft

Anders als der Name GeilerAsDu vermuten lässt, lassen einen diese Rapper nahe an sich ran und scheuen nicht die Blösse: In «Gedankegäng», dem letzten und grössten Song des Albums, begeben sie sich auf Weltflucht in die eigene Vergangenheit. Luzi erinnert sich an die imaginäre Gang aus seiner Kindheit, Mike an einstudierte Posen vor dem Spiegel. «Ich hab mir vorgestellt, ich sei ein Star und hätte einen Auftritt», erklärt er lachend. «Und nachher wollen die Fans natürlich mit mir abklatschen. Das muss man doch üben!» Früh geübt, früh abgewöhnt: Ihre Musik ist heute erfrischend frei von solchen Posen.

Ähnlich unverkrampft gehen die Berufungskollegen von Lo & Leduc aus Bern ans Werk. Besonders ihre Freestyles und halbspontanen Reim- und Gesangsattacken wirken wie aus weiten Ärmeln geschüttelt. So locker läuft das bei Lorenz Häberli und Luc Oggier, Ersterer eher für das Reimschema, Letzterer eher für die poppigen, vereinnahmenden Melodiebögen zuständig. Das kann jeder im Netz nachprüfen: In zwei Jahren haben sie sich mit drei gratis erhältlichen Mixtape-Alben so viel Gehör verschafft, dass sie in ihrer Heimatstadt bereits locker Hallen füllen.

Gauner auf Kuppelsendung

Die Texte von Lo & Leduc sind kleine Referenz- und Melodieschlachten, die vom Machiavellismus über Mani Matter bis «Money matters» ziemlich viel zusammenreimen. Und auch musikalisch wird hier ganz viel zugelassen: Dubstep-Beat, ravige Synthesizer, Dancehall-Gesang und zugespitzte Reime kreisen etwa in «Warum düet ihr so fröhlech» ein Stückchen Schweizer Identität ein. Wenn dem Duo neben dem hoch entwickelten Melodiegespür noch etwas fehlt, dann ist es etwas mehr persönliche Tiefe.

Die hat der Zürcher Rapper Danase. Für einen Mann von 24 Jahren breitet er auf dem Album «Gauner, ledig, suecht ...» schon einen ziemlich grossen Erfahrungsschatz aus. Und dies in einer clever abgesteckten Form: Gemeinsam mit dem Zürcher Produzenten Sterneis, der derzeit auch mit der «Temple of Speed»-Reihe für die Erstarkung des Mundart-Rap beiträgt, hat er aus dem Nichts ein Konzeptalbum gezimmert.

Neue Generation ist nachgerückt

Angelehnt an die erfolgreiche Landwirt-Kuppelsendung «Bauer, ledig, sucht ...», werden hier Kleinkriminellen-Reime mit kernigen Ausrissen aus der TV-Serie vermischt. Danase legt sich dabei eine klare Rolle zu, gibt sich machoid und direkt, lüstern und hinterlistig – und offenbart doch genug von der eigenen Leidens- und Lebensgeschichte, damit der Hörer das Bild selbst komplettieren kann. Hinter der Fassade des Grossmauls schimmert immer wieder eine komplexe Persönlichkeit hervor. Danase mag raptechnisch kein Schwergewicht sein, aber in diesem massgeschneiderten Format ist er ein guter, schnörkelloser Erzähler.

Endlich ist im Mundart-Rap eine neue Generation nachgerückt, die entspannt und unverschwitzt aus der Realität junger Schweizer erzählt.


Tages-Anzeiger

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