Nur der Prophet ist beliebter

Wie kommt eine Sängerin zu 120 Millionen Fans? Die Ägypterin Oum Kalsoum ist eine Legende. Nun kommt ihre Geschichte ins Kino.

Die ägyptische Sängerin Oum Kalsoum konnte Poesie in Ekstase verwandeln. Foto: Lebrecht Music Collection, Interfoto

Die ägyptische Sängerin Oum Kalsoum konnte Poesie in Ekstase verwandeln. Foto: Lebrecht Music Collection, Interfoto

Jean-Martin Büttner@Jemab

Als die Sängerin mit mutmasslich 76 Jahren an einem Nierenversagen starb, das war im Februar 1975, gingen in Kairo über vier Millionen Menschen auf die Strasse. Einzelne ergriffen den Sarg und trugen ihn drei Stunden lang durch die Stadt. Schon zu Lebzeiten hatte Oum Kalsoum Millionen von Platten verkauft. Wenn sie am Radio sang, und das tat sie an jedem ersten Donnerstag des Monats, leerten sich die Strassen. Bis heute bleibt sie – nach dem Propheten Mohammed – die meistgeliebte Persönlichkeit der arabischen Welt. Ihr Publikum wird auf 120 Millionen Menschen geschätzt. Am ehesten lässt sie sich mit Maria Callas vergleichen. Auch Songschreiber wie Nick Cave oder Bob Dylan sprechen mit Bewunderung von ihr.

Fünfstündige Auftritte

Die ägyptische Sängerin, deren Konzerte bis zu fünf Stunden dauern konnten, wurde von Arbeitern, Intellektuellen, Orthodoxen, Monarchisten und ­Revolutionären verehrt. Der ägyptische Präsident Abdul Nasser nannte sie «die vierte Pyramide». Wie war eine so grosse Zustimmung möglich in einem sehr patriarchalischen, sehr gläubigen Land, einer von der Revolution erschütterten Monarchie? Sinnlichkeit, Gläubigkeit, Patriotismus und selbstbewusste Weiblichkeit – wie geht das zusammen?

Die Frage geht an Shirin Neshat, die iranische, in den USA lebende Regisseurin, die auch als Videokünstlerin und Opernintendantin gearbeitet hat. Ihr neuer Film «Looking for Oum Kulthum» deutet schon im Titel an, wie schwer fassbar die Sängerin blieb, bei der man sich weder über das Geburtsdatum noch über die Schreibweise ihres Namens ­einig ist. Oum oder Umm Kartoum, Khaltoum, Kulthum, Kalsoum, oder wie auch immer sie genannt wird: Sie kam in einem armen Dorf im Nildelta nahe der Stadt al-Sinbillawayn auf die Welt. Im Jahr 1898, 1899, 1900 oder 1904, damals wurden die Geburtsdaten nicht systematisch erhoben, zumindest nicht auf dem Land.

Der Trailer zu «Looking for Oum Kulthum». Quelle: Youtube

Oum Kalsoum wuchs in einer sehr ­armen Familie auf, sie war das jüngste von drei Kindern. Ihr Vater arbeitete als Imam, der in der Moschee den Koran sang und zu Hochzeiten eingeladen wurde, weil er eine schöne Stimme hatte. Als er realisierte, was für eine Stimme seine Tochter hatte, bildete er sie aus, so gut er konnte, und nahm sie an seine Auftritte mit. Dort trat sie in Knabenkleidern auf, öffentlich singende Mädchen galten als unsittlich.

Sie war eine Sphinx

Dass sie so vielen verschiedenen Menschen gefallen habe, sagt Shirin Neshat, habe nicht nur mit der Vielseitigkeit ihrer Stimme zu tun, sondern auch mit der Vieldeutigkeit der Texte. Sie habe ihren Zuhörern und Zuhörerinnen das gegeben, was diese hören wollten: «Ihre Lieder lassen sich als Liebe aus Leidenschaft interpretieren, aber auch als Liebe zu Gott oder zum Land.» Dass sie sich im Lauf ihrer langen Karriere als singende Projektion anbieten konnte, hängt auch damit zusammen, dass Oum Kalsoum – ein Künstlername – ihr privates Leben abschirmte. Sie gab ihre Interviews mit Vorliebe jenen Journalisten, die ihr ergeben waren, und legte auch die jeweiligen Themen fest. «Oum Kalsoum war eine Sphinx», hat die ma­rokkanisch-jüdische Sängerin Sapho einmal gesagt – undurchdringlich und überlebensgross.

Diese Zurückhaltung half der ägyptischen Diva, sich mit wechselnden Umständen zu arrangieren. Oum Kalsoum war lesbisch, ging aber eine Zweckehe ein. Sie lernte von ihrem Vater, den Koran zu singen, und soll ihn auswendig gekannt haben. Dennoch vertonte sie auch Liebesgedichte, sang Volkslieder im lokalen Dialekt und zeitgenössische Songs.

Regisseurin Shirin Neshat. Foto: Getty

Sie wird als starke Persönlichkeit ­beschrieben, die ihre Karriere bis ins ­Detail selbst kontrollierte. «Sie konnte schneidend sein und hatte einen scharfen Witz», schreibt Virginia Danielson in ihrer sorgfältigen Biografie. Kalsoum leitete die Musikergewerkschaft und hatte noch mehrere andere Ämter inne. Sie war tiefgläubig und dachte politisch konservativ, begrüsste aber die ägyptische Revolution von 1952 mit Begeisterung und befreundete sich mit dem sozialistischen Reformer und späteren Diktator Nasser. Vor dem Sechstagekrieg gegen Israel trug sie blutrünstige Lieder vor. Nach dem Krieg sang sie patriotische Hymnen, mit denen sie ihr Volk über die Niederlage hinwegtrösten wollte. Obwohl antisemitische Bemerkungen von ihr überliefert sind, wurde sie auch in Israel verehrt, wo sie mehrmals auftrat. In Jerusalem ist eine Strasse nach ihr benannt.

Was hat Shirin Neshat auf der Suche nach der Sängerin über sie gelernt? ­Zuerst wollte sie eine Spielfilmbiografie drehen. Je mehr sie sich mit ihrer Protagonistin auseinandersetzte, desto grösser schienen ihr die Schwierigkeiten. Neshat spricht kein Arabisch, schon das erschwerte die Auseinandersetzung; als Iranerin hatte sie in Ägypten ein Glaubwürdigkeitsproblem und als Wahlamerikanerin erst recht.

Oum Kalsoum singt «Al-Atlal». Quelle: Youtube

Zuerst wollte sie das Projekt aufgeben. Dann machte sie ihre Probleme zum Thema. «Looking for Oum Kulthum» ist ein Film im Film und so gesehen ein Film über sie selbst: Eine iranische Regisseurin versucht, das Leben der ägyptischen Sängerin zu verfilmen. Sie bekommt Streit mit der Hauptdarstel­lerin, welche die junge Khaltoum spielt, sie wird von Männern kritisiert, weil sie sich als Ausländerin an diese arabische Ikone heranwagt. Alles, was man Shirin Neshat zu ihrem Film vorgeworfen hat, nimmt dieser vorweg. «Meine Haupt­figur scheitert mit ihrem Film», sagt die Regisseurin, «weil sie zu selbstbezogen ist.» Der Film endet mit einer symbolischen Begegnung zwischen der Sängerin und der Regisseurin. Diese lobt jene für das Feuer, das sie in sich trage, kritisiert sie aber für ihre Arroganz.

Wie zurückhaltend Ägypten und andere arabische Länder auf Neshats Projekt reagiert haben, zeigt die Finanzierung. Der Film wurde vor allem mit deutschem und österreichischem Geld unterstützt und mehrheitlich in Marokko gedreht, in Ägypten bekam die Regisseurin keine Dreherlaubnis.

Trauer, Schmerz, Ekstase

Oum Kalsoums Musik wird in arabischen Ländern bis heute am Radio gespielt. Die Sängerin war nicht nur für ihre Stimme bekannt, sondern auch für ihr improvisatorisches Talent. Sie variierte einzelne Silben immer wieder neu, kombinierte Melismen mit rhythmischen Wiederholungen und versetzte das ­Publikum in Trance. Etwas Melancholisches geht von ihrer Stimme aus, man hört grosse Trauer und Schmerz heraus, auch wenn sie über Glück und Liebe singt. Shirin Neshat, die Regisseurin, trifft es am besten: «Ihre grösste Leistung bestand darin, Poesie in Ekstase zu verwandeln.»

Virginia Danielson: «The Voice of Egypt: Umm Kulthum, Arabic Song, and Egyptian Society in the Twentieth Century». University of Chicago Press, 2008. 288 Seiten, ca. 16 Franken

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