Kaiserlicher Auftakt im Rittersaal

Thun

Zerklüftete Seelenmusik: Das Carmina Quartett eröffnete die Schlosskonzerte Thun mit Klassikern von Haydn, Schubert und Schostakowitsch.

Jede Instrumentallinie erhält eine eigene Farbe und rhetorische Gestalt: Das Zürcher Carmina-Quartett mit Matthias Enderle (1.Violine), Susanne Frank (2.Violine), Wendy Champney (Bratsche) und Stephan Goerner (Cello) beim Auftakt zu den 48. Schlosskonzerten im Rittersaal.

Jede Instrumentallinie erhält eine eigene Farbe und rhetorische Gestalt: Das Zürcher Carmina-Quartett mit Matthias Enderle (1.Violine), Susanne Frank (2.Violine), Wendy Champney (Bratsche) und Stephan Goerner (Cello) beim Auftakt zu den 48. Schlosskonzerten im Rittersaal.

(Bild: Markus Hubacher)

Oliver Meier@mei_oliver

Die Schweiz kennt weder Könige noch Kaiser. Im Reich der Streichquartette aber, der nobelsten aller kammermusikalischen Gattungen, gibt es ein Schweizer Ensemble, das über andern thront. In dreissig Jahren hat sich das Wintherthurer Carmina Quartett internationales Renommé erspielt.

Die Besetzung mit Matthias Enderle (1. Violine), Susanne Frank (2. Violine), Wendy Champney (Bratsche) und Stephan Goerner (Cello) hat seit Jahrzehnten Bestand – das ist die harte Währung. Und von träger Routine ist nichts zu spüren. Im Gegenteil. Der Auftritt im Rittersaal beweist das – und macht fassbar, was ein überragendes Quartett eben von einem sehr guten unterscheidet.

Unbedingter Ausdruckswille

Erstaunlich, wie wenig Blickkontakte es gibt – die Kommunikation funktioniert auch so. Jede Instrumentallinie, ob breit ausgesungen oder ins Pianissimo verschlankt, erhält eine eigene Farbe und rhetorische Gestalt, entsprechend durchsichtig ist das Klangbild. Hinzu kommt ein Gespür für Spannungsverläufe, ein unbedingter Ausdruckswille auch.

Jede Phrase wirkt aufgeladen, die Übergänge gelingen fantastisch. Es ist ein kaiserlicher Auftakt zu den 48. Schlosskonzerten, eine Premiere zudem für das neue Leitungsduo Gisela Trost und Lorenz Hasler. Noch im ersten Satz von Haydns C-Dur-Quartett aus der Sammlung Op. 76 klingt nicht alles sauber. Dann aber steigern sich die Musiker. Kaiser Franz II. lebt auf, im zweiten Satz.

Verzicht auf das Wilde

Wie ein Gebet entfaltet Haydn seine «Kaiserhymne» – poco adagio –, lässt das Thema in kunstvollen Variationen durch die Stimmen wandern. Das Carmina Quartett zeigt, wie viel sanfte Melancholie darin liegt. Nicht nur hier, auch in den weiteren Sätzen gibt es Schattenlöcher.

Doch das Ensemble verzichtet auf das Wilde, Entfesselte, das andere Ensembles im Moll-Finale finden. Leicht und freundlich, fast zu freundlich wirkt Haydns C-Dur-Quartett an diesem Abend.

Panik in Musikform

Umso grösser der Kontrast zu den übrigen Werken. Schuberts «Tod und das Mädchen», vor allem aber das 8. Quartett von Schostakowitsch werden in ihrer Radikalität fassbar. Was für eine Seelenmusik, zerrissen und zerklüftet.

Die Schostakowitsch-Quartette gehören seit Jahren zu den Kernstücken des Zürcher Ensembles. Expressiver – und aufwühlender – kann man sich das achte Quartett kaum vorstellen.

Noch das Auftakt-Largo wirkt überraschend rund, ausgesungen. Doch was folgt, ist pure Panik in Musikform. Wie Blitze fahren Violinen und Bratsche ein, das Cello tanzt und taumelt über dem schwarzen Grund. Kaiser Franz ist da schon weit weg. Schostakowitsch erzählt vom stählernen Väterchen Stalin.


Schlosskonzerte Thun: Bis 21. Juni. Nächste Aufführung: Mi, 10. Juni, 20 Uhr, KK Thun («Novecento, die Legende vom Ozeanpianisten»).

www.schlosskonzerte-thun.ch

Thuner Tagblatt

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