«Je experimenteller, desto besser»

Die Berner Szene der Neuen Musik soll enger zusammenarbeiten, fordert die Stadt. Nun hat die Flötistin Barbara Balba Weber ein Konzept erarbeitet. Bald gibts einen Verein Netzwerk Neue Musik – und wohl auch mehr Geld.

Mit grossem Atem: Flötistin Barbara Balba Weber 2011 bei den Proben zur Musikperformance «Kapseln» in der Berner Dampfzentrale.

Mit grossem Atem: Flötistin Barbara Balba Weber 2011 bei den Proben zur Musikperformance «Kapseln» in der Berner Dampfzentrale.

(Bild: Stefan Anderegg)

Oliver Meier@mei_oliver

Frau Weber, die Neue-Musik-Szene in Bern erscheint oft als elitäres Ghetto. Man ist unter sich, muss aber ständig die eigene Wichtigkeit betonen Barbara Balba Weber: Das ist Legitimierungsgebaren und weist immer darauf hin, dass jemand ums Überleben kämpft. Die Neue Musik hat noch nie zur etablierten oder gar gutbürgerlichen Schicht gehört, ebenso wenig zum Mainstream. Sie ist einfach schlichtweg nicht in Sicherheit. Das ist sowohl ihr Fluch als auch ihre Stärke. Aber zurücklehnen und lächeln ist hier nicht angebracht. Die Szene muss sich halt ständig verteidigen und erklären.

Strebt die Szene denn überhaupt eine Breitenwirkung an? Was heisst schon Breitenwirkung? Mit der Milliardenindustrie des globalisierten Mainstreams kann es die experimentelle Musik eh nicht aufnehmen. Aber sie soll und will die Resultate ihrer Tüfteleien an den Rändern des Denkbaren hörbar machen. Neue Musik ist der Stachel im fetten Hintern unserer Gesellschaft.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation in Bern? Die Berner Szene hat ein riesiges Potenzial an jungen, gut ausgebildeten Leuten voller neuer Ideen. Zugleich verfügt die experimentelle Musik heute nicht mal über 0,5 Prozent des gesamten Kulturbudgets der Stadt, das über 30 Millionen pro Jahr beträgt.

Sie wollen also mehr Subventionen wie alle andern auch... Die Diskussionen der letzten Monate drehten sich nicht in erster Linie ums Geld. Sondern um die bessere Vernetzung. Im Frühjahr hat die Abteilung Kulturelles uns eingeladen, neue Modelle der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Nun liegt das Konzept vor. Was sind die wesentlichen Punkte? Ziel ist, Ensembles, einzelne Musikerinnen und Musiker und Veranstalter besser zu verknüpfen und in einem bald zu gründenden Verein zu organisieren. Das Netzwerk soll die Rolle eines Thinktanks spielen und gemeinsame Projekt fördern und mitfinanzieren.

Welche Rolle sehen Sie für sich selbst als Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) Bern? Hoffentlich spiele ich bald keine spezifische Rolle mehr. Es geht um ein Netzwerk aus möglichst allen Akteuren der Stadt. Da ich eine Dissertation zur Vermittlung Neuer Musik schreibe, konnte ich schon aus beruflicher Neugier nicht tatenlos zusehen, wie hier einzelne kleine Player gegen den Wind strampeln, ohne sich wenigstens zusammenzutun.

Die Dampfzentrale galt lange als Berner Heimat der Neuen Musik. Kommt der Musikbereich zu kurz, seit Tanzspezialist Georg Weinand am Ruder ist? Mit Georg Weinand hat sich einiges verändert, was bei einem Intendantenwechsel ja üblich ist. Wir haben die Idee, in Bern einen Ort für die Neue Musik zu schaffen, aufgegeben und machen jetzt was anderes. Vielleicht ist das sogar besser. Denn Neue Musik braucht ganz verschiedene Orte, von kleinen Privaträumen bis zu leeren Fabrikhallen. Je experimenteller, desto besser.

«Musik-Gipfel»: Heute Donnerstag, 18-23 Uhr, Konzerte und Podium. Kornhausforum. www.ignm-bern.ch

Berner Zeitung

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