In Avenches sind die Minimaltarife jahrelang unterlaufen worden

Welche Sommerfestivals halten die Tarifvorgaben des Musikerverbandes ein? Ein Blick hinter die Kulissen von Avenches, Gstaad, Verbier, St.Moritz, Solothurn und Burgäschi.

Musizierten nach offiziellem Tarif: Das Orchestre de Chambre de Lausanne 2012 bei Puccinis «La Bohème» im Amphitheater von Avenches.

Musizierten nach offiziellem Tarif: Das Orchestre de Chambre de Lausanne 2012 bei Puccinis «La Bohème» im Amphitheater von Avenches.

(Bild: Keystone)

Oliver Meier@mei_oliver

Kürzlich, als der Schweizerische Musikerverband (SMV) seinen Ärger über die Tiefstgagen beim Opernfestival La Perla kundtat, lobte er zugleich die Konkurrenz: «Dass es mit gutem Willen und Respekt vor den Musikern sehr wohl möglich ist, diese nach SMV-Tarif zu bezahlen, zeigt das Beispiel des Open Air Avenches», heisst es in einem Communiqué von Mitte Juli. Alles in Butter?

Die Sache mit Avenches ist komplizierter. Seit Eric Vigié, Direktor der Opéra de Lausanne, 2011 die Leitung des Opernfestivals übernommen hat, werden die Vorgaben des Musikerverbandes tatsächlich eingehalten. Sowohl die Musiker des Orchestre de Chambre de Lausanne (2012) als auch jene des Freiburger Kammerorchesters (2013) sind entsprechend bezahlt worden.

Widersprüchliche Aussagen

Für Avenches ist das allerdings ein Novum in der bald 20-jährigen Geschichte. In der Ära von Festivalgründer Sergio Fontana (1995–2010) sind die Orchester nie nach SMV-Tarif bezahlt worden, wie dieser auf Nachfrage bestätigt. «Meistens haben wir ausländische Orchester verpflichtet, bei denen die Tarife kein Thema sind», sagt Fontana. Mit «meist» liegt er allerdings falsch: Eine Nachzählung ergibt, dass in Avenches mehr (West-)Schweizer (Freelance-)Orchester als ausländische Ensembles zum Einsatz kamen. Und ein «Thema» waren die Tarife sehr wohl. 2008 zum Beispiel, als das Projektorchester Camerata Schweiz die Inszenierung von Verdis «Traviata» begleitete. Damals wurden Musiker vom Zentralpräsidenten des SMV persönlich zu Hause angerufen und mit der Drohung konfrontiert, sie müssten den Verband verlassen, falls sie in Avenches mitspielen werden. Das, obwohl die Gagen nicht weit unter dem SMV-Tarif angesetzt waren.

Von einer «sehr problematischen Situation» spricht der Musikerverband im Zusammenhang mit der Opera St.Moritz, wo bis 2012 jeweils das Hungarian Symphony Orchestra engagiert war. «Anstelle einer vernünftigen Gage wurden die Musiker entschädigt mit Verpflegung und einem Aufenthalt im Fünfsternehotel – faktisch in Personalzimmern mit Etagendusche», sagt Barbara Aeschbacher, Zentralsekretärin des SMV.

Der Verband habe in zwei Schreiben den Veranstalter dazu aufgefordert, die Minimaltarife zu respektieren. Die Verantwortlichen hätten jedoch keinen Bedarf gesehen, die Tarifpolitik zu ändern. «Im Frühling haben wir uns an die tripartite Kommission des Kantons Graubünden gewandt und eine Verdachtsmeldung gemacht. Die Kommission hat versprochen, sich darum zu kümmern», so Aeschbacher.

Auf Nachfrage will das zuständige Amt in Graubünden davon allerdings nichts wissen: Man sei «im Zusammenhang mit der Opera St.Moritz bis anhin noch nie tätig geworden» und habe «auch keinerlei Hinweise über Beanstandungen mit Blick auf die Gagen erhalten».

Auf die Frage nach den Arbeitsbedingungen antwortet die Opera St.Moritz: «Die Musiker des Hungarian Symphony Orchestra waren am Spielort untergebracht und wurden auch dort verpflegt.» Und: «Wir haben und hatten keinen Kontakt mit dem SMV.»

Seit diesem Jahr arbeitet die Opera St.Moritz mit dem Netherlands Symphony zusammen. Die Rede ist von einem «Pauschalabkommen».

Unterschiedliche Wege gehen das Verbier Festival und das Menuhin Festival Gstaad mit ihren Festivalorchestern. Beim prestigeträchtigen Gstaad Festival Orchestra – mit gestandenen Musikern aus Basel und Bern – erhalten die Stimmführer sogar mehr, als der Verband verlangt. Die sogenannten Tutti-Spieler ohne Solofunktion liegen dagegen leicht darunter. «Auf Tourneen ist die Differenz zu den Verbandstarifen grösser, weil die Reisezeit nicht als solche entschädigt werden kann», sagt Christoph Müller, Intendant des Menuhin Festivals.

Taggeld für den Nachwuchs

Im Unterschied zu Gstaad setzt Verbier dezidiert auf talentierte Nachwuchskräfte, rekrutiert bei internationalen Probespielen. «Das Verbier Festival Orchestra und das Verbier Festival Chamber Orchestra sind Ausbildungsensembles. Es geht darum, die Musiker so gut wie möglich auf das professionelle Musikerleben vorzubereiten», betont Irène Kaiser, Presseverantwortliche des Festivals. «Die Musiker bekommen ihren gesamten Aufenthalt in Verbier bezahlt. Darüber hinaus gibt es ein Taggeld.»

Ärger über La Perla

Auch bei der Bühne Burgäschi wird nicht nach SMV-Tarif bezahlt. Das sei schlicht nicht möglich, sagt der musikalische Leiter Reimar Walthert. Bei der Freiluftoperette spielt ein Ad-hoc-Orchester mit insgesamt 60 Musikerinnen und Musikern. Profis erhalten pro Dienst 120 Franken, Amateure 70. Profis, die sämtliche Aufführungen spielen, verdienen 140 Franken. «Weil wir leider zurzeit nicht in der Lage sind, höhere Saläre zu bezahlen, versuchen wir unserem Orchester durch kleine Dinge, die den Unterschied machen, die Wertschätzung zu zeigen. Dazu gehört die Verpflegung in der Pause», sagt Walthert.

Angesprochen auf den Fall La Perla, sagt er: «Es ärgert mich, dass Veranstalter mit einem mehrfachen Werbebudget, Unterstützungsgeldern der öffentlichen Hand und massiv höheren Eintrittspreisen nicht in der Lage sein sollen, bessere Löhne zu bezahlen, als wir das tun.»

Nicht sehr auskunftsfreudig sind die Solothurn Classics, die seit Jahren ausländische Ensembles engagieren, aktuell das Orchester der bulgarischen Staatsoper Russe. Auf die Frage nach den Anstellungsbedingungen hält die künstlerische Leiterin Iris Kofmel fest: «Alle Mitglieder der Staatsoper Russe, die in Solothurn auftreten, werden pro Tag und pro Aufführung entlöhnt. Verpflegung (Halbpension) und Unterkunft wird von den Solothurn Classics übernommen. Über Gagen geben wir generell keine Auskunft.»

Berner Zeitung

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