«Ich finde, wir sollten häufiger an die Bonobos denken»

Till Lindemann, Sänger der Skandal-Band Rammstein, hat einen Gedichtband veröffentlicht. Im Interview spricht er über den Wert der Lyrik, unentspannte Yogalehrerinnen und ein gewagtes Filmprojekt.

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Herr Lindemann, Ihre Gedichte handeln sehr häufig von der seelischen Bedeutung der Kopulation – unterschätzt unsere Gesellschaft diese Bedeutung?
Sehr. Ich finde, wir sollten häufiger an die Bonobos denken.

Wie meinen Sie das?
Die Bonobos lösen jeden Konflikt in ihrer Gemeinschaft mit Ficken. Unser Genpool und der der Bonobos ist zu 99 Prozent identisch, das sollte uns zu denken geben. Dieses eine Prozent hindert uns daran, es den Bonobos gleichzutun... Jedenfalls wäre das ein schönes Filmthema, darüber sollte man mal ein Drehbuch schreiben.

Ein Bonobo-Film?
Ja, über den Fick-Virus, der – wie viele reale Krankheiten ja auch – vom Affen auf den Menschen überspringt und eine gewaltige Rammelei auslöst.

Ist Monogamie Ausdruck begrüssenswerter Vernunft oder eine sinnlose Quälerei?
Monogamie ist mit Bestimmtheit nicht natürlich. Aber man kann halt nicht beides haben: entweder Vernunft oder Natur. Oder man kauft sich Sex, das ist vielleicht der Mittelweg.

Neben Sex ist Gewalt die grosse Konstante in Ihrem Werk. Ein Beispiel unter vielen ist das Gedicht «Marie Antoinette». Nehmen Sie sich hier wie Tarantino gezielt ein möglichst unsympathisches Opfer vor, das Sie dann, moralisch immunisiert, brutal behandeln können?
In diesem Fall geht es mir mehr um den Klang. «Ma-rie An-toi-nette» (betont die Silben) klingt sehr schön. Mit der historischen Figur hat das nichts zu tun, ich hätte auch Katharina die Grosse nehmen können.

Ein paar Ihrer Gedichte sind ziemlich komisch, was die meisten Leser verblüffen wird. Zum Beispiel «Die Fledermaus»: «Die Fledermaus vom Taubenhaus / hat gut geschmeckt / bestrichen mit gebranntem Wein / und dann fein angesteckt.» Fast wie bei Ozzy Osbourne.
An Ozzy habe ich dabei nicht gedacht. Aber die Fledermaus ist halt ein cooles Ding, da wollte ich einen lustigen Reim draus bauen. Ich habe übrigens mal auf Mauritius Fledermaus gegessen. Schmeckt wie Hühnchen.

Welchen Stellenwert haben Gedichte heute eigentlich noch?
Leider Gottes ist die Lyrik mittlerweile komplett entmachtet. Die Älteren lesen sie noch, horchen auf, wenn ein neuer Enzensberger erscheint. Den meisten Jungen hingegen ist es völlig egal. Man müsste in der Schule komplett neue Wege gehen, damit die Jugendlichen sich mit Gedichten wieder anfreunden könnten. Man kann ihnen nicht mehr Hölderlin anbieten – was schade ist.

Apropos Hölderlin: Sie selber sind ja ein Spätromantiker.
Ich suche das Verklärte, ja. Eichendorff gefällt mir, auch Else-Laske Schüler und Gottfried Benn.

Was lasen Sie in Ihrer Jugend?
In der Schule haben wir viel Brecht gelesen, was okay war. Dazu aber auch viel sozialistischen Realismus, was nun überhaupt keinen Spass gemacht hat. Zum Glück hatten meine Eltern eine grosse Bibliothek mit all den Engländern und Amerikanern, die damals in der DDR nicht verboten waren.

Der Künstler Lindemann ist in der DDR kaum vorstellbar.
Nein, das ist undenkbar. Meine Identität als Künstler wie als Mensch ist eng mit der Zeit der Wende verbunden. Auch der Erfolg von Rammstein war nur aufgrund der Wende möglich.

Was wäre wohl aus Ihnen geworden, wenn der Arbeiter- und Bauernstaat überlebt hätte?
Ein Handwerker vielleicht. Ich habe ursprünglich das Tischlerhandwerk erlernt. Beim Schwimmen wäre ich kaum geblieben. Musiker wäre ich sicher nicht geworden in der DDR, da waren die künstlerischen Grenzen zu eng gezogen.

Ein überraschendes Gedicht ihres Lyrikbands heisst «Hare Krishna». Wie halten Sies mit der indischen Spiritualität?
Mit indischer Spiritualität habe ich gar nichts zu tun. Ich finde den Hype darum hierzulande immer lächerlich. Ayurveda hinten und vorne, diese Yoga-Muschis und so.

Yoga-Muschis? Was genau ist das Problem?
Mit Yoga an sich habe ich kein Problem, im Gegenteil: Yoga in Indien ist eine wunderbare Sache. Nur, wenn das von Leuten nach einem 3-Wochen-Kurs in Sri Lanka hierher importiert wird, dann finde ich das lächerlich. Das Interessante ist ja, dass die Yoga-Muschis alle extrem unentspannt und verbissen sind, obwohl es doch nur um Entspannung gehen sollte.

Meditieren Sie?
Nein, gar nicht. Ich schwimme ab und zu.

Wie gefällt Ihnen Nietzsche?
Interessiert mich nicht. Zu gedankenlastig, zu viel Psychoanalyse. Ich glaube mehr an romantische Bauchsprache. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2013, 09:57 Uhr

Zur Person

Till Lindemann (*1963) wurde international bekannt als Sänger der Metal-Band Rammstein. Er veröffentlichte diese Woche den Gedichtband «In stillen Nächten». Die Besprechung lesen Sie hier.

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Ob sie ihn wirklich verstehen? Rammstein mit «Ich will».

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Ein weiterer Klassiker: Rammstein mit «Du hast».

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