Halleluja! Bern hat den Superchor

300 Sängerinnen und Sänger, 2 Proben, 1 Experiment: Am Samstag formiert sich im Berner Kultur-Casino ein rekordverdächtiger Monsterchor für Händels «Messiah» und lädt das Publikum zum Mitsingen.

«Es muss leicht und liebevoll klingen. Denken Sie an Engel!»: Dirigent Patrick Secchiari und der Monsterchor bei der Klavierprobe zu Händels Oratorium «Messiah» letzten Samstag in der Aula des Freien Gymnasiums Bern.

«Es muss leicht und liebevoll klingen. Denken Sie an Engel!»: Dirigent Patrick Secchiari und der Monsterchor bei der Klavierprobe zu Händels Oratorium «Messiah» letzten Samstag in der Aula des Freien Gymnasiums Bern.

(Bild: Walter Pfäffli)

Oliver Meier@mei_oliver

«Jetzt klingts stramm wie im Militär», ruft Patrick Secchiari und schüttelt schmunzelnd den Kopf. «Es muss leicht und liebevoll klingen. Denken Sie an Engel!» Secchiari (34) spricht Klartext. Aber er tut es so charmant, dass der halbe Chor strahlt. Vor allem auf der linken Seite, dort, wo die Soprandamen stehen.

Rund 300 Sängerinnen und Sänger haben sich in der Aula des Freien Gymnasiums Bern zur Klavierprobe versammelt. Dirigent Secchiari lässt das «Halleluja» aus dem Oratorium «Messiah» von Georg Friedrich Händel proben. Nach Takt 32 bricht er ab. «Laut klingt es sowieso», sagt er. «Was wir jetzt brauchen, ist Einheit und Präzision.»

Manchmal schwingt sich Secchiari zum Metaphoriker auf, will «hüpfende Engel» hören oder eine «Horde Priester mit Weihrauchfässern». Und wer ihm zusieht, zweifelt nicht daran, dass der Berner sein ambitiöses Ziel erreichen wird: Einen Ad-hoc-Chor aus Singwilligen, die zu Hause ihren «Messiah» geübt haben, in wenigen Stunden zum Klangkörper zu formen und auf Feinheiten einzuschwören.

Wobei: Erfahrung hat der Mann ja genug. Patrick Secchiari, Leiter der Kammerchöre Oberaargau und Seftigen, des Laudate-Chors Thun und des Ensembles Ardent, ist ein initiativer Mann, der gerne mit der grossen Kelle anrichtet. 2006 führte er Carl Orffs «Carmina Burana» auf – mit 180 Kehlen. Letztes Jahr trommelte er «seine» Chöre für eine «Operngala» zusammen (120 Kehlen).

Angelsächsische Tradition

Nun also die Superlative. «The Messiah oder Bern für ein Halleluja», heisst das Musikvermittlungsprojekt, unterstützt vom Kanton. Secchiari hat es mit dem Berner Bassbariton und Dirigenten Michael Kreis (35) initiiert – inspiriert von der Tradition der «Singalongs» (Mitsing-Konzerte). «Vor allem im angelsächsischen Raum, aber auch in Skandinavien, Holland und Deutschland werden regelmässig Chorwerke in dieser offenen Form aufgeführt», erzählt Kreis. «An Wochenenden im Advent oder vor Ostern stehen professionelle Orchester, Solisten und Dirigenten in Kirchen bereit. Laiensänger kommen mit der Partitur unter dem Arm und bilden einen Spontanchor.»

Im Herbst suchten Kreis und Secchiari per Inserat Singwillige für das Händel-Projekt – und wurden beinahe überrannt. 140 Interessierte landeten auf der Warteliste. Und noch am Probentag gibt es Unangemeldete, die nicht verstehen wollen, dass keine Plätze mehr frei sind, und fast schon rabiat werden. «Ich habe den Messias fünfmal gesungen – einmal Englisch, viermal Deutsch, in drei verschiedenen Lagen», gibt eine Dame dem Dirigenten zu verstehen.

Was steckt hinter dem kollektiven Eifer? Secchiari und Kreis, so scheint es, treffen mit ihrem Händel-Projekt den Nerv der Zeit. Singen und musizieren möchten viele – bei Populärwerken sowieso. Aber die wenigsten wollen sich an einen Verein binden. Entsprechend attraktiv sind Plattformen auf Zeit, die Konzertglück mit Unverbindlichkeit paaren. Projektorchester liegen ebenso im Trend wie Projektchöre. Mit gerade mal zwei Proben verspricht das Händel-Projekt zudem ein Höchstmass an Effizienz. Geübt wurde flexibel und individuell zu Hause – das Notenmaterial und eine Übungs-CD ist den Angemeldeten zugeschickt worden. Kommt hinzu: Secchiari ist für viele offenbar eine Attraktion für sich. Dass sie den Vereinen die Sänger abluchsen, davon wollen die Initianten aber nichts wissen. «Wir verstehen uns nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Viele, die am Projekt teilnehmen, singen bereits in Chören», so Kreis.

Diesen Samstag nun formiert sich der Monster-Klangkörper in Bern: 250 Laiensänger, dazu ein 50-köpfiger Kernchor, bestehend aus geschulten Stimmen des Collegiums Vocale Bern und des Ensembles Ardent. Sie werden begleitet vom Barockorchester Capriccio, einem Profi-Ensemble, das auf alten Instrumenten spielt.

Mit Anne-Florence Marbot (Sopran), Peter Kennel (Alt), Andreas Scheidegger (Tenor) und Michael Kreis (Bass) sind zudem namhafte Solisten verpflichtet worden.

Problem der Balance

Ob das gut geht? Zumindest die Balance zwischen Riesenchor und Orchester dürfte kaum zu schaffen sein, auch wenn Secchiari versichert, der Chor klinge «nicht massig, sondern überraschend durchsichtig». Spätestens beim ominösen «Halleluja» dürfte das sanierungsbedürftige Kultur-Casino zittern. Dann nämlich ist auch das Publikum in gutenglischer Händel-Tradition zum Mitsingen eingeladen. Die 1200 Plätze sind schon beinahe ausverkauft.

Aufführung: Sa, 23.2., 19 Uhr, Kultur-Casino Bern. Es gibt nur noch Restkarten. www.bern-singt.ch

Berner Zeitung

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