Gerappter Antisemitismus kommt auch in der Schweiz gut an

Die deutschen Rapper Kollegah und Farid Bang toppten erst noch die Schweizer Charts – und treten hier bald auch live auf.

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Pop, so heisst es, widerspiegelt unsere Gesellschaft. Wenn diese Losung tatsächlich zutrifft, dann entblösste diese Gesellschaft am Donnerstagabend – dem Abend des Holocaustgedenktags – ihre hässlichste Fratze, als die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang mit dem deutschen Musikpreis Echo ausgezeichnet wurden.

Auf ihrem preisgekrönten Album findet sich etwa die Zeile «Mein Körper ­definierter als von Auschwitzinsassen». Doch selbst dieser die Opfer des Holocausts verhöhnende Satz reichte für den Echo-Ethikbeirat nicht aus, Kollegah und Farid Bang von der Auszeichnung auszuschliessen. Man berief sich auf die künstlerische Freiheit – und gab ihnen die Plattform, die die beiden Rapper auch nutzten.

Campino von den Toten Hosen kritisierte die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang. (Video: Tamedia/Reuters)

Nur Campino, der Sänger der Toten Hosen, kritisierte die beiden in seiner Preisrede und machte klar, wo die Grenzen künstlerischer Freiheit liegen: «An sich halte ich Provokation für wichtig und richtig.» Doch für ihn sei «diese Grenze überschritten, wenn es um frauenverachtende, homophobe, rechtsextreme und antisemitische Beleidigungen gegen Andersdenkende geht und auch um die Diskriminierung jeder anderen Religionsform». Der Rest war – abgesehen von einigen Buhrufen – Schweigen. Die Show muss halt immer weitergehen.

«Faschistischer Agitator»

Hilflos wirkten nicht nur der allergrösste Teil der anwesenden Popstars und die Organisatoren, die gestern Sonntag einräumen mussten, «dass wir uns in einem Umfeld wiederfinden, das den Preis in ein falsches Licht rückt». Sie kündigten an, dass die Preisvergabe, die auf der Höhe der verkauften Einheiten basiert, nun neu überdacht werde. Hilflos wirkten auch jene Kommentare, die Kollegahs und Farid Bangs antisemitische Aus­fälligkeiten mit der Tradition des Battle-Raps zu erklären versuchten.

Dass es um sehr viel mehr geht als «nur» um diese Zeilen, machte der jüdische Komiker Oliver Polak in einem Beitrag für die «Welt» deutlich. Unter dem Titel «Echocaust – die Endlösung der Moralfrage, und ihr schaut zu» schrieb er: «Menschen wie Kollegah sind der Grund dafür, dass jüdische Jugendliche auf Schulhöfen gejagt und krankenhausreif geschlagen werden.» Und die linke Rapgruppe Antilopen Gang aus Düsseldorf äusserte sich auf Facebook: «Auch sollte man beachten, dass es hier längst nicht mehr um Hip-Hop geht, sondern dass Kollegah sich mittlerweile wie ein faschistischer Agitator geriert, der auf seinem Youtube-Kanal mit enormer Reichweite den Volkszorn gegen die Mächtigen, die Medien und andere Feinde schürt.»

Beschränkt man sich auf die Frage der künstlerischen Freiheit, zeigt das nur, wie sehr antisemitische Ausfälligkeiten als normal hingenommen werden.

Beide Voten machen deutlich, welche Macht Kollegah und sein Komplize haben, gerade bei Jugendlichen. Und dass die Diskussion um künstlerische Freiheit in diesem Fall eine gänzlich falsche ist. Denn wenn man sich auf diese Frage beschränkt, zeigt dies vielmehr auf, wie sehr antisemitische Ausfälligkeiten mittlerweile als normal hingenommen werden.

Die Debatte um Kollegah und Farid Bang ist übrigens mitnichten nur auf Deutschland begrenzt: Die beiden werden auch in der Schweiz massenhaft ­gehört; ihr nun mit dem Echo ausgezeichnetes Album «Jung Brutal Gutaussehend 3» erreichte im Dezember 2017 den ersten Platz der Schweizer Albumcharts. Anfang Mai werden sie in Schaffhausen auftreten.

Einfach so zur Kenntnis nehmen darf man das nicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2018, 19:01 Uhr

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