Endlich gutes Radio

Als Liebhaberprojekte werden sie oft belächelt, doch ihre Hörerzahlen steigen kontinuierlich: Webradios erleben zurzeit einen wahren Boom – nicht zuletzt dank der zunehmenden Verbreitung von Smartphones.

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Simon Schmid@schmid_simon

Angeödet vom Einheitsbrei auf Schweizer UKW-Radios, setzte sich Roberto Perez 1999 an den Computer. Sein Ziel: eine Software zu entwerfen, die aus Tausenden von gespeicherten Audiotracks das perfekte Radioprogramm zusammenstellen und dieses übers Web in alle Welt ausstrahlen würde. Nach drei Monaten Tüftelei hatte Perez sein Programm beisammen – es bildet noch heute den Kern seines Webradios Sofaspace.

Das System von Sofaspace funktioniert so: Manuell weist Perez jedem der Tracks auf seinem Computer eine bestimmte Farbe zu, je nachdem, welches Gefühl der Song beim Hören hinterlässt. Die Erzeugung der Playlist übernimmt daraufhin der Computer: Auf einen «gelben» Song folgt ein «helloranger», danach folgt nach dem Zufallsprinzip ein weiterer Song einer ähnlichen Farbrichtung.

Perez' Freunden und Arbeitskollegen gefiel der neue Sound – eine Mischung aus Elektro, Ambient und einem Schuss Trance –, und die Hörerzahl seines Webradios wuchs. Mittlerweile klinken sich gleichzeitig jeweils über 100 Hörer ein, um die Tracks, die Perez von DJs und kleineren Labels erhält, übers Internet zu hören. Sofaspace ist eines der ältesten und erfolgreicheren Webradios der Schweiz – und trotzdem ist es, wie die übrigen Schweizer Webradios auch, in der Medienlandschaft relativ unbekannt.

Voraussetzungen für einen Boom

Diese Tatsache ist merkwürdig. Denn eigentlich gibt es wenig Einfacheres, als übers Internet Radio zu hören: Ein Computer mit Internetzugang oder ein Mobiltelefon genügt, die Abspielsoftware ist bei den meisten Betriebssystemen und Browsern bereits integriert. Potenzielle Hörer wären also gerüstet – doch bis anhin werden Internetradios meist nur von technikaffinen Leuten empfangen, wie Thomas Zumbrunnen erklärt. Zumbrunnen betreibt seit elf Jahren Lounge Radio und hat sich über die Jahre hinweg eine treue Fangemeinschaft aufgebaut. Zusätzlichen Auftrieb verspricht sich der Radiobetreiber aus Wettingen vor allem von den neuen technischen Entwicklungen. «Mit dem Aufkommen von Smartphones wird es immer einfacher, Webradios zu empfangen», sagt Zumbrunnen. Der mobile Internetzugang sei zwar noch nicht flächendeckend gratis – doch je günstiger der Internetzugang mit dem Handy werde, desto attraktiver würden Webradios für die Hörer.

Andere Radiobetreiber sehen dies ähnlich. Doch Webradios finden, wie es scheint, den Weg zum Smartphone-Benutzer nicht automatisch. Wichtig ist, eine sauber programmierte und optisch gut aufgemachte App anzubieten. Der amerikanische Sender Digitally Imported ist in dieser Richtung wegweisend: Von «Soulful House» über «Space Dreams» bis zu «Exposure NYC» bietet die Di.fm-App für Android über dreissig übersichtlich angeordnete, über wenige Bilschirmberührungen erreichbare Kanäle an. Von den Benutzern wird die Di.fm-App mit viereinhalb von fünf möglichen Punkten bewertet – ein Kompliment nicht nur an die App-Designer, sondern auch an die Radiomacher, die trotz der Kanalvielfalt eine einzigartige Handschrift in ihr Programm gebracht haben.

Die Schweizer Radioszene steckt bezüglich Smartphone-Apps noch in den Anfängen. Erste Schritte sind jedoch gemacht: Über die iPhone-AppSwiss Internet Radios, die vom Verband der Schweizer Internetradios produziert wird, präsentieren sich die diversen Schweizer Kanäle in Coropore versammelt.

Doch nicht nur über Smartphones könnten Webradios bald eine grössere Hörerschaft erreichen. Vielversprechend klingen zum Beispiel die Versuche, Webradios serienmässig ins Auto zu bringen. Laut dem Deutschen Webradio GrooveFM arbeiten Blaupunkt und das australische Unternehmen miRoamer derzeit an einem Internet-Autoradio, das in Marken wie Ford, Mercedes, BMW oder Audi verbaut werden könnte. Für Webradios wäre dies eine Art Quantensprung, weil Autopendler zu den wichtigsten Radiohörern überhaupt zählen.

Von Discjockeys, für Fans

An Angeboten mangelt es jedenfalls nicht. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie sind allein in Deutschland über 3000 Webradios auf Sendung, davon sind über 2600 ausschliessliche Internetsender. Auch die Nutzungszahlen sind gemäss der Studie in den letzten Jahren konstant angestiegen – wobei der Anteil der mobilen Nutzung momentan bei 12 Prozent liegt, Tendenz steigend.

Auch in der Schweiz ist das Angebot an Webradios gross. Einer der meistgehörten Sender ist Electroradio, dessen Heimbasis im zürcherischen Schwerzenbach liegt. Wie die meisten Webradios sendet auch Electroradio ausschliesslich Spartenmusik – was der Verbreitung des Radios innerhalb der Anhängerschaft, der Popularität in der breiten Masse aber weniger zuträglich ist. Für Roger Zünd, der den Sender mit ins Leben gerufen hat, ist die spezifische Musikausrichtung so etwas wie die raison d'être des Radios: «Als House- und Elektrofans wollen wir all jene mit Musik bedienen, denen die UKW-Radios zu wenig bieten.»

Diesen Anspruch erfüllen Zünd und sein Team heute mit einem Programm, das tagsüber vom Computer und abends von DJs aus aller Welt bestritten wird. Electroradio überträgt auch Live-Mitschnitte von Clubkonzerten. Für die DJs sei dies eine Möglichkeit, sich in der Szene einen Namen zu machen, sagt Zünd. Die Radiohörer würden ihrerseits von einem besseren Programm profitieren, wenn reale DJs und nicht bloss computererzeugte Playlisten zum Zug kämen.

Bei Webradios sind die Schweizer geizig

Richtig profitabel sind die Schweizer Webradios aber allesamt kaum. Thomas Zumbrunnen gibt an, sein Radio mit einem Budget von rund 15'000 Franken zu betreiben. Rund die Hälfte der Ausgaben fiele für Lizenzgebühren an, etwas weniger sei für die Serverinfrastruktur nötig. Unter dem Strich bliebe wenig bis gar nichts übrig, so Zumbrunnen: «Ein reines Webradio in der Schweiz zu betreiben, das ist zwangsläufig ein Liebhaberprojekt.» In manchen Jahren habe er auch schon Geld drauflegen müssen, weil an Spenden sehr wenig hereingekommen sei.

Dass die Spendermentalität der Schweizer eher schwach ausgeprägt sei, wird auch von Roberto Perez bestätigt. «Ich war drauf und dran, den Sender einzustellen», sagt der Radiobetreiber, der wie die meisten seiner Kollegen konsequent auf Werbung verzichtet. Erst nach einem Sonderaufruf hätten sich letzten Sommer genügend Spendengelder gefunden, um den Betrieb in einem ähnlichen Ausmass wie bisher weiterzuführen.

Die grössten Sender in den USA spielen derweil in einer anderen Liga. So operiert das Webradio Soma.fm aus San Francisco mit einem Budget von 20 Millionen Dollar, das allein aus Spendengeldern finanziert wird. Soma.fm betreibt insgesamt 18 Kanäle, die Namen wie «Drone Zone», «Groove Salad» oder «Secret Agent» tragen. Als eines der weltweit bekanntesten Radios, die nur übers Internet gesendet werden, erzielt Soma.fm rund 5,8 Millionen Zuhörerstunden pro Monat.

Ist die Welt erst einmal flächendeckend mit Smartphones und Internet-Hotspots ausgerüstet, könnten es für Sender wie Soma.fm – aber auch für die Schweizer Webradios – noch bedeutend mehr werden.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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