Einfach alles nehmen

Jan Delay rappt den Rock. Sein neues Album «Hammer und Michel» bedient sich bei der Klassik der Gitarrenmusik.

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Es war klar, dass Jan Delay für dieses ­Album verbale Prügel bekommen würde. «Hammer und Michel» sei, so die vollmundige Vorankündigung des Hamburger Rappers, sein Hardrock-Album. Nach den Hip-Hop-Anfängen mit den Absoluten Beginnern in den Neunzigern, nach Ausflügen in den Reggae und den slicken Discosoul lässt er nun die Gitarren bratzen und Soli gniedeln, versucht sich an einer «Scorpions-Ballade» und besingt das weltgrösste Metal-Festival in Wacken. Im Video zum gleichnamigen Song sieht man ihn in weissem Anzug und rosa Hemd übers Festivalgelände gehen.

Deep Purple statt Wu-Tang

«Da gab es richtig harte Reaktionen», grinst Jan Delay alias Jan Philipp Eissfeldt bei einer dünnen Spasszigarette auf dem Balkon eines Berliner Hotels. «Aber ich will ja niemandem etwas wegnehmen. Eigentlich geht es in dem Stück auch nicht um das Festival, sondern um Aufbruch, darum, was anderes zu machen, um Veränderung.»

Und so tauscht Delay rappend «Wu-Tang gegen Deep Purple», klingt auf «Action» nach Golden Earring, spielt in «Hertz 4» einen Südstaatenrock an, wird immer wieder laut punkig und gibt einen – so der zugehörige Songtitel – «Fick» auf Nörgler, die vom Fachblatt bis zur Tagespresse bereits attestierten, dass Delay der authentisch rockende Geist fehle. Der sagt: «Rock wie Bon Jovi war immer der Feind. Aber es gab seit der einen Ramones-Platte meiner Eltern auch immer kleine Berührungspunkte, und in den letzten zehn Jahren fand ich eben auch die Queens of the Stone Age, Wolfmother oder die Jets geil. Ich bekomme dann Lust, das auszuprobieren. Bestimmte Ästhetiken, bestimmte Arten von Sound und von Grooves, das sind ­alles Zitate auf gewisse Weise. Aber im Zusammenhang mit meiner Band ­bekommt das einen anderen Twist.»

Den erkennt man in kantig knapp ­geschnittenen Riffs, dickflüssigen Bässen oder lässigen Uptempo-Nummern, in denen Delay und seine nicht umsonst Disko No. 1 getaufte Band mit chic swingenden Bläsern, Orgeln und Frauenchor die Rockbeats in die gut gelaunte, sou­veräne Delay-Dynamik aus tanzaffinen Beats verlängert. «Zuerst wollte ich nur auf die Kacke hauen, Ansage machen, Punkrock. Aber ich will ja auch, dass die Leute das geniessen können, und Rock hat viele schöne Seiten, die mich flashen. Also habe ich es wie auf meinen» – hier malt er Anführungszeichen in die Luft – «Reggae- und Funkplatten gemacht und habe mich nicht begrenzt.»

Eine Tanzplatte für Deutschland

Abgesehen vielleicht von der an Udo Lindenberg erinnernden Hymne «St. Pauli» fehlt bei Delay die übliche Rock-Rhetorik. «In den Texten bleibe ich ich selbst. Wobei ein grooviges Rockriff auch mal Zweifel, Kritik, Geschrei besser transportieren kann als Funk- und Soulsachen, die auf Leichtfüssigkeit beruhen.» So trinkt er zum Aufbruch Mineralwasser statt Bier, singt über «Dicke Kinder», deren «dumme Eltern» zu faul seien, um Gemüse zu schälen – «weil mir ein Song über Ernährung wichtig war». Seine «Liebe» glüht «für Widerstand, für Widersprüche und auch für Neuland und Neurosen». Und in der «Scorpions-Ballade» geht es nicht um diffuse Liebeswehen, sondern die verlorene Heimat Popmusik: «Faschos hören Tupac, die Bullen Bob Marley / Wo sind meine Freunde, wo sind meine Feinde».

Dabei muss man nun nicht jeden Entwurf, jedes laute Solo, jedes Schlagzeugbreak oder jeden flotten Refrain gelungen finden. Insgesamt ist das Album jedoch ziemlich hübsch, und wohin es eigentlich zielt, bestätigten auch die ersten Livetestläufe wie vergangene Woche in Berlin. Dort brachte die Band enorm einnehmend, schweisstreibend und nahtlos die neuen Rockstücke in den Fluss von Delays älterem Funk, Hip-Hop, Reggae und Soul – als Motive einer allesfressenden Unterhaltungs­tradition.

Das Konzept, sagt Delay, habe er schon im Kopf gehabt, als er seine Band vor fast zehn Jahren zusammenstellte, um «eine Tanzplatte für Deutschland» zu machen. «Heute gibt es diese Stil- und Genrebarrieren nicht mehr», freut er sich. «Wichtig ist mir nur, dass es nie klingen darf, als würde ich mich über etwas lustig machen. Ich habe immer Ehrfurcht vor der Musik. Aber man macht heute im Grunde das, was schon unsere Utopie bei den Absoluten Beginnern war und auch den Urgeist der Hip-Hop-Pioniere geprägt hat: Einfach alles nehmen.»

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.04.2014, 16:07 Uhr

Jan Delay: Hammer und Michel (Universal); ca. 14 Fr.

Video

Provozierte heftige Reaktionen: Das Video zu «Wacken» (2014)

Video

Erinnert an Udo Lindenberg: «St. Pauli» (2014)

Video

Klassiker: Jan Delays «Irgendwie. Irgendwo.Irgendwann» nach Nenas Original (1999)

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Absolute Beginner: «Liebes Lied» (2004)

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