Ein Rapper verirrt sich in der Opera buffa

Der Rapper Manuel Liniger alias Manillio kam völlig unverhofft zu seiner Rolle in der Oper «Figaro¿». Morgen wird das fellineske Spektakel am Theater Orchester Biel Solothurn uraufgeführt. Manillio spielt die legendäre Titelfigur und damit ein wenig sich selbst. Eine Begegnung.

Wo gehts lang? Rapper Manillio trifft auf eine fellineske Opernfigur.

Wo gehts lang? Rapper Manillio trifft auf eine fellineske Opernfigur. Bild: zvg

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«Liniger in die Maske, bitte!» Von dieser Durchsage aufgeschreckt, eilt der junge Hauptdarsteller davon. Es dauert nur noch eine halbe Stunde, bis die Hauptprobe beginnt. Viel Make-up braucht Manuel Liniger, bekannt unter seinem Künstlernamen Manillio, allerdings nicht: Er spielt gewissermassen sich selbst, also einen Rapper aus Solothurn.

Sein Kostüm sei eine Manillio-Uniform, verrät er lächelnd. Sein Look: ein gestreiftes T-Shirt, Converse-Turnschuhe und enge Jeans. So verirrt sich Manillio in der Oper «Figaro¿», einer eigenwilligen Produktion von Theater Orchester Biel Solothurn. Der Berner Autor und Musiker Raphael Urweider hat das Libretto geschrieben, Christian Henking die Musik.

Dieser mit einem umgekehrten Fragezeichen versehene «Figaro» ist voller szenischer und musikalischer Zitate. Ausgangslage ist die Komödie «La folle journée ou le mariage de Figaro» (1786) von Augustin Caron de Beaumarchais. Die in Sevilla angelegte Handlung um einen heiratswilligen Diener am Hof eines intriganten Grafen inspirierte Mozart zu einer seiner berühmtesten Opern, zu «Le nozze di Figaro».

Urweiders Story dekonstruiert den Mythos, führt durch Stile und Epochen und macht auch das Theatermachen selbst zum Thema. Die Figur des Beaumarchais, dargestellt von Bariton Geani Brad, tritt auf die Bühne und veranstaltet das, was der französische Polemiker bekanntlich so liebte: eine wahre Opera buffa, sprich ein fellineskes Spektakel mit turmhohen Perücken, überdrehtem Humor und zeitgenössischem Rap.

Geistiger Sohn von Greis

Beaumarchais ist so etwas wie der Spielleiter in diesem Käfig voller Narren. Er will seine Vorstellung von Oper und Theater wiederaufleben lassen und trifft dabei auch auf Figaro, einen ungestümen Rapper.

Ursprünglich hätte der Lausanner Rapper Grégoire Vuilleumier alias Greis den Part spielen sollen. Ein unverhofft gewonnenes New-York-Stipendium hielt ihn davon ab.

Nun schlüpft mit Manuel Liniger so etwas wie ein geistiger Sohn von Greis in die Rolle. «Wir haben schon öfters zusammen gerappt, und als ich 18-jährig mit der Musik anfing, zählte Greis zu meinen Vorbildern», sagt Liniger. Als Greis ihn fragte, ob er Figaro sein wolle, sei ihm erst einmal ein wenig mulmig geworden. «Mit Theater und Oper hatte ich bisher nichts am Hut, die Figur des Figaro kannte ich kaum», sagt der 27-Jährige, sitzend in seiner Garderobe.

Doch diese Herausforderung auszuschlagen, kam für Manillio nicht infrage. «Das nicht zu machen, das wäre schon sehr verwöhnt gewesen.» Er habe aber auch mit offenen Karten gespielt und Regisseur Andreas Zimmermann deutlich gesagt, was er könne und was nicht. «Schauspielerfahrung hatte ich null», so Manillio. Seine Figaro-Figur platze – genau wie er selbst – in die verrückte Welt von Beaumarchais hinein.

Handlanger und Frauenheld

Dort trifft er auf eitle Frauen und rachsüchtige Männer, aber auch auf Skurriles wie den staubsaugenden Hauswart, der die in der Vergangenheit verhafteten Buffa-Figuren entstauben will. Figaro muss als Handlanger überall mitanpacken – das erinnert ein wenig an den armen Kerl in Rossinis Oper, der mit seinem zungenbrecherischen «Figaro hier, Figaro da» in die Musikgeschichte einging. Ansonsten hat Manillios rappende Figur aber nicht mehr viel mit dem Barbier aus Sevilla (siehe Besserwissen) gemein.

Mit einem Song auf Französisch geht die Hauptprobe los. Er liebe alle Mädchen, die Königinnen, die Prinzessinnen und die dummen Kühe, reimt Manillio und wird gleich lautstark unterbrochen. «Viel zu leise», ruft jemand. Die Techniker rotieren, und Manillio muss zurück in den Zuschauerraum, von wo aus er mit seinem Sprechgesang die Welt der Oper entert.

Vorstellungen bis 12.6.
Premiere: Fr, 28.2., 19.30 Uhr im Theater Orchester Biel Solothurn.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 27.02.2014, 15:15 Uhr

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