«Ein Bassist macht alles»

Ron Carter gab an den Langnauer Jazz Nights ein brillantes Konzert. Später sprach er über seine Rolle als Bandleader.

Ein Leben für den Jazz: Grossmeister Ron Carter.

Ein Leben für den Jazz: Grossmeister Ron Carter.

(Bild: Manuel Zingg)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Da steht er also. Sehr aufrecht, sehr aufgeräumt, in weissem Hemd, Krawatte und Hosenträgern, an seinen Schultern lehnt der glänzende Kontrabass. Steht da, 82-jährig, der Mann, der alles gesehen, alles gehört, gespielt und alles gelebt hat, was es im Jazz gibt: Ron Carter, einer der wichtigsten Musiker des Genres. Einst Mitglied im «zweiten Quintett» von Miles Davis, hat er mit fast allen Jazzmeistern zusammengearbeitet. Er gilt als hervorragender Komponist und Cellist. Er hat das Bassspiel revolutioniert und dem Instrument zu neuer Bedeutung verholfen. Carter ist der am häufigsten auf Tonträgern aufgenommene Jazzbassist der Welt. Er spielt auf weit über 2000 Aufnahmen.

«Ich mache weiter, weil es immer noch so viel Musik gibt da draussen, die es zu entdecken gibt.»Ron Carter, Jazz-Bassist

Da steht er also auf er Bühne der Kupferschmiede in Langnau. Links von ihm Pianist Donald Vega, rechts Schlagzeuger Payton Crossley und Jimmy Greene am Tenorsaxofon. Gut 40 Minuten sind schon vergangen, vier Lieder sind nahtlos ineinander übergegangen: «Five Nine Five» etwa oder «Flamenco Scetches». Von Smooth- zu Modal-Jazz, Elemente von Groove, Latin-Jazz und zarte Bossa-Nova-Rhythmen waren zu vernehmen, alles unfassbar leicht und gleichzeitig tief. Und mitten drin eben dieser Mann, für den es ein Aufhören nicht gibt. Rund 12 Stunden später wird er im Hotel Schloss Hünigen sagen: «Ich mache weiter, weil es immer noch so viel Musik gibt da draussen, die es zu entdecken gibt. Musikmachen steigert meine Neugierde.» Es gebe so viele Möglichkeiten, besser zu werden. Neue Kombinationen von Noten, neue Melodien, eine bessere Art, einen bestimmten Ton zu spielen.

Bass statt Cello

Carter ist 1937 in Michigan geboren und hat zuerst acht Jahre lang Cello gespielt. Auf Bass gewechselt hat er, weil eine Karriere als Cellist damals für einen schwarzen Mann in Amerika unmöglich schien. Natürlich verspüre er Reue, sagt er heute. Noch immer lasse es ihn innerlich aufseufzen, dass er wegen seiner Hautfarbe gezwungen gewesen sei, das Instrument zu wechseln. «Aber ich habe es getan. Und hier bin ich nun. Ich habe mein Bestes gegeben.»

Das Konzert geht in ein langes Basssolo über, in dem Carter Bluesrhythmen und Johann Sebastians Bachs Cellosuiten miteinander verbindet. Genauso erhaben geht es weiter zu «My Funny Valentine», eine Zwiesprache zwischen Klavier und Bass, die an Chopins «Nocturnes» erinnert.

Ron Carter ist ein Bandleader, der im Hintergrund bleibt, gleichzeitig seine Mitmusiker aber immer zu Neuem inspiriert. Ein Bassist mache alles, erzählt er. Er spiele die Noten, das Tempo, sorge für die Intensität, den Groove, für die Form, die Intonation. «Meine Aufgabe ist es, meine Leute nicht nur immer wieder anders, sondern immer wieder interessanter spielen zu lassen. Wie schaffe ich es, die Band zu jener Musik hinzuführen, die ich in mir habe? Diese Frage stellt sich immer wieder. Bei jedem Konzert.» Das Entscheidende sei, wie man seine Musik für andere wichtig machen könne. «Bin ich genügend überzeugt von meiner Musik, dass sie auf ein anderes Leben Einfluss nehmen kann?»

Das kann sie. Nach knapp 90 Minuten und einem wilden «You, the Night and the Music» ist die Musik auch in die Zuschauer übergegangen.


Am Samstag, 27. Juli, spielt Ron Carter mit Ethan Iverson (Piano) um 23:00 in der Kupferschmiede Langnau.

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