Eiger, Mönch und Roxette

Sie waren die Pop-Idole der Neunzigerjahre. Was gibt es heute noch zu sehen bei Roxette in der ersten Reihe, mit 9000 Menschen im Rücken, auf über 2000 Meter über Meer? Ein Besuch am Snowpenair.

Die Berge sind nur Bühnenkulisse: Roxette am Snowpenair auf der Kleinen Scheidegg.

Die Berge sind nur Bühnenkulisse: Roxette am Snowpenair auf der Kleinen Scheidegg. Bild: Christian Herzig/konzertbilder.ch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kalt. Zuerst einmal ist es kalt. Und neblig. Tückisch das verschneite Gelände, wo es doch überall bergauf und -ab geht. So balanciert man sich zwischen Klappstühlen, Isolationsdecken, Weissweinbechern und Bierdosen über den Hang. Es gilt die alte Bergsteigerweisheit: Solange man noch friert an den Zehen, ist alles in Ordnung.

Das grösste, das längste, das schönste Openair . . . Superlative helfen bei der Vermarktung. Aber ist es eine gute Idee, sich dafür zu entscheiden, das höchste Festival zu veranstalten, «das einzige Freiluftkonzert im Schnee» (Eigenwerbung), auf der Kleinen Scheidegg auf über 2000 Meter, anfangs April? In anderen Jahren offenbar schon, 15 vorangegangene Veranstaltungen zeugen davon.

Doch in diesem Frühling 2013 schert sich die Sonne nicht um das Treiben auf der Bühne. Einerlei sind ihr die Auftritte der lokalen Vertreter aus Rap und Rock, MC Juli und Hanery Amman. Wolkenverhangen auch das Konzert der Gäste aus Amerika, One Republic. Die heilige Dreifaltigkeit der Berner Oberländer Alpen aus Eiger, Mönch und Jungfrau strahlt einzig vom Bühnenbild.Nun also Roxette. Beide hätten sie gerne als Letzte, als Headliner gespielt, Roxette und One Republic.

Die Festivalleitung gab den Schweden den Vorzug. One Republic sprachen offenbar noch davon, dafür nach dem früheren Auftritt auf die Skier stehen zu wollen. Vorher durften die aus dem ebenfalls bergigen Colorado stammenden Popmusikanten nicht, zu gross war wohl die Angst der Veranstalter, sie könnten im Nebel verloren gehen.

Und dieser ist – entgegen den Versprechungen der Festivalleitung am Morgen – mittlerweile eher noch dichter geworden.

«Bio»-Kappen und Blumenketten

Die Metallplatte am Boden vor der Absperrung zum Bühnengraben transportiert die Schneekälte unerbittlich an die Schuhsohlen. Ein Blick zurück, den Hang hinauf. 9000 Menschen am ausverkauften Konzert, auffallend viele helle Punkte in der Menschenmenge.

Es ist das Land der beigen Grossverteiler-«Bio»-Kappen und roten Blumenkränze. Ein Festival-Phänomen, das auch in der Höhe auftritt: Gratis verteilte Promo-Artikel finden breitwillige Träger, und wer schon eine Mütze hat, setzt sich das Goodie einfach obendrauf. Stilfragen sind sowieso nebensächlich in Skihosen und Snowboardjacken. Nur bei den Sonnenbrillen spielt der Markt der Eitelkeiten.

Ob es noch freie Stellen gab an den Wänden des Zimmers der grossen Schwester des Primarschulfreundes, das lässt sich aus der Erinnerung nicht mehr einwandfrei konstruieren. Gross können die Lücken zwischen den Roxette-Postern aber nicht gewesen sein. Mit abenteuerlichen Frisuren, im Lederoutfit, sie im goldenen BH, so hingen sie an den Wänden, Marie Fredriksson und Peer Gessle. Erscheinungen, die daherkommen, wie ihre Musik klingt: Schamlose Popmelodien, sorgsam gewandet in rockige Gitarrenklänge.

«Eine ganz, ganz, grosse Sache»

Das Wetter für den goldenen BH wars nun wirklich nicht, und überhaupt sind diese Zeiten vorbei. Während Gessle in weissen Röhrenjeans immer noch den Jungspund gibt, tritt Fredriksson im weiten, hochgeschlossenen Mantel auf. Gebräunt und mit blondierter Kurzhaarfrisur wirkt sie wie ein gut gealtertes Popidol. Doch der Eindruck täuscht: Sie kämpft mit den Folgen eines Hirntumors, musste nach der Heilung ihre motorischen Fähigkeiten wieder erlangen.

Sie lässt sich wenig anmerken, die etwas dünnere Stimme wird durch die Unterstützung einer Backgroundsängerin pariert. Doch wie sie am Ende von der Bühne geht, gestützt von einem Helfer wird klar: Das Konzert muss eine Parforce-Leistung gewesen sein für die 55-Jährige.

Zum Schluss tritt noch einmal ein leutseliger Moderator Sascha Ruefer auf die Bühne. Auch er trifft auf ein dankbares Publikum und kann sagen, was er will, er wird bejubelt wie die Musiker vor ihm. Sogar seine Geheimniskrämerei nimmt ihm niemand so richtig übel: Der Entscheid zum Headliner fürs nächste Jahr sei heute gefallen, wer es sei, dürfe er nicht verraten. Es werde aber «eine ganz, ganz, grosse Sache». Wer es auch sein mag, viele der 9000 kommen wohl wieder. Mit etwas Glück ist es im nächsten Jahr schöneres Wetter. Und Eiger, Mönch und Jungfrau nicht nur auf dem Bühnenbild zu bewundern. (Der Bund)

Erstellt: 09.04.2013, 14:46 Uhr

Artikel zum Thema

Nostalgische Stimmung im Hallenstadion

Wenige Bands stehen so sehr für die 90er Jahre wie Roxette. Und die Sehnsucht nach der Dekade scheint gross: Das Pop-Duo spielte an seinem ersten Auftritt in der Deutschschweiz seit vielen Jahren vor vollem Haus. Mehr...

Kommentare

Blogs

Geldblog So werden Sie im Alter zum Lebenskünstler

Mamablog Gewalt entsteht aus Überforderung

Abo

Die ganze Region. Im Digital-Light Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital im Web oder auf dem Smartphone nutzen. Für nur CHF 17.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...