Dumping-Gagen für Berufsmusiker

Tiefstgagen für Berufsmusiker trotz Millionenbudget: Der Fall des neuen Opernfestivals La Perla sorgt für kontroverse Diskussionen. Wie gut bezahlen andere Festivals und Veranstalter? Ist der Musikermarkt übersättigt?

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Oliver Meier@mei_oliver

Wunder kosten viel Geld. Wenn Maestro Claudio Abbado mit dem Lucerne Festival Orchestra Mitte August das glanzvollste Klassikfestival der Schweiz eröffnet, wird das teuer. Nicht nur für das Parkettpublikum (Ticketpreis: 320 Franken) – auch für den Veranstalter. Rund eine halbe Million Franken koste ein Auftritt des Festivalorchesters, heisst es hinter vorgehaltener Hand. Offizielle Zahlen gibt es nicht.

50 Kilometer weiter ist eine andere Welt. Wenn nächste Woche das Symphonische Orchester Zürich am Pfäffikersee zur Premiere von Verdis «Aida» aufspielt, können die Musiker von Luzerner Verhältnissen bloss träumen. Beim neuen Opernfestival La Perla, grossflächig beworben als «grösstes Klassik-Open-Air der Deutschschweiz», werden die Berufsmusiker mit 130 Franken pro Aufführung abgespeist – 50 Franken mehr als für eine (dreistündige) Probe. Das ist weniger, als in der Regel das Putzpersonal erhält. Spesenvergütung und Ausfallhonorar bei schlechtem Wetter? Fehlanzeige.

Vergiftetes Klima

Seit der Schweizerische Musikerverband (SMV) den Fall Mitte Juni publikmachte, ist das Klima vergiftet. Auf Communiqués folgen Gegencommuniqués. Mit kühler Marktrhetorik parieren die Veranstalter die Skandal-Emphase des Verbands – und freuen sich über die Gratiswerbung. Der Vorverkauf laufe ausgezeichnet, frohlockt die Medienstelle, der Aufruhr um «Dumpinglöhne» und der Boykottaufruf des Verbands habe dem Festival «überhaupt nicht geschadet».

Sergio Fontana, künstlerischer Leiter von La Perla, sagt auf Anfrage, er könne «diese Gagendiskussion» nicht ansatzweise nachvollziehen. «Was die Damen und Herren beim SMV vergessen: Das unternehmerische Risiko liegt bei den Veranstaltern. Diese gehen enorme Risiken ein und werden durch solche Gebaren des SMV von der Verpflichtung von Schweizer Musikern abgeschreckt», behauptet Fontana, der als Mitbegründer und früherer Leiter des Opernfestivals Avenches zu den wichtigen Playern der Branche gehört.

Der Tenor im Musikbetrieb klingt allerdings anders. Christoph Müller, Intendant des Menuhin Festivals Gstaad und einer der einflussreichsten Klassikmanager des Landes, hält fest: «Es ist eine entwürdigende und schamlose Ausnutzung von professionellem Know-how und als Notsignal der Musikerbranche zu verstehen, wenn Berufsmusiker zu solchen Tarifen spielen gehen.» Stossend erscheinen die Ansätze vor allem im Verhältnis zu den Ticketpreisen (89 bis 249 Franken) und zum Gesamtbudget von 3,5 Millionen Franken, mitgetragen von der staatlichen Kulturförderung des Kantons Zürich. Damit – und mit den 32'000 Tickets im Angebot – markiert La Perla seine Ambitionen im verschärften Konkurrenzkampf der Klassikfestivals.

«Ich meine, junge Musiker müssen in den ersten Jahren ihrer Karriere bereit sein, zu investieren und zu massiv tieferen Ansätzen zu spielen, solange das künstlerische Produkt stimmt», sagt Christoph Müller. Aber: «Tiefe Löhne bei einem kommerziellen Projekt wie ‹Aida› nützen nur den Produzenten.»

Graziella Contratto, renommierte Dirigentin und Leiterin des Fachbereichs Musik der Hochschule der Künste Bern, steht der Gagenkontroverse «zwiespältig» gegenüber: «Es ist ein Sommerjob in idyllischer Umgebung mit Erfahrungswerten gerade für junge Orchestermusiker, die ich persönlich mit einer niedrigeren Entlöhnung verantworten könnte, weil sozusagen das ‹Lehrgeld› einberechnet ist», sagt Contratto. «Bei durchmischten, generationenübergreifenden Orchestern sieht die Lage aber anders aus. Da kann ich den Schutzimpuls des Musikerverbands nachvollziehen.»

Ex-Konsidirektor unter Druck

Das Symphonische Orchester Zürich besteht aus einem Pool von rund 150 meist jungen, gut ausgebildeten Musikern mit Masterabschluss. 78 davon spielen nun am Pfäffiker Seequai auf.

Der Orchesterverantwortliche Werner Schmitt, Ex-Direktor des Berner Konsi, ist in den letzten Wochen unter Druck geraten, weil er den einschlägigen (Pauschal-)Vertrag des Festivals unterzeichnet hat. Schmitt sagt: «Bei der Entscheidung eines Musikers, ob er ein Projekt akzeptiert, ist immer das künstlerische Interesse ein zentraler Faktor, der mindestens so stark gewichtet wird wie das Honorar. Dass man davon alleine nicht satt wird, versteht sich», so Schmitt. «Keinesfalls darf es die Aufgabe des Berufsverbandes sein, die Möglichkeiten für Nachwuchsmusiker, dass sie Erfahrungen sammeln können, zu sabotieren.»

Die Minimaltarife des Musikerverbands sind mehr als doppelt so hoch wie bei La Perla: 205 Franken beträgt der Ansatz für eine Probe, 238 für eine Aufführung – Ferienentschädigung und Sozialleistungen inbegriffen (die Grundtarife betragen 175/203 Franken). Bei Auftritten von professionellen Orchestern werden die Verbandstarife oft, aber längst nicht immer bezahlt – das gilt namentlich für die Festivals.

Opera St.Moritz im Visier

Laut Barbara Aeschbacher, Zentralsekretärin des SMV, steht nicht nur das Symphonische Orchester Zürich schon länger im Visier des Verbands, auch etwa das auf Filmmusik spezialisierte 21st Century Symphony Orchestra aus Luzern. Bei den Festivals nennt Aeschbacher explizit die Opera St.Moritz, wo im Sommer jeweils in Grand-Hotels Werke bekannter Komponisten inszeniert werden.

Der Fall St.Moritz ist auch deshalb interessant, weil er ein Licht wirft auf eine verbreitete Praxis: die Verpflichtung von ausländischen Orchestern zu oft undurchschaubaren Bedingungen. Bei La Perla haben die Verantwortlichen explizit festgehalten, dass «noch billigere» Orchester aus dem Ausland zur Verfügung gestanden wären. «Es ist natürlich nicht im Interesse des SMV, dass ausländische Orchester geholt werden», sagt Verbandsvertreterin Aeschbacher. «Kommt ein Orchester aus dem EU-Raum zum Einsatz, gelangen wir jeweils an die tripartiten Kommissionen, mit der Bitte, genau hinzuschauen.»

Sprunghafter Anstieg

Zwar ist der Musikermarkt schon lange international geprägt. Doch Berufsmusiker aus dem (nahen) Ausland drängen zunehmend auf den Schweizer Markt. 2010 waren 2000 ausländische Berufsmusiker zu verzeichnen – 800 mehr als zehn Jahre zuvor. Hintergrund dürfte nicht zuletzt das grosse Streichkonzert in Europa sein: Vor allem in Italien, aber auch in Deutschland wird im Opern- und Orchesterbereich teils massiv gespart. Kommt hinzu: Die Zahl der Schweizer Berufsmusiker ist in den vergangenen zehn Jahren sprunghaft angestiegen – von 3400 auf 5000. Kein Wunder, dass Beobachter von einem «übersättigten Markt» sprechen. Und auf einem übersättigten Markt geraten die Gagen für Freischaffende besonders unter Druck.

Wie realistisch die Minimaltarife des Verbands sind, ist durchaus umstritten. «Kaum ein Chor oder sonst ein freier Veranstalter kann es sich leisten, die Tarife zu zahlen», meint Werner Schmitt. Verbandsvertreterin Aeschbacher bestreitet das. «Veranstalter müssen von Anfang an richtig budgetieren. Orchester erhalten häufig, was noch übrig ist. Das ist nicht fair.» Christoph Müller findet, die Verbandstarife seien eigentlich «an der unteren Limite»: «Das Know-how eines Berufsmusikers ist auf intellektueller wie auch auf handwerklicher Ebene enorm. Wenn ein Musiker zwei Proben am Tag hat, verdient er immer noch weniger als ein Jurist in einer Stunde.»

Welche Sommerfestivals die Tarifvorgaben einhalten erfahren Sie hier.

Berner Zeitung

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