«Die Schweizer Neutralität muss jetzt ein Ende haben»

Konzertkritik

Madonna trat am Wochenende im Zürcher Letzigrundstadion auf. Neben viel Nostalgie und Tanzroutine gabs auch leere Plätze und Pussy-Riot-Bekundungen.

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Madonnas Konzert im Zürcher Letzigrund sorgte in den Medien bereits im Vorfeld für Schlagzeilen: Die 54-jährige Musikerin brachte nicht alle Tickets weg. Waren 129 Franken zu viel Geld für die Show einer zwar immer noch unheimlich beweglichen, aber dennoch unaufhaltsam älter werdenden Frau?

Bis die Abendkasse des Letzigrundstadions endgültig schloss, waren jedenfalls noch Tickets erhältlich. Doch wer rechnen konnte, kaufte sie einem der zahlreichen Privathändler ab, die sich vor dem Stadion in Position brachten. Dort waren Stehplätze bereits für mickrige 25 statt 129 Franken zu bekommen. Ein Zehnjähriger mit gewieften Eltern schwenkte Tickets, die man loswerden wollte, am Ende eines Besenstiels.

Mehr Madonna, weniger Freakshow

«Es könnte voller sein», stellte ein Besucher lapidar zu Beginn der Show fest. Er hatte recht. Etliche rote Klappstühle blieben unbesetzt und auch in der hinteren Hälfte der weiss bedeckten Rasenfläche standen die Zuschauer alles andere als dicht gedrängt. Um 20.38 Uhr ging das Licht aus, ein verhaltener Applaus begrüsste sechs bordeauxfarbig verhüllte Mönche, die einen gigantischen Weihrauchkessel über der Bühne schwenkten und die Show einläuteten.

Was Madonna während der ersten drei Songs ihrer MDNA-Tour bot, war eher eine gewalttätige denn eine gewaltige Show. Mit Maschinengewehr und Knarre schoss sie auf ihre Tänzer, hing in «Gang Bang» in einer kleinen Motelzimmer-Atrappe an der Alkoholflasche, die vermutlich mit Bio-Miso-Suppe gefüllt war und liess auf einer Leinwand hinter ihr Blut spritzen. Das Ganze war etwas irritierend. Man kann nicht sagen, die Menge hätte getobt.

Ab Lied vier, «Papa don’t preach» wurde dann niemand mehr erschossen, Madonna schwang ihr Bein in Yogamanier über den Kopf und selbst auf den Sitzplätzen begannen Einzelne zu tanzen. Ab Song acht, «Give me all your Luvin’» in Cheerleaderoptik und mit hämmernden Tamburen schien das Eis aufzutauen und auf der Bühne war mehr Madonna und weniger Freakshow zu sehen. Dem Publikum wars recht.

«Free Pussy Riot!»

Dann ein Publikumspiel aus aktuellem Anlass. «Free Pussy Riot», forderte Madonna und äusserte so ihren Missmut über die Haftstrafe der drei russischen Punkmusikerinnen. Das sei ein ungerechtes Urteil, so Madonna. Sie wolle den Rest ihres Lebens gegen Diskriminierung und Vorurteile kämpfen. Jedem Satz fügte sie ein autoritäres «Okay?!» an. Jeder solle den Gott anbeten, an den er glauben wolle und seine Meinung frei äussern dürfen. «Okay?!» Und man solle hier und heute dafür zu kämpfen beginnen. Auch in der Schweiz. «Okay?!» Die Schweizer Neutralität müsse jetzt ein Ende nehmen – und immerhin brachte sie die Zürcher Konzertbesucher schon mal dazu, «Free Pussy Riot» zu skandieren. Okay!

Danach zog sie in «Human Nature» die Hosen ein wenig herunter und zeigte den vordersten Reihen den blanken Ansatz ihres durchtrainierten Popos, wofür sie mit tosendem Applaus belohnt wurde. In «Erotic Candy Shop» betatschte Madonna ihre Tänzerinnen, was aber – auch kostümtechnisch – eher an DJ Bobo als an die Sexgöttin, die Madonna einst war, erinnerte. Zu glatt, zu einstudiert.

Auf den stimmungsmässigen Höhepunkt kam das Konzert bei dem vorletzten Lied, «Like A Prayer». Die Hände der Zuschauer schnellten in die Höhe, Madonna und die Menge waren im pumpenden Rhythmus der Nostalgie vereint. So lässt sich denn auch der Abend – und wohl auch Madonnas mittelfristige Live-Zukunft zusammenfassen: Spielt sie ihre Klassiker, ist die 54-Jährige ihr Geld immer noch wert.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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